Ersatz für russische Energie Ukraine will Atomstrom nach Deutschland liefern

Die Ukraine bietet Deutschland Strom aus seinen Atomkraftwerken an. Kiew erhielte im Gegenzug dringend benötigte Devisen, schlägt der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal vor. Darüber will er bei einem Treffen mit Bundeskanzler Olaf Scholz sprechen.
Strom gegen Devisen: "Wir sind durchaus bereit, unsere Exporte auf Deutschland zu erweitern", sagt der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal

Strom gegen Devisen: "Wir sind durchaus bereit, unsere Exporte auf Deutschland zu erweitern", sagt der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal

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Die Ukraine will Deutschland mit der Lieferung von Atomstrom auf dem Weg aus der Abhängigkeit von russischen Energielieferungen unterstützen. "Derzeit exportiert die Ukraine ihren Strom nach Moldau, Rumänien, in die Slowakei und nach Polen. Aber wir sind durchaus bereit, unsere Exporte auf Deutschland zu erweitern", sagte der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal (46) der Deutschen Presse-Agentur. "Wir haben eine ausreichende Menge an Strom in der Ukraine dank unserer Kernkraftwerke. Bei meinem Besuch in Berlin und dann auch in Brüssel werde ich das ansprechen."

Schmyhal wird am Samstag in Berlin erwartet und am Sonntag von Bundeskanzler Olaf Scholz (64; SPD) im Kanzleramt empfangen. Parallel zum russischen Einmarsch Ende Februar hatte die Ukraine sich zusammen mit dem Nachbarland Moldau vom ehemals sowjetischen Stromnetz abgekoppelt. Mitte März erfolgte die Synchronisierung mit dem europäischen Netzwerk.

Ukraine bekäme im Gegenzug Devisen

Seitdem exportiert das Land täglich zwischen 400 und 700 Megawatt Strom in die Europäische Union und nach Moldau. Schmyhal will die Exportquoten für die EU nun um ein Vielfaches erhöhen. "Das wäre für beide Seiten sehr gut. Die EU bekäme mehr Energie und wir die Devisen, die wir dringend benötigen", sagte der Ministerpräsident.

In der Ukraine werden Atomkraftwerke sowjetischer Bauart mit einer Gesamtkapazität von mehr als 14 Gigawatt betrieben. Sechs Blöcke im Atomkraftwerk Saporischschja in Enerhodar befinden sich allerdings seit März unter russischer Kontrolle. Angesichts des andauernden Beschusses des besetzten Atomkraftwerks bangen internationale Experten nach einem Besuch um die Sicherheit dort. Sie befürchten, dass die Kriegshandlungen in der Nähe des größten Atomkraftwerks Europas zu einem Atomunfall führen könnten.

Saporischschja unter Beschuss, aber Stromversorgung stabil

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) Rafael Grossi sagte in Wien, seine größte Sorge bleibe, dass das AKW durch weiteren Beschuss schwer beschädigt werden könnte. Zwar seien Schäden offenkundig und inakzeptabel, aber wichtige Sicherheitselemente wie die Stromversorgung des Kraftwerks funktionierten.

Mit dem russischen Einmarsch ist aufgrund der Kämpfe, der Fluchtbewegung und des Wirtschaftseinbruchs auch der Stromverbrauch in der Ukraine massiv zurückgegangen. Damit wurden Kapazitäten für den Export frei.

Dagegen steht in Frankreich, normalerweise einer großer Exporteur von Atomstrom, derzeit jedes zweite Atomkraftwerk still. Das Missmanagement des inzwischen verstaatlichten französischen Energieriesen EDF führt nicht nur in Frankreich zu einer Versorgungskrise, sondern treibt den Strompreis in ganz Europa zusätzlich zu den reduzierten Gaslieferungen aus Russland in die Höhe.

dri/dpa
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