Dienstag, 15. Oktober 2019

Nach der gescheiterten Bahnfusion Fünf Gewinner und drei Verlierer des Siemens-Alstom-Vetos

Verlierer: Joe Kaeser

Für den Siemens-Chef schien bisher alles nach Plan zu laufen. Mega-Deals vom Ölausrüster Dresser-Rand bis zum Windradbauer Gamesa hat Joe Kaeser (61) eingetütet, die Medizinsparte Healthineers als neues Schwergewicht an der Börse abgespalten. Selbst schwere Probleme wie die Schwäche im Kraftwerksgeschäft und Proteste gegen tausendfachen Jobabbau nutzte der Bayer regelmäßig, um seine Macht zu inszenieren. Kein anderer Konzernboss in Deutschland hat so viel davon.

Das Veto der EU gegen seine geplante Bahnfusion mit Alstom ist Kaesers erste echte Niederlage im Amt (ebenfalls bei Alstom hatte er seinerzeit das Nachsehen gegenüber General Electric, als das Turbinengeschäft der Franzosen zum Verkauf stand, aber das darf im Nachhinein als Glücksfall für Siemens Börsen-Chart zeigen gelten).

Unternehmerisch wäre das zu verschmerzen. Mit 10 Prozent Gewinnmarge und fast elf Milliarden Euro Auftragseingang im vergangenen Geschäftsjahr ist die Sparte Siemens Mobility eines der stärksten, wenn nicht das stärkste Unternehmen der Branche. Der Konzern kann jetzt, wie er selbst ankündigt, in Ruhe "alle Optionen" prüfen, zum Beispiel die Bahnsparte an die Börse bringen oder auch entdecken, dass es ja doch viele Synergien mit dem Kerngeschäft ("elektrifizieren, automatisieren, digitalisieren") gibt. Entsprechend gelassen reagiert der IG-Metall-Vorstand und Siemens-Aufsichtsrat Jürgen Kerner: "Dass die EU nun die Weichen anders gestellt hat, führt nicht in die Katastrophe."

Persönlich aber hat Kaeser sich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt, den Siemens-Alstom-Deal zur Überlebensfrage der europäischen Industrie im Angesicht einer chinesischen Bedrohung stilisiert und Kritiker als "rückwärts gerichtet" geschmäht. Jetzt muss er sich selbst wenden, um nach vorn blicken zu können. Trotzig setzte er am Mittwoch den "Schlusspunkt hinter ein europäisches Leuchtturmprojekt".

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