Streit um Exporte Merck-Chef warnt vor "Impfstoffkrieg"

Im Streit um Impfstoff-Ausfuhren aus der EU springt die Bundesregierung Brüssel jetzt bei. Merck-Chef Oschmann verfolgt den Streit mit großer Sorge und warnt vor einem "Impfstoffkrieg"
Merck-Chef Stefan Oschmann: "Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung, über die ich mir große Sorgen mache"

Merck-Chef Stefan Oschmann: "Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung, über die ich mir große Sorgen mache"

Foto: Boris Roessler/ dpa

Die Bundesregierung unterstützt im Streit über Exportverbote von Coronavirus-Impfstoffen grundsätzlich die Haltung der EU-Kommission. Die Mitgliedstaaten müssten die vertraglich zugesicherten Impfdosen erhalten, sagte eine Regierungssprecherin am Montag. Aus der EU seien in jüngster Zeit 34 Millionen Dosen in 30 Länder exportiert worden. Von den USA und Großbritannien sei dagegen "fast nichts" in andere Länder geliefert worden. Deshalb sei es richtig, die EU-Exportrichtlinie zu überarbeiten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (66) habe über das Thema am Sonntag mit dem britischen Premierminister Boris Johnson (56) gesprochen.

Ein Sprecher Johnsons warnte die EU am Montag erneut vor Exporteinschränkungen. Zwischen der EU einerseits und vor allem Großbritannien andererseits gibt es Streit über die Lieferung von Impfstoffen. Der Chef des Darmstädter Pharma- und Chemiekonzerns Merck, Stefan Oschmann (63), bezeichnete den Streit über mögliche Exportbeschränkungen für Impfstoffe aus der EU als "sehr gefährliche Entwicklung" und warnte im "Handelsblatt": "Ein Impfstoffkrieg wird allen schaden."

Bei dem Streit geht es hauptsächlich um Dosen des britisch-schwedischen Konzerns Astrazeneca, die innerhalb der EU hergestellt wurden. Das Thema soll auch beim anstehenden EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag angesprochen werden.

Die Europäische Union lässt bisher die Ausfuhr von Corona-Impfstoffen zu, obwohl in der EU Mangel herrscht. Das könne man den Bürgern kaum noch erklären, hatte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen (62) kürzlich gesagt und mit weiteren Exportbeschränkungen, vor allem gegen Astrazeneca und Großbritannien, gedroht. Von der Leyen hatte auch neue Exportauflagen ins Spiel gebracht und dabei auch Exporte in solche Länder infrage gestellt, in denen ein höherer Anteil der Bevölkerung geimpft ist als in der EU - das wären auch die USA.

Merck-Chef warnt vor Impfstoffkrieg und Exportverboten

Dass die Vereinigten Staaten Millionen Impfdosen von Astrazeneca lagern, obwohl ihn die US-Arzneimittelbehörde FDA noch gar nicht zugelassen hat, verteidigte Oschmann: "Mit Blick auf eine erwartete Markteinführung für ein solches Produkt ist das durchaus rational." Merck produziert unter anderem Einweg-Reaktoren und Filter für die Biotech- und Impfstoffproduktion überwiegend in den USA. "Wenn die EU jetzt anfängt, Exportverbote in die USA zu verhängen, könnte die US-Regierung darauf leicht reagieren und vieles in der europäischen Pharma- und Biotechindustrie lähmen", befürchtet der Merck-Chef.

Auch der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) warnte vor Exportstopps. Für einen Corona-Impfstoff brauche man Hunderte Bestandteile und Hilfsmittel, die von überall auf der Welt geliefert und in Vorbearbeitungsstufen zwischen verschiedenen Ländern ausgetauscht würden. Wenn nun immer mehr Länder zu einseitigen Exportstopps griffen, komme irgendwann die ganze Logistikkette ins Straucheln. "Das können weder Deutschland noch die EU, obwohl sie starke Produktionsstandorte sind, wegstecken", warnt der Verband.

rei/Reuters/DPA
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