Chronik einer Fehleinschätzung Wie der EZB die Inflation davonlief

An diesem Donnerstag wird die Notenbank nach mehr als zehn Jahren des billigen Geldes wohl ihren Kurs ändern. Eine historische Zäsur. Doch kommt sie angesichts der hohen Inflation zu spät? Was ist schiefgelaufen? Eine Chronik.
EZB-Chefin Christine Lagarde (li), US-Finanzministerin Janet Yellen: Sorry but no sorry

EZB-Chefin Christine Lagarde (li), US-Finanzministerin Janet Yellen: Sorry but no sorry

Foto: Andrew Harrer / Bloomberg via Getty Images

"Ich glaube, ich habe mich damals geirrt, was die Entwicklung der Inflation angeht", hat Janet Yellen (75), die frühere Chefin der US-Notenbank Fed, in der vergangenen Woche gesagt. Sie habe die Schocks und ihre Wirkungen auf die US-Wirtschaft einfach nicht richtig vorhergesehen, als sie die Inflation noch 2021 als "kleines Risiko" bezeichnet habe.

Christine Lagarde (66), die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), betont dagegen, sie habe nichts zu bereuen. Wichtig sei, jederzeit "angemessen" und "flexibel" auf das Auf und Ab von Geldwert und Konjunktur zu reagieren, sagte Lagarde im April bei einem Gespräch in Hamburg, man sei "auf dem Weg zur Korrektur". Inzwischen hat sie eine historische Kurswende angekündigt.

An diesem Donnerstag soll das EZB-Direktorium bei der Sitzung in Amsterdam die Zäsur beschließen. Der Rat wird voraussichtlich das Ende des milliardenschweren Anleihe-Kaufprogramms APP verkünden, was wiederum die Voraussetzung für eine Zinserhöhung im Juli ist. Im September soll dann eine weitere Zinserhöhung folgen, die den Einlagezins für Banken von derzeit minus 0,5 Prozent auf 0 Prozent bringen würde – das Ende der Negativzinsen.

Die Notenbank leitet damit nach 13 Jahren das Ende der Niedrigzinspolitik  ein. Im Frühjahr 2009 hatte die EZB auf die Finanz- und Schuldenkrise reagiert und den Leitzins von 4 auf 1 Prozent heruntergeprügelt. Seit 2016 liegt der Leitzins in der Eurozone bei 0 Prozent. In ihrem Bemühen, eine Rezession sowie fallende Preise (Deflation) zu verhindern, hatten die Notenbanken weltweit die Märkte über Jahre mit billigem Geld geflutet – trotz Warnungen vor drohender Inflation.

Nun können auch die Notenbanker die Preissteigerungen nicht länger ignorieren. Binnen 17 Monaten ist die Inflation in Euroland von 0,9 Prozent (Januar 2021) auf 8,1 Prozent (Mai 2022) emporgeschnellt, es ist die höchste Teuerungsrate seit Einführung des Euro (siehe Grafik). Getrieben von explodierenden Energie- und Lebensmittelpreisen könnte sie im Juli neue Rekordwerte erreichen.

Haben die Währungshüter die Inflationsentwicklung schlicht unterschätzt? Kommt das Wendemanöver nun zu spät? Eine Chronologie der vergangenen 17 Monate hilft, diese Fragen zu beantworten. Sie zeigt auch, wie die EZB mit ihrer wichtigsten Währung – Vertrauen – umgeht.

Frühjahr 2021: Die Geldparty erreicht den Höhepunkt

Euro-Inflationsraten 0,9 Prozent (Januar), 0,9 (Februar), 1,3 (März)

EZB: Tempo der Anleihekäufe erhöhen; Fed: Stimulus lieber "too big" als "too small"

Anfang 2021 verlässt sich die EZB noch voll auf die alten Rezepte: Mit billigem Geld der Wirtschaft aus der Corona-Krise helfen. Die langsame Steigerung der Inflation wird von den Währungshütern damals zwar wahrgenommen. Die EZB werde jedoch durch den Anstieg der Inflation "hindurchsehen", sagt Lagarde. Schließlich sei der Preisauftrieb durch "vorübergehende Faktoren" wie die Corona-Folgen sowie durch die Anpassung der Mehrwertsteuer in Deutschland bestimmt. "Vorübergehend" wird eines der entscheidenden Worte für die kommenden Monate, "transitory" auf Englisch.

Als Folge dieser Einschätzung erhöhen die Eurobanker das Tempo ihrer Anleihekäufe: Die Käufe im Rahmen des "Pandemic Emergency Purchase Programme" (PEPP) sollen im zweiten Quartal sogar noch "deutlich umfangreicher ausfallen" und auf das reguläre Anleihekaufprogramm (APP) "obendrauf" kommen. Devise: Viel hilft viel.

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