Freitag, 28. Februar 2020

Volt-Abgeordneter Damian Boeselager Dieser Newcomer bringt McKinsey-Geist ins Europaparlament

Damian Boeselager
picture alliance/dpa
Damian Boeselager

Ein Start-up ist künftig im Europäischen Parlament vertreten. Der Co-Gründer, Jahrgang 1988, heißt Damian Boeselager. Die Investoren fanden sich per Crowdfunding. Knapp 250.000 Stimmen (0,7 Prozent) in Deutschland reichten seiner erst 2017 gegründeten Partei namens Volt für einen Sitz in Brüssel und Straßburg. Neben den mehreren bereits seit 2014 - als die deutsche 5-Prozent-Hürde für Europa fiel - bekannten Kleinparteien ist es die einzige neue.

Eine Woche vor der Wahl gelang Volt mit einer erfolgreichen Klage gegen den "Wahlomat" der Bundeszentrale für politische Bildung ein kleiner Publicity-Stunt. Wie sich die Partei von den etablierten Kräften abhebt, blieb im Wahlkampf aber vage - außer, dass sie in ihrem Bekenntnis zur Europäischen Union über die anderen Kräfte hinaus geht.

Als "erste paneuropäische Partei" bewirbt sich Volt (obwohl die Bewegung "Diem 25" des griechischen Ex-Finanzministers Giannis Varoufakis denselben Anspruch hat und bekannter ist, aber keinen Sitz errang). Der neue Abgeordnete stellt sich als "Mann aus der Privatwirtschaft" vor, "der die politischen Entwicklungen der letzten Jahre äußerst besorgt beobachtet hat".

Zuletzt lebte er während der Parteiaufbauphase, wie er dem "Handelsblatt"-Ableger "Orange" bekannte, vor der Unterstützung seiner Familie. Damian Hieronymus Johannes Freiherr von Boeselager entstammt einem Adelsgeschlecht, das unter anderem einen Anti-Nazi-Widerstandsoffizier, einen Grünen-nahen Waldunternehmer und einen Privatbankier hervorbrachte.

Boeselager, der einige Jahre für McKinsey Behörden und NGOs strategisch beriet und die Berliner Privatuni Hertie School absolvierte, hatte die Idee dazu gemeinsam mit zwei Freunden aus Frankreich und Italien. Anlass war die nationalistische Wende des Jahres 2016 mit dem Brexit-Referendum und der Wahl Donald Trumps, die Boeselager auf der Hillary-Clinton-Wahlparty miterlebte.

"Viele von uns sind aufgewachsen mit dem Gedanken, die Politik wurschtelt so vor sich hin, aber es wird tendenziell besser", erzählte Boeselager dem Youtuber Tilo Jung. Nun werde aber deutlich, dass es sich "auch in eine richtig beschissene Richtung entwickeln" könne. Eine Antwort, so befanden die Freunde, könne nur auf europäischer Ebene gefunden werden.

In den Heimatländern der Mitgründer waren die Hürden zur Wahlteilnahme jedoch zu hoch. So kandidierte Volt in sieben Ländern zur Europawahl. In Luxemburg und den Niederlanden konnte die Gruppe rund 2 Prozent der Stimmen erreichen. Nur Deutschland jedoch, das wegen seiner Größe 96 Sitze zu vergeben hat, wurde wirklich relevant. An den nationalen Strukturen, die Volt überwinden will, kommt die Gruppe nicht vorbei.

Als einzelner Abgeordneter wird Boeselager kaum zwischen den schrumpfenden Altparteien und den gestärkten Nationalisten auffallen. Radikale Forderungen will er schon gar nicht stellen.

Mit einigen Punkten aus dem Parteiprogramm wie einem europäischen Finanzminister, einer EU-Strategie zur Künstlichen Intelligenz oder einer einheitlichen Bemessungsgrundlage für die Unternehmensteuer könnte Boeselager bei Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dessen Alliierten offene Türen einrennen.

Als Anliegen der Basis der laut Selbstbeschreibung "progressiven" Partei kamen noch die Seenotrettung im Mittelmeer und der Klimaschutz (Vorschlag: europaweite CO2-Steuer) vor. Auch hier ist das Programm aber vor allem am Machbaren orientiert.

"Lasst uns endlich pragmatische Lösungen für unsere gemeinsamen Probleme finden", so lautet der Schlachtruf Boeselagers. "Wir sind nicht so viel Anti", bekannte er im Youtube-Interview, "sondern für eine bessere Zukunft".

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