Deal mit Sanofi und GlaxoSmithKline Europa sichert sich weitere 300 Millionen Impfstoffdosen

In ihrem bisher erst zweiten Impfstoffdeal sichert sich die EU ein mögliches Vakzin von Sanofi und GlaxoSmithKline. Die US-Regierung geht da viel rigoroser vor – mit mehr Geld und größeren Versprechen an die Pharmahersteller.
Hort der Hoffnung: Impfstofflabor von Sanofi

Hort der Hoffnung: Impfstofflabor von Sanofi

Foto: LAURENT CIPRIANI/ AFP

Die EU-Kommission hat einen zweiten Vertrag über den Kauf eines künftigen Corona-Impfstoffs abgeschlossen. Die Hersteller Sanofi  und GlaxoSmithKline  (GSK) werden bis zu 300 Millionen Einheiten liefern. Die Nummer 1 und Nummer 2 der Impfstoffbranche haben sich in einer außergewöhnlichen Allianz für das Corona-Projekt zusammengeschlossen. Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides (64) erklärte dazu am Freitag, angesichts steigender Corona-Infektionszahlen sei ein wirksamer Impfstoff wichtiger denn je. Mit dem neuen Vertrag wüchsen die Chancen, dass Menschen in der EU und weltweit nach und nach ihr Alltagsleben wieder aufnehmen könnten.

Damit erhöht nun auch Europa die Chance, möglichst früh auf größere Mengen eines möglichen Impfstoffs zugreifen zu können. Bislang waren vor allem die USA mit etlichen Deals vorgeprescht, um sich die erhofften Medikamente zu sichern. Die Europäer agierten im Vergleich eher zögerlich. Bislang hat die EU lediglich einen Vertrag über 400 Millionen Dosen mit dem Hersteller AstraZeneca  geschlossen. Verhandlungen mit weiteren Herstellern laufen, etwa mit dem deutschen Biotech-Unternehmen Biontech oder dem US-Konkurrenten Moderna; dort hatte man sich in Sondierungsgesprächen auf die Lieferung von 80 Millionen Dosen verständigt. Keiner dieser Impfstoffe ist jedoch bisher zugelassen, weswegen unklar ist, ob sie überhaupt je geliefert werden können.

Die Abnahmeverträge mit Vorkasse sollen die Entwicklung und Massenproduktion der Impfstoffe beschleunigen – und Europa alle Chancen offenhalten. "Wir investieren in Unternehmen, die auf unterschiedliche Technologien setzen, um unsere Chancen auf Impfstoffe zu erhöhen, die sicher und wirksam sind", hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (61) vor Kurzem gesagt. Es gehe darum, der europäischen Bevölkerung einen raschen Zugang zu einem Impfstoff gegen das Coronavirus zu ermöglichen.

Warum die EU langsamer als die USA ist

Im Wesentlichen gibt es zwei Gründe, warum die Europäer im Rennen um die Impfstoffversorgung gegenüber den USA hinterherhinken. Der erste ist das Geld. Die US-Regierung pumpt im Zuge ihrer "Operation Wharp Speed" hohe Summen in die Entwicklung neuer Impfstoffe. Der Kongress stellte in diesem Jahr 30 Milliarden Dollar zur Bekämpfung von COVID-19 bereit. Das Äquivalent der EU dazu ist ein Notfallfonds, der während der Pandemie angezapft wurde und voraussichtlich etwa zwei Milliarden Euro zur Verfügung hat, um Impfstoffhersteller zu unterstützen. Die USA stellen also gut zwölfmal mehr Kapital bereit. Bezogen auf die Bevölkerungszahl – in Europa leben gut 100 Millionen Menschen mehr – ist der Faktor sogar noch höher.

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Dazu kommt als zweiter Grund die Haftungsfrage. Da Impfstoffe während der Pandemie in Rekordtempo entwickelt werden, besteht ein potenziell größeres Risiko, dass sie unerwartete Folgen haben oder unwirksam sind. Die finanzielle Deckung solcher Risiken ist ein Schlüsselelement in den Verhandlungen über mögliche Impfstoffdeals. Und auch hier agieren die USA und die EU unterschiedlich. Das US-System verlagert die Folgehaftung vollständig auf den Staat und schirmt die Arzneimittelhersteller komplett gegen etwaige spätere Ansprüche geschädigter Patienten ab.

Die EU dagegen biete den Impfstoffherstellern nur einen teilweisen Schutz gegen rechtliche Risiken durch Nebenwirkungen ihrer Spritzen, sagten Brüsseler Beamte der Nachrichtenagentur Reuters. Unter den außergewöhnlichen Umständen der Pandemie seien Europas Regierungen "bereit, bestimmte Risiken der Unternehmen finanziell abzudecken", so ein Beamter. Allerdings würden die strengen Haftungsregeln der EU weiterhin in Kraft bleiben.

Sanofi und GSK noch nicht in der Phase 3

Der Impfstoff von Sanofi (Frankreich) und GSK (Großbritannien) wird vermutlich nicht der erste sein, der eine Zulassung erhält. Nach Angaben der Kommission werde er seit September getestet; die entscheidende Phase-3-Studie soll bis Ende 2020 folgen. Gibt es keine Hindernisse, wollen die Hersteller den Impfstoff im zweiten Halbjahr 2021 verfügbar haben, wie es weiter hieß. Andere Hersteller wollen womöglich noch in diesem Jahr eine Notfalllizenz beantragen.

Der neue Vertrag sieht vor, dass die EU-Staaten bis zu 300 Millionen Dosen aufkaufen können, sollte der Impfstoff zugelassen werden. Darüber hinaus können die Staaten Einheiten an ärmere Länder spenden. Sanofi und GSK seien zudem "bestrebt", einen erheblichen Anteil ihres Impfstoffs an die internationale Initiative Covax zu liefern. Diese soll sicherstellen, dass Menschen weltweit Zugang zu einem künftigen Impfstoff bekommen.

Zuvor hatten die Kooperationspartner Sanofi und GSK auch mit den USA und Großbritannien Vereinbarungen abgeschlossen. Im Fall der Vereinigten Staaten geht es um ein Vertragsvolumen von 2,1 Milliarden Dollar für die Lieferung von 100 Millionen sowie für eine Option auf weitere 500 Millionen Dosen, im Fall Großbritanniens um 60 Millionen Dosen.

lhy/dpa, Reuters
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