Geballte Kritik an der EZB "Zu wenig, zu spät, zu zögerlich"

Die EZB plant Zinserhöhungen – doch Zeitpunkt und Tempo der Zinswende stoßen in der deutschen Wirtschaft auf breite Kritik. Die Notenbank handle "zu spät". Angesichts der hohen Inflation sei der Zeitplan außerdem "zu zögerlich."
In der Defensive: EZB-Chefin Christine Lagarde muss die Inflation wieder einfangen – und ist nun selbst eine Getriebene

In der Defensive: EZB-Chefin Christine Lagarde muss die Inflation wieder einfangen – und ist nun selbst eine Getriebene

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ANDREW CABALLERO-REYNOLDS / AFP

Aus der deutschen Wirtschaft kommt starke Kritik am Tempo der Europäischen Zentralbank (EZB) bei den geplanten Zinserhöhungen. "Zu wenig und zu spät", sagte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura, am Donnerstag zu der angekündigten Zinswende. "Dieser Zeitplan ist immer noch zu zögerlich", sagte auch der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, Christian Ossig.

Die EZB hatte zuvor für Juli die erste Zinsanhebung seit elf Jahren signalisiert, die mit 0,25 Prozentpunkten aber klein ausfallen soll. Im September wollen die Währungshüter um Notenbankchefin Christine Lagarde dann nachlegen – womöglich mit einem stärkeren Anstieg. Die EZB steht vor dem Dilemma, die Inflation von derzeit 8,1 Prozent in der Eurozone wieder rasch senken zu müssen. Erhöht sie die Zinsen jedoch deutlich und in schneller Folge, dürften viele der hoch verschuldeten Länder Südeuropas wie etwa Italien Probleme bekommen.

Die Bundesbank rechnet inzwischen mit einer durchschnittlichen Inflation von 7 Prozent in diesem Jahr. Viele Ökonomen fürchten eine Lohn-Preis-Spirale: Die IG Metall fordert bereits eine Lohnerhöhung von mindestens 6 Prozent für die Beschäftigten in der Metallindustrie.

"Anstelle der notwendigen, deutlichen und schnellen Zinserhöhung, läuft die EZB der Zinsentwicklung weiter hinterher", sagte Jandura. "Die zögerliche Entscheidung der EZB schadet dem Euro." Je später und je sachter die ersten Zinsschritte werden, umso heftiger werde die dann nötige Korrektur ausfallen müssen.

"Das fundamental geänderte Preisumfeld rechtfertigt einen negativen Leitzins bis in den Herbst hinein nicht mehr", sagte Ossig mit Blick auf den Einlagezins von aktuell minus 0,5 Prozent, den Banken für bei der EZB geparktes Geld zahlen müssen. Dieser bliebe damit zumindest bis September im negativen Bereich . Die EZB sollte deshalb im Juli und damit noch vor der Sommerpause ihre Negativzinspolitik mit einer Erhöhung um einen halben Prozentpunkt in einem Schritt beenden. "Das wäre ein deutliches und dringend notwendiges Signal an Verbraucher, Unternehmen und Tarifparteien", sagte Ossig.

"Von einer klug eingeleiteten Wende kann keine Rede sein"

Kritik kommt auch von den Familienunternehmern. "Durch ihre völlige Fehleinschätzung der Inflation ist die EZB nun selbst eine Getriebene und muss jetzt ein deutliches Zeichen setzen, dass sie die Preisstabilität überhaupt noch ernst nimmt", sagte Hauptgeschäftsführer Albrecht von der Hagen. "Von klug eingeleiteter geldpolitischer Wende kann nicht die Rede sein." Schon lange habe die EZB ihre eigentliche Aufgabe – stabile Preise zu gewährleisten – aus den Augen verloren. Die Geldflut der EZB gelte als einer der wesentlichen Treiber der Kerninflation. "Die Kosten für Bürger und Unternehmen sind bereits unverantwortlich hoch", sagte von der Hagen.

Für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht die Entscheidung insgesamt in die richtige Richtung. Die EZB könne zwar mit ihrem Handeln nicht die importierten Inflationstreiber in Form der dramatisch gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise komplett einfangen. "Jedoch würde ohne Zinswende der Euro gegenüber dem Dollar noch schwächer werden", sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. "Dann würde importiere Energie sogar noch teurer werden als ohnehin schon." Die EZB steht insgesamt vor keiner leichten Aufgabe. "Es ist aus Sicht der Wirtschaft wichtig, mit einer maßvollen Zinserhöhung gegen die Erwartung einer sich hartnäckig festsetzenden Inflation anzugehen und eine Lohn-Preis-Spirale zu verhindern", so der DIHK-Experte. Die Konjunktursignale seien derzeit aber so negativ, dass der Spielraum für Zinserhöhungen begrenzt sei.

la/Reuters
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