Samstag, 14. Dezember 2019

Echtes Geld ist elektronisch Diese Grafik zeigt, wie unwichtig Bargeld längst ist

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"Bargeld ist Freiheit" - Mit diesem (verkürzten) Zitat des konservativen Verfassungsrechtlers Paul Kirchhof schlägt sich FDP-Chef Christian Lindner auf die Seite der Traditionalisten in der Debatte um die Zukunft unserer Zahlungsmittel. Diese Debatte, die von neuen technischen Möglichkeiten, wachsender Effizienz und Komfort für die Nutzer geprägt sein könnte, wird zunehmend emotional. Selbst mm-Gastautor Daniel Stelter ruft zum "Widerstand" gegen ein drohendes Bargeldverbot auf.

Unsere Grafik zeigt: Wenn Bargeld Freiheit ist, hat die Freiheit leider enge Grenzen. Denn es gibt viel zu wenig davon, um die moderne Wirtschaft allein mit Münzen und Scheinen am Laufen zu halten.

Allein das Geldvermögen der Deutschen entspricht fünfmal dem Wert aller umlaufenden Euro-Banknoten - nicht nur in Deutschland, sondern überhaupt. Und von dieser gut eine Billion Euro entfallen schon 305 Milliarden Euro auf 500-Euro-Scheine, die nach Ansicht von Ökonomen wie Peter Bofinger selten das Licht der legalen Geschäftswelt sehen.

Die kleinen "Kupfer"-Münzen, über deren Abschaffung ähnlich heiß diskutiert wird wie über die der großen Scheine (Carl-Ludwig Thiele wies als FDP-Mann im Bundesbankvorstand solche Gedanken der EZB allerdings brüsk zurück), wiegen schwer in unseren Geldbeuteln, Hosentaschen oder irgendwelchen vergessenen Vasen auf dem Küchensims, haben monetär aber kaum Gewicht: 1,4 Milliarden Euro für alle 1-, 2- oder 5-Cent-Münzen zusammen. Dafür muss eine alte Frau lange stricken, aber ein Konzern wie Volkswagen Börsen-Chart zeigen setzt diesen Betrag in vier Minuten um.

Selbst der geschmälerte Börsenwert der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen (40 Milliarden Euro) lässt sich mit allen Euro- und Cent-Münzen (25 Milliarden) bei weitem nicht aufwiegen.

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Den tatsächlichen Transport von Wert übernehmen längst Bits und Bytes. Elektronisches Geld in verschiedener Form macht fast 90 Prozent der Geldmenge aus, jedenfalls nach der gängigen Definition der Geldmenge M3, an der sich die Europäische Zentralbank orientiert. Die Bundesbank weist darauf hin, dass es keine unzweifelhafte Definition davon gibt, was als Geld zählt und was nicht.

Zu M3 gehören beispielsweise noch Termineinlagen mit einer Abruffrist von bis zu zwei Jahren, nicht aber Guthaben von Banken - denn die sind ja selbst die Schöpfer des meisten Geldes, nach eigenem Gutdünken mittels Kreditvergabe. Als "bargeldähnlich" gelten die mehr als fünf Billionen Euro an täglich abrufbaren Sichtguthaben wie zum Beispiel auf Girokonten.

Da würden die meisten Bürger wohl zustimmen, dass es sich um Geld handelt - und wären vielleicht erschreckt zu erfahren, dass ihr Guthaben überhaupt nicht von Münzen, Scheinen, Goldbarren, Steinen, Muscheln oder sonst irgendwelchen greifbaren Dingen "gedeckt" ist. Das muss es aber auch nicht, solange nicht alle gleichzeitig ihre Girokonten auflösen und die Guthaben in ebensolche tangiblen Werte eintauschen wollen.

Einen objektiven Wert haben schließlich auch die Scheine und Münzen nicht. Den Wert bekommen sie durch die gesellschaftliche Konvention, dass wir alle ihnen den Tauschwert zubilligen - unterstützt durch die Macht des Staats, der damit seine Steuern bezahlen lässt. Das gleiche gilt aber auch für elektronisches Geld.

Etwas Unbehagen bleibt angesichts der modernen Zahlungsmethoden, vor allem bei den deutschen Bargeldnarren.

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