Donnerstag, 14. November 2019

Vier Szenarien für die britische Wahl Warum die Wahl der Briten wieder alles spannend macht

Fernsehdebatte der Spitzenkandidaten ohne Theresa May
Getty Images
Fernsehdebatte der Spitzenkandidaten ohne Theresa May

Die britische Parlamentswahl an diesem Donnerstag hat Schock-Potenzial. Sir David Butler, ein Veteran der Wahlforschung, sieht laut "Huffington Post" "eine größere Bewegung in den Umfragen während des Wahlkampfs als vor jeder anderen Wahl, die ich seit 1945 begleitet habe". Damals musste der überparteilich als Kriegsheld gefeierte Winston Churchill einer Labour-Regierung Platz machen, die anschließend den britischen Sozialstaat einführte.

Ein ähnliches Resultat erscheint plötzlich zumindest möglich. Die aktuelle Premierministerin Theresa May hat zwar keinen Krieg gewonnen, aber immerhin den "harten Brexit" gegen die EU versprochen. Die eigentlich erst 2020 fällige Wahl hat sie extra vorgezogen, um sich dafür ein Mandat zu holen. Nach den Umfragen von Mitte April schien die Gelegenheit günstig: 50 Prozent für ihre Konservative Partei gegen 25 Prozent für die Labour-Partei unter Linksaußen Jeremy Corbyn.

Doch in den zwei Monaten seitdem hat May das Heimspiel zum Thema Brexit vergeigt. Schon in diesem Kernthema ändert sie ständig ihre Positionen oder lässt zentrale Fragen offen. Ihr Wahlprogramm mit der "Demenzsteuer" genannten Privatisierung der Pflegekosten kam denkbar schlecht an und wurde schnell geändert. Zur TV-Debatte trat sie gar nicht erst an.

Selbst die jüngsten Terrorattacken - unter normalen Umständen Wahlhilfe für die Konservativen als Partei der Sicherheit - brachten Mays Verantwortung für Kürzungen im Polizeietat ans Licht und die eher hilflos wirkende Haltung, zur Not die Menschenrechte aufzugeben. May ist nicht einmal stark und stabil genug, um noch zum Wahlkampfslogan "strong and stable" zu stehen.

In der Zwischenzeit hatte Jeremy Corbyn reichlich Gelegenheit, sich als wählbare Alternative mit populärem Programm zu präsentieren - und nicht als der Bürgerschreck, als den ihn der Großteil der Medien und sogar die meisten Abgeordneten seiner eigenen Partei schmähten. Die "Corbynmania" der jungen linken Basis erlebt nun nach seiner überraschenden Wahl zum Parteichef und anschließenden Wiederwahl ihre dritte Auflage.

Alle Prognosen sehen weiterhin einen Sieg der Konservativen voraus - aber nur noch in etwa mit der Gewissheit, mit der sie ein Pro-EU-Votum im Referendum 2016, die Niederlage Donald Trumps in der US-Präsidentenwahl oder der britischen Tories ein Jahr zuvor weissagten. In jedem dieser Fälle kam es anders. Auch die jetzige Wahl kann innerhalb der Fehlermarge der Prognosen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen - mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft und EU. Hier sind die wichtigsten Szenarien.

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