Wirtschaftsweise Grimm hält Gasembargo für handhabbar "Die Zahlungen an Russland sollten beendet werden"

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm spricht sich für härtere Sanktionen gegen das Regime von Wladimir Putin aus. Im Interview erklärt die Ökonomin, warum ein Lieferstopp russischer Gaslieferungen "handhabbar" wäre und wie wir uns darauf vorbereiten können.
Ein Interview von Marleen Gründel
Hält die befristete Spritpreissenkung für kontraproduktiv: Die hohen Preise für die fossile Energie sollten laut der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm jetzt nicht gesenkt werden

Hält die befristete Spritpreissenkung für kontraproduktiv: Die hohen Preise für die fossile Energie sollten laut der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm jetzt nicht gesenkt werden

Foto: IMAGO/Jürgen Heinrich

manager magazin: Frau Grimm, derzeit importiert Deutschland noch immer rund 40 Prozent seines Erdgasbedarfes aus Russland. Sie haben kürzlich als Mitglied der Nationalen Akademie Leopoldina eine Stellungnahme veröffentlicht, dass auch ein kurzfristiger Lieferstopp von russischem Gas für die deutsche Volkswirtschaft handhabbar wäre. Wie kommen Sie zu der Annahme?

Veronika Grimm: Man muss sich klarmachen, vor welchem Hintergrund die Berechnungen der Leopoldina und auch vieler anderer Gruppen von Wissenschaftlern veröffentlicht wurden. Noch immer fließen immense Summen nach Russland. Allein seit Kriegsbeginn sind mehr als 35 Milliarden Euro aus der Europäischen Union an Russland gezahlt worden, überwiegend für Energielieferungen. Dadurch wird die Wirkung der Sanktionen gegen Russland abgemildert. Das Regime Wladimir Putin hat so Spielräume, weiter zu eskalieren und der Krieg könnte sich schnell auf andere Regionen ausdehnen.

Die volkswirtschaftlichen Kosten eines Lieferstopps russischer Gaslieferungen stehen also den möglichen sicherheitspolitischen Auswirkungen gegenüber, die zu erwarten sind, wenn wir zu wenig tun. Es ist bekannt, dass Putins Ambitionen nicht allein auf die Ukraine beschränkt sind. Wenn der Konflikt in Europa weiter eskaliert und die Nato womöglich irgendwann gezwungen ist, einzugreifen, steht viel auf dem Spiel für Europa. Mit härteren Sanktionen hätten wir die Möglichkeit, die weitere Eskalation einzudämmen. "Handhabbar" bedeutet also: Es ist teuer, aber wir könnten das Mittel einsetzen, wenn nötig.

Schon seit einiger Zeit erleben wir den Wechsel von einer regelbasierten zu einer stärker machtbasierten Weltordnung. Waffengewalt wird in einigen Staaten zunehmend als probates Mittel gesehen, die eigenen Ziele durchzusetzen. Wir müssen uns dem mit aller Konsequenz entgegenstellen. Die Zahlungen an Russland sollten daher beendet oder zumindest extrem reduziert werden. Auch, wenn wir dadurch einen Lieferstopp riskieren.

Wie schwerwiegend wären denn die Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft?

Ohne einen Lieferstopp russischer Energieträger erwartet der Sachverständigenrat derzeit ein Wachstum von 1,8 Prozent. Wenn es zu einem kurzfristigen Stopp der Öl- und Gaslieferungen kommt, würden wir eine Rezession erleben. Die Schätzungen des Abschlags auf das erwartete Wachstum des Bruttoinlandsprodukts reichen momentan von minus 2,5 bis minus 6 Prozentpunkten. Das heißt, möglicherweise würden wir eine Rezession in der Dimension der Finanzkrise oder der Corona-Pandemie erleben, bei höherer Inflation. Das tatsächliche Ausmaß der wirtschaftlichen Schäden hängt allerdings extrem davon ab, wie gut wir uns auf den Lieferausfall vorbeireiten.

Was sollten Wirtschaft und Politik denn konkret tun?

Die Bundesregierung muss umfangreiche Vorkehrungen treffen. Der aktuelle Anteil russischer Lieferungen am Gasverbrauch beträgt, wie Sie bereits gesagt haben, etwa 40 Prozent. Die Speicher sind nur noch zu 26 Prozent gefüllt. Die Nachfrage schwankt saisonal und ist im Winter, in der Heizperiode, hoch, im Sommer niedrig. Wenn die russischen Lieferungen ausfallen, dann wird es schwierig, die Speicher bis zum kommenden Winter ausreichend aufzufüllen.

Um das zu schaffen, muss möglichst schnell Gas auf dem Weltmarkt beschafft werden. Die USA haben bereits zugesagt, noch in diesem Jahr gemeinsam mit internationalen Partnern 15 Milliarden Kubikmeter LNG (Anm. der Redaktion: Liquified Natural Gas, Flüssiggas) nach Europa zu liefern. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck war in Norwegen und der MENA-Region (Anm. der Redaktion: Middle East & North Africa), um sich dort für weitere Lieferungen einzusetzen. Es wäre auch denkbar, darüber hinaus Gaslieferungen nach Europa umzulenken, die aktuell nach Asien, etwa nach Japan oder Südkorea, gehen. Dazu müsste man mit diesen Ländern kooperieren, da das Gas zumeist in langfristigen Lieferverträgen gebunden ist. Anlässlich der Katastrophe von Fukushima haben die USA und die EU umgekehrt große LNG-Mengen nach Japan umgelenkt, um auszuhelfen.

Doch noch fehlt uns hierzulande ja die Infrastruktur, das Flüssiggas über entsprechende Terminals auch aufzunehmen...

Das stimmt nicht ganz. Es bestehen durchaus noch Kapazitäten, um weitere Importe zu realisieren. Es reicht zwar nicht aus, um die gesamten russischen Gaslieferungen mit einem Schlag zu ersetzen, aber immerhin zwischen 25 und 50 Prozent könnten substituiert werden. Und je früher man die verfügbaren Kapazitäten nutzt, desto größer wird die Menge, die bis zum nächsten Winter importiert und eingespeichert werden kann.

Es wird aber ja sicherlich kurzfristig nicht möglich sein, die gesamten russischen Lieferungen zu ersetzen, oder?

Richtig, daher gilt es, den Verbrauch möglichst stark zu reduzieren. Der Effekt von Einsparungen sollte nicht unterschätzt werden: Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft hat berechnet, dass der Gasverbrauch durch Einsparmaßnahmen um bis zu 20 Prozent reduziert werden kann. Das wäre die Hälfte der russischen Lieferungen, die durch Einsparungen kompensiert werden könnte.

"Die Hälfte der russischen Lieferungen könnte durch Einsparungen kompensiert werden."

Das Problem ist: Energieeffizienz ist ein sehr kleinteiliges Themenfeld, man muss viele Akteure erreichen. Die Kommunen, die Betriebe, die privaten Haushalte. Nicht alle Akteure sehen die Preise in Echtzeit, das heißt, sie haben zunächst einmal gar keinen Anreiz, Energie einzusparen. Zielführend wäre es etwa, einen Aktionsplan Energieeffizienz zu starten, um alle Einsparpotentiale zu identifizieren und zu heben. Private Haushalte sollten Anreize bekommen, ihre Heizung um ein, zwei Grad herunter zu drehen. Der Staat könnte Prämien für den Austausch alter Heizkessel bezahlen. Die Einstellung von Heizungsanlagen in Bürogebäuden und Prozessen in der Industrie könnte optimiert werden. Zudem muss man Gas substituieren, wo dies möglich ist. Zum Beispiel kann man bei der Stromerzeugung Gaskraftwerke vorübergehend durch Kohlekraftwerke ersetzen.

Und mit den Einsparungen und dem zusätzlichen Import käme es dann nicht zu einer Rationierung in der Industrie?

Doch, das kann passieren, und zwar vorübergehend, bis ausreichend LNG für den europäischen Markt beschafft werden kann. Die USA und internationale Partner haben bereits angekündigt, ihre Liefermengen auf 50 Milliarden Kubikmeter jährlich zu erhöhen. Die Verfügbarkeit von Gas kann also mittelfristig sichergestellt werden. Allerdings zu einem höheren Preis. Das dürfte die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen in der EU beeinträchtigen. Das passiert aber unabhängig von einem Lieferstopp, da wir uns ja von russischem Gas lösen wollen.

Das Ziel der Energiesicherheit macht es erforderlich, die ehemals günstigen russischen Lieferungen durch strukturell teureres LNG zu ersetzen. Die dadurch höheren Energiekosten dürften dazu führen, dass die Wettbewerbsfähigkeit eines Teils der Industrie nicht mehr gegeben ist und wir einen beschleunigten Strukturwandel erleben. Das scheint mir die eigentlich viel größere Herausforderung als ein Lieferstopp selbst.

"Zum Beispiel könnte man die Ammoniakproduktion vorübergehend reduzieren"

Wenn kurzfristig rationiert werden muss, dann sollte man dies dort tun, wo die Produktion vorübergehend, etwa durch Importe, ersetzt werden kann oder entbehrlich ist. Die große Herausforderung wird es sein, diese Bereiche zu identifizieren. Denn natürlich hat kein Unternehmen einen Anreiz, hier in den Fokus zu geraten. Die Politik sollte daher klarmachen, dass sie bereit ist, großzügig Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld zu zahlen. Dann dürften sich hier Lösungen finden lassen. Zum Beispiel könnte man die Ammoniakproduktion eventuell vorübergehend reduzieren – hier ist Gas ein wichtiger Inputfaktor.

Grüner Wasserstoff, der fossilfrei produziert wird, gilt ja auch als eine der Alternativen zum Erdgas. Sie haben das Netzwerk "Zentrum Wasserstoff. Bayern" gegründet und gelten als Expertin auf diesem Gebiet. In welchen Bereichen kann das Gas eingesetzt werden?

Grüner Wasserstoff wird in den kommenden Jahren noch nicht in großem Umfang verfügbar sein. Aber da Erdgas knapp und teuer werden wird, macht es Sinn, den Hochlauf von grünem Wasserstoff deutlich zu beschleunigen. So kann man ihn früher dort einzusetzen, wo man Erdgas substituieren kann. In der Industrie, in der Schwermobilität, eventuell auch in der Wärmeversorgung könnte Wasserstoff nun schneller eingesetzt werden.

Wie viel grüner Wasserstoff wird denn derzeit schon in Deutschland produziert?

Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 eine Elektrolysekapazität von zehn Gigawatt aufzubauen. Doch da sind wir noch weit entfernt.

Also müssen wir Wasserstoff importieren, woran Politik und Wirtschaft ja derzeit arbeiten. Wirtschaftsminister Habeck versucht es in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Energiekonzern Eon in Australien. Dort hat Eon gerade eine Vereinbarung mit dem australischen Milliardär Andrew Forrest unterzeichnet, der grünen Wasserstoff nach Deutschland bringen will. Erste Lieferungen sind für 2025 geplant, richtig große Mengen können aber wohl erst 2030 importiert werden. Auch Konkurrent RWE braucht wohl noch bis 2030, bis die geplante Wasserstoffanlage in der Nordsee fertiggestellt ist. Angesichts der jetzigen Situation ein ganz schön langer Zeitraum.

Wir sollten jetzt eigentlich noch mehr Anreize haben, Wasserstoff in großen Mengen zu importieren als noch vor Beginn des Krieges. Nach dem Angriff auf die Ukraine müssen wir vor allem die Wasserstoffinfrastruktur und -produktion in der EU und gemeinsam mit unseren Partnern weltweit, ausbauen. Die geplanten LNG-Terminals können perspektivisch auch für den Wasserstoffimport genutzt werden. Unsere gesamte Erdgasnachfrage werden wir 2030 aber noch nicht durch Wasserstoff ersetzen können.

"Unsere gesamte Erdgasnachfrage werden wir 2030 noch nicht durch Wasserstoff ersetzen können"

Wenn Sie sich von der Bundesregierung etwas wünschen dürften, das die Unabhängigkeit von russischer Energie verringert, was wäre für Sie am wichtigsten?

Die hohen Preise fossiler Energie dürfen jetzt nicht gesenkt werden. Das konterkariert die Bemühungen, Gas einzusparen und dürfte die Schreckensszenarien, die aktuell an die Wand gemalt werden, wahrscheinlicher machen. Leider geschieht mit der zeitweiligen Senkung der Energiesteuern und der Übernahme von Energie-Mehrkosten der energieintensiven Industrie genau das Gegenteil.