Feste Verbindung zwischen Helsinki und Tallinn Finnen und Esten planen Rekord-Tunnel unter der Ostsee

Sieht auf der Karte ganz einfach aus: 80 Kilometer liegen zwischen den Hauptstädten

Sieht auf der Karte ganz einfach aus: 80 Kilometer liegen zwischen den Hauptstädten

Foto: Sweco

In ihrem vierten Rezessionsjahr können die Finnen vielleicht eine große Vision gerade ganz gut gebrauchen. Und diese Vision ist ziemlich groß. Die Stadt Helsinki teilt mit, der Bürgermeister der Hauptstadt habe mit seinem Amtskollegen aus der estnischen Kapitale Tallinn in dieser Woche ein Verkehrsabkommen unterzeichnet.

Herzstück des Dokuments, das auch die Unterschrift von Ministern aus beiden Ländern trägt, ist das Projekt eines "FinEst Link" genannten Bahntunnels unter dem Finnischen Meerbusen, dem Ostseearm, der die beiden Länder trennt.

Gut 80 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Helsinki und Tallinn, die laut der Mitteilung bereits heute "fast einen einheitlichen Arbeitsmarkt" mit 1,5 Millionen Einwohnern bilden. Zehntausende Esten arbeiteten auf der finnischen Seite, viele von ihnen pendelten wöchentlich - vorzugsweise mit Schnellfähren, die den Transfer in eineinhalb Stunden bewältigen, aber nur im Sommer fahren können.

Eine Bahn bis nach Berlin - mit Geld aus Brüssel

Der Tunnel könnte die Fahrzeit laut einer Machbarkeitsstudie auf eine halbe Stunde senken - dann wäre die Fahrt zur Arbeit auch täglich möglich. Die Metropolen könnten also tatsächlich zu einem Wirtschaftsraum zusammenwachsen, nach dem Vorbild der Öresundbrücke zwischen der dänischen Hauptstadt Kopenhagen und dem schwedischen Malmö. Dort allerdings machen neuerdings Passkontrollen mit Umsteigepflicht an der Grenzstation den Pendlern das Leben schwer, weil sich beide Länder gegen Flüchtlinge abschotten.

Von solchen Problemen sind Finnland und Estland weit entfernt. Für das Projekt wird sogar noch das Zusammenwachsen Europas bemüht: Fördermittel der EU wären möglich, weil die Strecke ohnehin zu den transeuropäischen Netzen gezählt werden, die vorzugsweise ausgebaut werden.

Der Tunnel könnte an die Bahnstrecke "Rail Baltica" über Riga nach Warschau und Berlin anschließen, die nach derzeitigem Stand irgendwann in den 2020er Jahren gebaut werden soll. Die komplette Distanz müsste ohne Nutzung alter Streckenabschnitte neu gebaut werden, weil die EU auf Gleise in europäischer Normalspur statt der im Baltikum und auch in Finnland üblichen breiteren russischen Spurweite setzt.

Der Rekordtunnel im Vergleich

Für das letzte Stück über die Ostsee wird bislang mit herkömmlichen Schiffen geplant. Laut der Mitteilung aus Helsinki erhielten die Häfen auf beiden Seiten gerade im vergangenen Jahr "erhebliche" Subventionen aus Brüssel für den Ausbau der Fähranleger.

Über die Finanzierung des Tunnels soll im Frühjahr entscheiden werden. Laut Machbarkeitsstudie wäre er ökonomisch tragfähig - vorausgesetzt, die EU beteiligt sich mit 40 Prozent an den auf neun bis 13 Milliarden Euro geschätzten Kosten. Auf jeden Fall wäre das Bauwerk mit 92 Kilometern in der heutigen Welt der längste Bahn- und der längste Unterseetunnel (wenngleich es in China und Russland noch ambitioniertere Visionen gibt).

Zum Vergleich:

  • der 1994 als Jahrhundertprojekt eröffnete Eurotunnel unter der Straße von Dover zwischen England und Frankreich ist 50 Kilometer lang, davon die bisherige Rekordstrecke von 38 Kilometern unterseeisch. Die Betreibergesellschaft musste zweimal umschulden
  • die seit 2000 bestehende Öresund-Verbindung zwischen Dänemark und Schweden ist einschließlich Brücke, Tunnel und dazwischen liegender künstlicher Insel 16 Kilometer lang - und verbindet deutlich größere und wirtschaftsstärkere Städte als "FinEst Link"
  • der geplante - und zumindest auf deutscher Seite hoch umstrittene - Fehmarnbelttunnel zwischen Deutschland und Dänemark soll knapp 18 Kilometer lang werden
  • der aktuelle Rekordhalter für den längsten Eisenbahntunnel ist der japanische Seikan-Tunnel zwischen den Hauptinseln Honshu und Hokkaido mit fast 54 Kilometern
  • noch etwas länger wird mit 57 Kilometern der Gotthard-Basistunnel in der Schweiz, dessen Eröffnung nach mehr als 20 Jahren Bauzeit in diesem Jahr geplant ist
  • immerhin besteht in Finnland bereits ein wesentlich längerer Tunnel, wenngleich der nicht von Menschen genutzt wird: der 120 Kilometer lange Päijänne-Tunnel, der die Region Helsinki mit Frischwasser aus finnischen Seen versorgt. Noch länger ist weltweit nur ein ähnlicher Aquädukt bei New York.


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