Angriff auf den inneren Kreis Putin und die Oligarchen auf der Schwarzen Liste

Die Russland-Sanktionen des Westens richten sich gezielt gegen Wladimir Putin persönlich und wichtige Personen aus seinem Umfeld. Darunter alte Freunde, Manager, Milliardäre und ein Ex-Schwiegersohn. Ein Überblick.
Inner Circle: Präsident Wladimir Putin und Rosneft-Chef Igor Sechin agieren seit Jahren als enge Vertraute

Inner Circle: Präsident Wladimir Putin und Rosneft-Chef Igor Sechin agieren seit Jahren als enge Vertraute

Foto: SERGEI KARPUKHIN/ REUTERS

Als Reaktion auf Russlands Angriff auf die Ukraine hat der Westen Sanktionen erlassen. Neben den Beschränkungen für die größten russischen Banken und den Handel mit Technologieprodukten treffen sie auch eine Reihe hochrangiger Personen aus dem direkten Umfeld Wladimir Putins (69). Seit diesem Freitag sind auch Putin selbst und sein Außenminister Sergej Lawrow (71) persönlich betroffen, mögliche Vermögen in der EU sollen gesperrt werden.

Mit den individuellen Sanktionen will der Westen den Druck auf Putin und sein Machtsystem erhöhen. Sind einflussreiche Personen persönlich in ihrer Reisefreiheit beschränkt oder werden ihre Vermögen im Ausland eingefroren, so die Logik, könnten sie sich gegen den Kreml-Herrscher stellen. Es gehe darum, "Personen in Putins innerem Kreis und in elitären Positionen des russichen Staates" zu treffen, so die US-Regierung in der Begründung  ihrer Sanktionen vom Donnerstag. "Sie teilen sich die korrupten Gewinne der Kreml-Politik, nun sollten sie auch die Schmerzen teilen", sagte US-Präsident Joe Biden (79).

In den vergangenen Jahren wurde das Mittel der persönlichen Sanktionen immer wieder angewandt, um den Druck zu erhöhen. Nun erstrecken sich die Maßnahmen aber auch auf die Familien der Oligarchen – ein neuer Ansatz.

In dieser Woche verhängten die Europäische Union, die USA und Großbritannien Sanktionen gegen ganz konkret benannte Personen, die an den Angriffsvorbereitungen auf die Ukraine mitgewirkt haben sollen. Neben den 351 Abgeordneten des russischen Parlaments setzte die EU mehr als 20 hochrangige Politiker, Militärs und Wirtschaftsvertreter vor allem aus dem Bankensektor auf die Sanktionsliste . Die britische und in zwei Schritten die amerikanische Regierung folgten mit eigenen Sanktionen , darunter auch gegen einflussreiche Milliardäre und Oligarchen. "Viele dieser Individuen scheinen Teil oder profitieren von der Kleptokratie des russischen Regimes", so die US-Regierung. Hier ein Überblick.

Die Kreml-Spitze:

Wladimir Putin und Sergej Lawrow

Wladimir Putin und Sergej Lawrow

Foto: Sergei Karpukhin/ dpa

Lange schreckten die westlichen Regierungen davor zurück, gegen Präsident Wladimir Putin und dessen Außenminister Sergej Lawrow (71) persönlich vorzugehen. Die Sorge war, dass mit der direkten Konfrontation jegliche Gespräche unmöglich würden. Nun friert die EU zumindest die Konten und Vermögenswerte der beiden ein. Putin gilt als einer der reichsten Staatsmänner der Welt. Vor dem US-Senat erklärte ein Experte vor Jahren, Putins Vermögen belaufe sich auf 200 Milliarden Dollar – Beweise dafür fehlen allerdings. Deshalb ist auch unklar, wie sehr ihn Sanktionen treffen. Lawrow, seit 2004 Außenminister, ist einer von Putins engsten politischen Weggefährten und dessen diplomatischer Kettenhund.

Die Sechin-Familie:

Igor Sechin

Igor Sechin

Foto: PAVEL GOLOVKIN/ AFP

Der Igor Sechin (61) – in Moskau auch "Darth Vader" genannt – ist einer der einflussreichsten Männer in Putins Reich. Der ehemalige KGB-Mitarbeiter kennt Putin noch aus dessen Zeit in der Stadtverwaltung von St. Petersburg und wechselte als einer von dessen engsten Beratern mit nach Moskau. Dort war er zeitweise stellvertretender Ministerpräsident des Landes. Seit 2004 führt er als Vorstandschef mit kurzer Unterbrechung den staatlichen Ölkonzern Rosneft, den nach Gazprom zweitwichtigsten des Landes. Im Zuge der Ukraine-Krise hatten die USA bereits 2014 Sanktionen gegen ihn verhängt. Nun erweiterte die US-Regierung die Maßnahmen auch auf dessen Sohn Ivan Sechin (33), der ebenfalls im Rosneft-Management arbeitet.

Der Kriegsherr:

Sergei Shoigu

Sergei Shoigu

Foto: Uncredited / dpa

Wenig verwunderlich, setzte die EU den russischen Verteidigungsminister Sergei Shoigu (66) auf die Sanktionsliste. "Er ist letztlich für alle Militäraktionen gegen die Ukraine verantwortlich", so die Begründung. Der alte Sowjet-Kader war schon in den 1990er Jahren Minister, gründete später die Putin-Partei "Einiges Russland" mit und wurde 2004 von Putin zum Verteidigungsminister ernannt. Neben Shoigu stehen auch weitere Generäle und Befehlshaber von Armee, Marine und Luftwaffe auf der Schwarzen Liste.

Die Propaganda-Fürstin:

Margarita Simonyan

Margarita Simonyan

Foto: Alexander Zemlianichenko / AP

Margarita Simonyan (41) ist die Chefin der Fernseh- und Medienplattform Russia Today (RT). Sie "ist eine zentrale Figur der Regierungspropaganda", so die EU in der Sanktionsbegründung. Nach Putins Wiederwahl 2018 wurde sie wie folgt zitiert: "Jetzt ist er unser Führer. Und wir lassen nicht zu, dass er abgelöst wird." Neben Simonyan stehen noch weitere zentrale Personen der medialen Putin-Propaganda auf der Liste, darunter die Chefin der Informationsabteilung des Außenministeriums, ein Fernsehmoderator und ein Internetaktivist.

Der Super-Oligarch:

Gennady Timchenko

Gennady Timchenko

Foto:

AFP

Der Oligarch Gennady Timchenko (69) ist einer der reichsten Russen. Sein Vermögen schätzt Forbes auf rund 22 Milliarden Dollar und führt ihn damit als sechstreichsten Mann des Landes. Er ist Großaktionär des Gasförderunternehmens Novatek, dessen Anteile er einst über seine luxemburgische Holding kaufte. Nachdem die US-Regierung ihn bereits 2014 auf die Schwarze Liste gesetzt hatte, verkaufte er damals seine Anteile an Gunvor, einem der größten Rohstoffhandelsunternehmen der Welt mit Sitz in Zypern. Timchenko gilt als enger Begleiter Putins, sie trafen sich 1990 erstmals persönlich. Seit dieser Woche hat auch die britische Regierung Sanktionen verhängt und seine Konten eingefroren.

Die Milliardärs-Brüder:

Boris Rotenberg

Boris Rotenberg

Foto: SERGEI SNEGOV/ AFP

Auch gegen den Milliardär Boris Rotenberg (65) verhängten die Briten Sanktionen, genau wie gegen dessen Bruder Igor. Rotenberg ist Jugendfreund Putins. Sein Vermögen machte er später im Umfeld des Gazprom-Konzerns, vor allem mit dem Bau von Pipelines. Mit seinem Bruder gründete er außerdem die SMP-Bank. Die USA verhängten bereits 2014 Sanktionen gegen die beiden.

Der Ex-Schwiegersohn:

Kirill Shamalov

Kirill Shamalov

Foto: Sergei Karpukhin / REUTERS

In der Zeit seiner Hochzeit mit Putins Tochter galt Unternehmer Kirill Shamalov (39) als Russlands jüngster Milliardär. Sein Vater ist einer der Mitgründer der Rossija Bank und enger Freund Putins. Der junge Shamalov war Großeigner des Sibur-Konzerns und Wirtschaftsberater von Putin. Seine Ehe mit dessen Tochter ist aber seit 2017 wieder geschieden. Sanktionen gegen ihn haben Amerikaner und Briten verhängt.

Der Internet-CEO:

Vladimir Kiriyenko

Vladimir Kiriyenko

Foto: Anton Vaganov / ITAR-TASS / IMAGO

Vladimir Kiriyenko (39) war Vizechef des russischen Telekomkonzerns Rostelecom und ist heute CEO der VK Group, also des Mutterunternehmens der größten russischen Social-Media-Plattform VKontakte. Er ist Sohn des früheren Ministerpräsidenten und Putin-Vertrauten Sergej Kiriyenko (59), der seit 2016 stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung und damit mächtiger Strippenzieher im Kreml ist. Seit dieser Woche stehen Sohn und Vater auf der US-Sanktionsliste.

Der Diamanten-Boss:

Sergei Ivanov

Sergei Ivanov

Foto: AP/ RIA Novosti/ Presidential Press Service

Sergei Sergeevich Ivanov (39) ist Chef des weltgrößten Diamantenförderers Alrosa. Er ist Sohn des KGB-Offiziers Sergei Ivanov (69; Foto), der zu den engsten Vertrauten Putins zählt. Der Junior arbeitete für den russischen Staatsfonds und Gazprom sowie für etliche große Banken. Bis heute sitzt er in diversen Bankaufsichtsräten. Nun gelten US-Sanktionen auch gegen ihn.

Die Geheimdienst-Connection:

Nikolai Petrushev

Nikolai Petrushev

Foto: PAVEL GOLOVKIN / AFP

Nikolai Patrushev (70) war Putins Nachfolger als Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Auch er stammt aus Sankt Petersburg. Sein älterer Sohn Dmitri agiert unter Putin als Landwirtschaftsminister. Der jüngere Andrei Patrushev (40) ist hochrangiger Manager beim staatlichen Ölkonzern Gazprom. Der Vater steht seit Jahren auf der Liste von EU und USA, nun steht auch Andrei drauf.

Die Banker:

Andrei Kostin

Andrei Kostin

Foto: Mikhail Metzel / imago images/ITAR-TASS

Andrei Kostin (65) führt seit 2002 die VTB Bank. Russlands zweitgrößte Bank, die sich mehrheitlich in Staatsbesitz befindet, ist wie ihr Chef selbst von Sanktionen betroffen. Kostin, dessen Vater einst Mitglied im Zentralkomitee der Sowjetkommunisten war, hat enge Kontakte zu Putin und sitzt im Obersten Rat der Putin-Partei. Die USA hatten ihn bereits 2018 ins Visier genommen, nun auch die EU. Neben Kostin haben sowohl die EU als auch die USA weitere Topmanager der VTB Bank auf die Schwarze Liste gesetzt, darunter Verwaltungsrat Denis Bortnikow (47), den Sohn des aktuellen Auslandsgeheimdienstchefs.

Der Koch des Kreml:

Jevgeni Prigozhin

Jevgeni Prigozhin

Foto: Alexander Zemlianichenko / AP

Der Unternehmer Jevgeni Prigozhin (60) wird in Moskau auch der "Koch des Kreml" oder "Putins Koch" genannt. Über seine Beteiligungsfirma Konkord betreibt er Restaurants, unter anderem eins im Präsidentenpalast. Putin dürfte er in seiner Zeit als Glückspielunternehmer in St. Petersburg in den 1990er Jahren begegnet sein. Sein Firmengeflecht ist dubios. Ihm wird nachgesagt, an der Ausbeutung von Ölquellen in Syrien beteiligt gewesen zu sein. Auch die berüchtigte Troll-Fabrik IRA, die weltweit Internet-Attacken ausführt, soll ihm gehören. Prigoshin hat milliardenschwere Aufträge aus dem Verteidigungsministerium bekommen und laut EU ist er für die Entsendung von Söldner-Truppen in die Ukraine verantwortlich. Er steht seit 2020 auf der Sanktionsliste der EU, seit 2021 auch auf der der USA. Seit dieser Woche gesellen sich nun auch seine Mutter Violetta Prigozhina und seine Ehefrau Lyubov Prigozhina dazu, die jeweils Firmen aus dem Geflecht des Sohnes und Ehemanns besitzen.

lhy