Dienstag, 2. Juni 2020

Historischer Schritt Norwegen muss Staatsfonds um Rekordbetrag anzapfen

Schwimmkran in Norwegen für den Bau von Ölplattformen: Aus dem Öl- und Gasgeschäft speisen sich die Einnahmen des norwegischen Staatsfonds.
REUTERS/Nerijus Adomaitis
Schwimmkran in Norwegen für den Bau von Ölplattformen: Aus dem Öl- und Gasgeschäft speisen sich die Einnahmen des norwegischen Staatsfonds.

Norwegen wird zurzeit von zwei Krisen gleich doppelt getroffen: Die Corona-Pandemie lähmt das Land wie viele andere auch, und der niedrige Ölpreis sorgt für Einbußen bei den Einnahmen der stark auf das Ölgeschäft ausgelegten norwegischen Wirtschaft.

Folge: Norwegen sieht sich zu einem historischen Schritt gezwungen und wird Mittel in Rekordhöhe aus seinem billionenschweren Staatsfonds, dem größten der Welt, abziehen. Insgesamt 419,6 Milliarden Kronen (umgerechnet rund 38 Milliarden Euro) sollen in diesem Jahr abfließen, wie das Finanzministerium am Dienstag in Oslo mitteilte. Dies entspricht rund 4 Prozent des am 1. Januar ermittelten Wertes des weltgrößten Staatsfonds von rund einer Billion Euro.

Um die Mittel freizusetzen, wird der Fonds Assets in historisch einmaligem Umfang auf einen Schlag verkaufen müssen, berichtet Bloomberg. Demnach erzielt der Fonds in diesem Jahr Dividendeneinnahmen in Höhe von rund 258 Milliarden Kronen. Der Rest der erforderlichen Liquidität müsse durch den Verkauf von Investments mobilisiert werden, heißt es. Dabei würden vermutlich vor allem Rentenpapiere veräußert, so Bloomberg.

"Es ist offensichtlich ein historischer Schritt", sagt Erica Dalsto, Strategin bei der SEB Bank. "Aber wir befinden uns auch in einer Krise, die in der Geschichte ihresgleichen sucht." Die Regierung darf die eigentlich geltende Obergrenze für Entnahmen aus dem gut gefüllten Topf von 3 Prozent nur in wirtschaftlich schwierigen Zeiten brechen.

"Um den wirtschaftlichen Folgen des Virusausbruchs entgegenzuwirken, hat die Regierung in mehreren Runden weitreichende Maßnahmen eingeführt", teilte das Finanzministerium mit. Zusätzliche Arbeitslosenunterstützung, Hilfen für Unternehmen und Investitionsanreize für die Ölindustrie sollen so finanziert werden.

Der Fonds, der sich aus den Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft speist, ist etwa dreimal so viel wert wie das jährliche Bruttoinlandsprodukt Norwegens. Seine Erträge sichern den umfangreichen Wohlfahrtsstaat ab. Der Fonds hält Beteiligungen an mehr als 9000 Unternehmen weltweit und besitzt 1,5 Prozent aller globalen, börsennotierten Aktien.

Die norwegische Zentralbank hat vergangene Woche wegen der drohenden Corona-Rezession überraschend eine Nullzinspolitik beschlossen. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte der Notenbank zufolge in diesem Jahr um etwa 5 Prozent einbrechen. "Das ist ein Rückgang in einer Größenordnung, wie wir ihn seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt haben", sagte Gouverneur Oeystein Olsen. "Es wird wahrscheinlich einige Zeit dauern, bis Produktion und Beschäftigung wieder das Niveau vor der Pandemie erreichen."

mg/cr/rtr

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