Zweifel an Inflationsdaten Verbraucher in der Türkei können etwas aufatmen

Die Teuerungsrate in der Türkei hat sich im Dezember deutlich abgeschwächt. Experten zweifeln die offiziellen Zahlen an, auch aus einem anderen Grund relativiert sich der Rückgang. Die hohe Inflation bleibt ein Problem – auch für Präsident Erdoğan.
Dollar statt Lira: Viele Türken legen das Ersparte lieber in Dollar an, um sich gegen die massive Geldentwertung der heimischen Währung zu schützen

Dollar statt Lira: Viele Türken legen das Ersparte lieber in Dollar an, um sich gegen die massive Geldentwertung der heimischen Währung zu schützen

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Emrah Gurel / dpa

Die Inflationsrate in der Türkei ist im Dezember deutlich gesunken: nach offiziellen Zahlen von Dienstag auf rund 64,3 Prozent, im November betrug sie noch rund 84,4 Prozent. Doch bleibt die türkische Teuerungsrate im internationalen Vergleich hoch. Der Rückgang relativiert sich auch vor dem Hintergrund, dass die Menschen in der Türkei für Lebensmittel und Wohnen jeweils noch rund 80 Prozent mehr als im Vorjahresmonat ausgeben müssen – in den allermeisten Haushalten sind dies die zentralen Ausgaben.

Unabhängige Experten bezweifeln zudem schon länger die offiziellen Zahlen. Sie gehen im Dezember von einer Teuerung um 137,5 Prozent im Vorjahresvergleich aus. Für November hatten sie sogar 170,7 Prozent berechnet.

Zwei Effekte haben die türkische Teuerungsrate im Dezember beeinflusst. Zum einen sind wie in Deutschland die Kosten für Energie zuletzt deutlich gesunken. Zum anderen wirkte zum Ende des vergangenen Jahres ein statistischer Basiseffekt: So war der Vergleichswert im Dezember des Vorjahres in die Höhe geschossen. Experten erwarten nun, dass die Inflationsrate für das gesamte Jahr bei 44 Prozent liegen wird. In Deutschland betrug sie im Jahresschnitt 7,9 Prozent.

Niedrigzinspolitik und steigende Löhne halten Preise tendenziell hoch

Ob die Teuerung in der Türkei weiter nachgeben wird, muss sich noch erweisen: Denn Präsident Recep Tayyip Erdoğan (68) hat im Kampf gegen die Inflation nicht etwa die Leitzinsen erhöht, was westliche Notenbanken erfolgreich umsetzen und die meisten Experten als Mittel gegen hohe Inflation auch empfehlen. Im Gegenteil hat Erdoğan im vergangenen Jahr die Zinsen gesenkt – zuletzt auf 9 Prozent – und mehrfach die Mindestlöhne erhöht, um die schlimmsten Auswüchse der Teuerung für viele Beschäftigte zu mindern: Gut ein Drittel der Arbeitskräfte in der Türkei bezieht lediglich den Mindestlohn.

Erdoğans Festhalten an niedrigeren Zinsen und steigender Kaufkraft wird die Preise eher hochhalten, warnen Beobachter.

Steigende Zinsen könnten die Türkei für Investitionen attraktiver machen und die Landeswährung stützen. Hat doch die türkische Lira in der Vergangenheit massiv an Wert verloren: im Jahr 2021 zum Dollar um mehr als 40 Prozent  , im Jahr 2022 dann um weitere 30 Prozent. Dadurch werden Importe, auf die das rohstoffarme Land angewiesen ist, merklich teurer – und die Inflation zieht an. Mehr als 70 Prozent der türkischen Importe wickeln die Unternehmen in Dollar ab.

Der türkische Staatschef, der im Juni wiedergewählt werden möchte, legt sein Augenmerk vor allem auf Wachstum und Beschäftigung statt auf Preisstabilität. Er glaubt, dass die Türkei das Problem der Inflation im kommenden Jahr "überwunden" haben werde. Ziel sei ein einstelliger Wert im Jahr 2024. Die türkische Zentralbank, deren Spitzenpersonal Erdoğan in der Vergangenheit mehrfach ausgewechselt hat, erwartet für 2024 hingegen eine Inflationsrate von 22 Prozent.

rei mit AFP
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