Billigflieger als Vorbild im Zugverkehr Ryanair-Preise bald auch auf den Gleisen?

Ab 2020 will die EU den Bahnverkehr liberalisieren. Dann hätten Preismodelle wie bei Ryanair und Easyjet auch im Zugverkehr eine Zukunft - zumindest auf dem Papier.
Von Judith Henke
ICE, Flixbus: Die Konkurrenz nimmt zu

ICE, Flixbus: Die Konkurrenz nimmt zu

Foto: Patrick Seeger/ picture alliance / dpa

Von Frankfurt nach Barcelona für 20 Euro - das ist für Billigflüge kein ungewöhnlicher Preis mehr. Doch wer den Weg lieber im Zug zurücklegen möchte, kommt nicht unter 80 Euro davon. Ab 2020 könnte sich das aber ändern - theoretisch. Ab dann möchte die Europäische Union den Bahnverkehr liberalisieren. EU-Mitgliedsstaaten sollen ihre Bahnnetze für alle europäischen Wettbewerber öffnen. Damit wäre der Weg frei für ein Ryanair der Gleise, das europäische Ziele günstig miteinander verbindet.

Dass Billigmodelle den staatlich kontrollierten Monopolisten Konkurrenz machen können, zeigt sich bereits in Italien. 2012 nahm das Startup Italo Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Mailand und Rom in Betrieb. Heute betreibt das Unternehmen vom früheren Ferrari-Boss Luca Cordero di Montezemolo Verbindungen zwischen 17 Städten und hat einen Marktanteil von 30 Prozent. Italo hält seine Fixkosten gering, indem es die Wartung seiner Züge ausgelagert hat, und kann deshalb günstigere Tickets verkaufen.

Marktführer Trenitalia musste deshalb auf allen Strecken, die auch Italo befährt, seine Ticketpreise um knapp mehr als 40 Prozent senken. Auf den betroffenen Strecken ist das Fahrgastaufkommen um 80 Prozent gestiegen. Ryanair und EasyJet haben ihre Flüge zwischen Rom und Mailand gestrichen, weil die Hin- und Rückfahrt mit dem Zug mittlerweile nur noch 40 Euro kostet.

Flixtrain greift Bahn in Deutschland an

Auf eine ähnliche Erfolgsgeschichte hofft Flixtrain. Der Fernbus-Anbieter greift seit 2018 die deutsche Bahn auch auf der Schiene an. Zwischen Köln und Hamburg sowie Stuttgart und Berlin sind die Tickets mit Preisen ab 10 Euro deutlich günstiger als beim großen Konkurrenten. Passagiere müssen dafür auf den Komfort neuer Züge und auf WLAN verzichten. Doch ob sich die Billigkonkurrenz langfristig im Wettbewerb halten kann, ist fraglich.

Die EU-Reform öffnet zwar ab 2020 den Binnenmarkt auf Schienen. Doch die neuen Gesetze schreiben nicht vor, dass Bahnbetrieb und Schienennetz getrennt werden müssen. Das deutsche Schienennetz betreibt DB Netz, eine Tochter der Deutschen Bahn. Das heißt, der Deutsche Bahn Konzern bestimmt, wann und an welchen Haltestellen Züge einfahren dürfen.

DB Netz bestimmt, wer wo fahren darf

Jetzt verklagt Flixmobility die Deutsche Bahn. Der Grund: Der Fahrplan 2019 sei zum Vorteil der Deutschen Bahn und zum Nachteil von Flixtrain festgelegt werden. Zwischen Berlin und Köln könnten Halte im Ruhrgebiet teils mehr als ein halbes Jahr nicht bedient werden. Und auf der Strecke Berlin-München seien die Flixtrain-Züge mehr als zwei Stunden länger unterwegs als die ICE der Deutschen Bahn. So seien die Flixtrains nicht rentabel, klagt Flixmobility. Das Start-up fühlt sich durch die DB Netz diskriminiert.

Noch immer hat die Deutsche Bahn einen Marktanteil von 99 Prozent. Als die Bahn vor fast 25 Jahren in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, sollte sie zu einem unabhängigen Unternehmen werden, das sich am Markt bewährt. Doch der Konzern ist eng mit dem Staat verknüpft. Etwa neun Milliarden Staatsmittel erhält die Deutsche Bahn jährlich. Doch der Marktanteil an Verkehrsmitteln beträgt nicht mal 8 Prozent. 80 Prozent Anteile hat immer noch der PKW-Verkehr.

Zuwächse im Marktanteil verzeichnet nur die Regionalbahn. Damit mehr Menschen auf den Zug umsteigen, müsste die Deutsche Bahn attraktiver werden. Jeder vierte Fernzug im Juli kam zu spät. Bei Unwettern kippen Bäume aufs Gleis, weil der Konzern es verpasst, seine Trassen zu pflegen.

Getlink: Konkurrenz zu Eurostar

Ein großer Teil des rund 9000 Kilometer langen europäischen Netzes für Hochgeschwindigkeitszüge ist noch lange nicht ausgelastet. "Ich bin mir sicher, niedrigere Ticketpreise könnten Millionen neue Passagiere anlocken", sagt Jacques Gounon, Vorstandsvorsitzender von Getlink, gegenüber Bloomberg. Getlink betreibt die Pendelzüge, die durch den Eurotunnel zwischen Großbritannien und Frankreich verkehren.

Das Unternehmen möchte eine Billigalternative zu Eurostar International auf den Markt bringen, dem Betreiber der Hochgeschwindigkeitsverbindungen zwischen Paris und London. Preise für hin und zurück übertreffen zurzeit oft 440 Euro. Getlink-Verbindungen würden schätzungsweise eine gute Stunde länger brauchen als der Eurostar, um von London nach Paris zu kommen. Es gebe kein Bord-Bistro und keine erste Klasse - damit wären die Züge ein Pendant zu Ryanair-Verbindungen, die ebenfalls keine inklusive Verpflegung oder eine Business Class anbieten.

Eine Studie der Roland Berger Consulting Group prophezeit vier Millionen Kunden jährlich für die Getlink-Verbindungen. Die Hälfte dieser Kunden würden von Eurostar kommen. Doch durch das neue Angebot würde auch das Gesamtwachstum an Kunden angekurbelt werden, für die Zugfahren nun die bessere Alternative zum Flugzeug geworden ist.

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