Dienstag, 16. Juli 2019

CEP-Studie über Gewinner und Verlierer des Euro Studie - Jeder Deutsche bekommt einen Golf, jeder Italiener zahlt einen Maserati

Maserati Ghibli

Ohne den Euro wären wir ärmer. Soweit passt die Aussage einer neuen Studie des Centrums für Europäische Politik (CEP) zur EU-Feier des 20-jährigen Jubiläums der Währungsunion (außerdem im Europawahljahr). Doch "wir" meint in diesem Fall nur "wir Deutsche" plus die Niederländer. Denn im Rest Europas haben die Ökonomen fast nur Verlierer gefunden, die ohne den Euro besser dran gewesen wären.

Das Thema ist seit der Euro-Krise politisch heiß umstritten, auch unter Ökonomen werden vor allem Meinungen ausgetauscht, welche Volkswirtschaft warum vom Euro profitiert oder darunter leidet. Die Effekte zählbar zu machen, ist jedoch schwierig. Das Freiburger CEP - das zur ordoliberalen "Stiftung Ordnungspolitik" gehört und von Lüder Gerken geführt wird, der auch der Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft vorsitzt - hat es dennoch versucht.

Die Ergebnisse sind plakativ. Der Wohlstand in Deutschland ist demnach bis Ende 2017 um fast 1,9 Billionen Euro stärker gewachsen, als es mit der D-Mark passiert wäre. Das macht (so zeigt es auch die Grafik von Statista) 23.116 Euro pro Einwohner - dafür ließe sich ein fabrikneuer, gut ausgestatteter VW Golf kaufen. Besonders groß fielen die Gewinne seit der Eskalation der Euro-Krise 2011 aus. Etwas geringer fällt das Plus für die Niederlande aus.

Gerade noch positiv mit 190 Euro Wohlstand dank Euro fällt die Bilanz für die Griechen aus - allerdings mit deutlicher Zweiteilung: Hohe Gewinne bis 2010 wurden durch hohe Verluste seitdem annähernd aufgezehrt. Andere Krisenländer wie Spanien oder Portugal sind deutlich ins Minus gedreht.

Seit Beginn der Währungsunion immer auf der Verliererseite standen laut CEP hingegen die Franzosen und vor allem die Italiener. Für Italien haben die Forscher Euro-bedingte Kosten von 4,3 Billionen Euro errechnet, 73.605 Euro pro Kopf - der Listenpreis eines Maserati Ghibli, um im Bild zu bleiben.

So bestätigt die Studie die in Italien weit verbreitete und inzwischen auch von der Regierung geteilte Sicht, dass das Land besser an der Landeswährung Lira festgehalten hätte, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Gewicht bekommt die Aussage dadurch, dass die Quelle eine deutsche Institution ist.

Mit ihrer Methode stoßen die CEP-Forscher jedoch auf Kritik. Sie stützen sich auf die "synthetische Kontrollmethode". Um nicht auf einen bloßen Vorher-Nachher-Vergleich angewiesen zu sein (der eine ähnliche Verteilung der Gewinner und Verlierer nahelegen würde, aber Zweifel offenließe, ob die Entwicklung nicht auch ohne Euro so ähnlich verlaufen wäre), haben sie nach sinnvollen Vergleichsländern gesucht. Dafür kamen nur Länder ohne Euro infrage, die ein ähnliches Wohlstandsniveau vor der Einführung hatten und nicht durch starke Schocks das Ergebnis verzerren.

Die Benchmark für Deutschland heißt Japan

Im Fall Deutschlands besteht die Kontrollgruppe aus Japan, Großbritannien, Bahrain und der Schweiz. Italien wiederum wird vor allem mit Großbritannien und Australien verglichen.

Lucas Guttenberg vom Berliner (EU-freundlichen) Jacques-Delors-Institut findet "sehr unwahrscheinlich, dass ausgerechnet der Euro alleine für die Unterschiede verantwortlich ist, wenn die Kontrollgruppen immer nur aus 2-3 Ländern bestehen".

Von einer anderen Seite kritisiert der häufige manager-magazin-Gastautor Daniel Stelter. "Ich halte Deutschland nicht für den großen Gewinner des Euro. Im Gegenteil, wir sind die wahren Verlierer", schreibt Stelter in seinem Blog - und nicht bloß wegen der Haftungsrisiken für die Euro-Rettung (die im Fall eines Scheiterns der Währungsunion echte Kosten verursachen könnten).

Auch die deutsche Wohlstandsentwicklung sieht Stelter eher negativ. Japan mit seinem jahrzehntelangen Nullwachstum als Benchmark beschönige das Ergebnis. Das stark überalterte Land liefere zwar einen sinnvollen Vergleich für Deutschland - aber für das Deutschland der Zukunft, dem derartiges noch bevorstehe. Der Euro hingegen habe die notwendige Anpassung der deutschen Wirtschaft an ihr demografisches Schicksal verzögert. Das sehe man, wenn man nicht das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner, sondern pro Erwerbstätigem vergleiche - da falle Deutschland noch hinter Japan zurück.

Eine Diagnose immerhin ist unstreitig: Die mit der Währungsunion versprochene Konvergenz - die Angleichung der Mitgliedsländer auf ein gemeinsames Wohlstandsniveau - hat der Euro in seinen ersten 20 Jahren nicht geliefert.

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