Höchster Wert seit 1998 Türkische Inflationsrate erreicht jetzt fast 75 Prozent

Die ausufernde Inflation in der Türkei setzt sich ungehindert fort. Allein die Preise für Energie und Lebensmittel haben sich im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat noch einmal verdoppelt.
Teurer Einkauf: Händler und Käufer in Istanbul feilschen um den Preis

Teurer Einkauf: Händler und Käufer in Istanbul feilschen um den Preis

Foto: Ozan KOSE / AFP

Die Verbraucherpreise in der Türkei sind im Mai so stark gestiegen wie seit fast einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Waren und Dienstleistungen kosteten durchschnittlich 73,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistikamt am Freitag mitteilte. Das ist die höchste Inflationsrate seit Oktober 1998. Die Preise im Transportsektor – zu dem etwa Benzin gerechnet wird – haben sich mit 108 Prozent mehr als verdoppelt. Auch Lebensmittel (plus 92 Prozent) kosteten fast doppelt so viel wie im Mai 2021.

Finanzminister Nureddin Nebati (58) sieht dennoch einen positiven Trend, schließlich seien die Preise im Vergleich zum Vormonat nicht mehr so stark gestiegen. Von April auf Mai gab es einen Anstieg von knapp 3 Prozent, während Ökonomen hier mit einem kräftigeren Plus von 4,8 Prozent gerechnet hatten. Oppositionspolitiker, Ökonomen und Umfragen zufolge auch Verbraucher vermuten, dass die Inflation höher ist als angegeben. Viele Beobachter macht misstrauisch, dass vom Statistikamt aktuell keine Durchschnittspreise für einzelne Artikel mehr veröffentlicht werden.

Als Hauptgrund für den starken Anstieg der Verbraucherpreise gilt die lockere Ausrichtung der türkischen Geldpolitik. Trotz der hohen Inflation hat die türkische Notenbank im vergangenen Jahr unter dem Druck von Präsident Recep Tayyip Erdoğan (68) den Leitzins mehrfach gesenkt. Der türkische Präsident ist erklärter Gegner hoher Zinsen, die von Ökonomen als Mittel gegen eine hohe Inflation empfohlen werden. Das wiederum hat erheblich dazu beigetragen, dass die Lira im vergangenen Jahr zum Dollar um 44 Prozent abgewertet hat. Seit Jahresbeginn ist der Kurs um ein weiteres Fünftel eingebrochen. Dadurch werden Importe, auf die das rohstoffarme Land angewiesen ist, deutlich teurer.

Die Regierung hat erklärt, dass die Inflation im Rahmen ihres neuen Wirtschaftsprogramms zurückgehen wird. Dieses sieht niedrige Zinssätze zur Ankurbelung von Produktion und Exporten vor. Die Notenbank geht davon aus, dass der Höhepunkt des Preisauftriebs im Juni erreicht wird. Einstellige Inflationsraten erwartet sie erst 2024.

mg/Reuters, dpa-afx