Militär-Aufstand in der Türkei Putsch gegen Erdogan: Was wir wissen und was Spekulation ist

Der Putschversuch in der Türkei ist niedergeschlagen. Die Regierung um Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan greift hart gegen tatsächliche und vermeintliche Putschisten durch. Weiterhin gibt es viele offene Fragen - nicht nur zu den Drahtziehern.
Immer größer: Türkeis Präsident Erdogan.

Immer größer: Türkeis Präsident Erdogan.

Foto: TUMAY BERKIN/ REUTERS

WAS WIR WISSEN:

- Bei dem Umsturzversuch wurden nach offiziellen Angaben mindestens 265 Menschen getötet - 161 regierungstreue Sicherheitskräfte oder Zivilisten und 104 Putschisten. Mehr als 1000 wurden verletzt.

- Die Putschisten wollten nach eigenen Angaben Demokratie und Menschenrechte sowie die verfassungsmäßige Ordnung in einer zunehmend autoritär regierten Türkei wiederherstellen.

- Die Bevölkerung und auch die Opposition in der Türkei lehnen einen Putsch ganz überwiegend ab. Die Polizei und der Großteil des Militärs blieben der Regierung treu. Zehntausende Menschen feierten bis zum frühen Sonntagmorgen das Scheitern der Umstürzler.

- Die Zahl der Festnahmen in Militär und Justiz belief sich nach Regierungsangaben vom Sonntag auf rund 6000 und dürfte sich noch erhöhen, wie Justizminister Bekir Bozdag laut staatlicher Nachrichtenagentur Anadolu sagte.

- Insgesamt 2700 Richter wurden bisher abgesetzt - fast ein Fünftel der schätzungsweise rund 15 000 Richter in der Türkei. Der Chef der Richtergewerkschaft Yargiclar, Mustafa Karadag, sagte der Deutschen Presse-Agentur, nicht nur mutmaßliche Unterstützer des Putsches, sondern auch unbeteiligte Kritiker Erdogans würden festgenommen.

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Kampf um die Macht in der Türkei: Der Militär-Putsch in Bildern

Foto: Gokhan Tan/ Getty Images

- Reisenden in Istanbul und Ankara wird bis zur vollständigen Klärung der Lage weiterhin zu äußerster Vorsicht geraten. Dies gilt laut Auswärtigem Amt in Berlin insbesondere auf öffentlichen Plätzen für Menschenansammlungen.

- Erdogan macht den im US-Exil lebenden islamischen Prediger Fethullah Gülen und seine Anhänger verantwortlich und fordert seine Auslieferung. Gülen bestreitet, etwas mit dem Putschversuch zu tun zu haben.

- Die USA sind bereit, einen möglichen türkischen Antrag auf Auslieferung des islamischen Predigers zu prüfen. Die Türkei müsse aber "solide Beweise" vorlegen, so Außenminister John Kerry. Bislang habe die Türkei keinen formalen Auslieferungsantrag gestellt.

Wozu es nur Spekulationen gibt:

- Wer steckt wirklich hinter dem Putschversuch? Beweise für eine Beteiligung Gülens an dem Putschversuch hat die türkische Regierung bislang nicht vorgelegt. Auch wurde ein klarer Anführer der Putschisten aus den Reihen des Militärs bis Sonntag nicht benannt. Mehrere Generäle wurden festgenommen - darunter Ex-Luftwaffenchef Akin Öztürk, der als einer der mutmaßlichen Drahtzieher bezeichnet wird.

- War alles inszeniert? Diese Verschwörungstheorie bringt unter anderem Gülen ins Spiel. Tatsächlich gibt es einige Ungereimtheiten, und zweifellos nutzt der Putschversuch Erdogan nun politisch. Allerdings wirkte die Regierung in der Putschnacht verunsichert, und es ist unklar, was das Militär von einem inszenierten Umsturzversuch hätte. Möglich wäre auch, dass die Putschisten überstürzt handeln mussten, weil ihre Pläne bekannt wurden.

- Wie geht es in der Türkei weiter? Erdogans Kritiker befürchten, er könne den Putsch nutzen, um Rechte der Bürger und die Pressefreiheit weiter einzuschränken. Die massenhaften Richterentlassungen lassen solche Sorgen wachsen. Zudem werden Forderungen nach Wiedereinführung der Todesstrafe laut. Dazu Erdogan: "Dass jede Forderung bewertet, besprochen und diskutiert wird, ist in einem demokratischen Land ein Recht." Allerdings wäre das wohl das Ende der Beitrittsverhandlungen mit der EU.

- Welche Folgen hat der Putschversuch für die wichtige Tourismusbranche in der Türkei? Das werden die kommenden Wochen zeigen. Urlaubsregionen wie Antalya oder Izmir werden ganz normal angeflogen, dort war es ruhig geblieben. Für Urlauber ändert sich also kaum etwas. Allerdings hatte auch schon der Terroranschlag am Istanbuler Atatürk-Flughafen Touristen verunsichert.

dpa, soc
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