Donnerstag, 21. November 2019

Vier Szenarien für die britische Wahl Warum die Wahl der Briten wieder alles spannend macht

5. Teil: Corbyn an der Macht

Labour-Parteichef Jeremy Corbyn

Über dieses Szenario hätten noch vor wenigen Wochen viele gelacht. Für eine eigene Mehrheit bräuchte Labour wohl einen Stimmenvorsprung von rund 10 Prozentpunkten, um auch ländliche Wahlkreise und die verlorenen Bastionen in Schottland zurückzugewinnen. Aber der Trend der Umfragen zeigt seit Beginn des Wahlkampfs unbeirrbar in diese Richtung. Nötig wäre nur noch ein im Rahmen der Fehlertoleranz liegender Irrtum der Prognostiker.

Außerdem hätte Jeremy Corbyn ohne eigene Mehrheit größere Chancen, Premier zu werden, als ein konservativer Kandidat. Mit den Liberaldemokraten, den schottischen, walisischen oder irischen Nationalisten und den Grünen könnte Labour leicht auf eine gemeinsame Linie kommen - vordergründig das Horrorszenario für viele in der Londoner City.

Andererseits böte das wohl die beste Chance, den Brexit ohne größeren Schaden über die Bühne zu bringen. Labour selbst verspricht, Großbritannien im Binnenmarkt zu halten und die Rechte der im Land lebenden EU-Bürger zu garantieren. Die EU-freundlichen Koalitionspartner würden das noch stärken.

Wirtschaftspolitisch würde Jeremy Corbyn tatsächlich eine Wende einläuten, mit der (Rück-)Verstaatlichung von Bahn, Post und Energienetzen, spürbar höheren Ausgaben für Gesundheit und Bildung inklusive gebührenfreien Unis. Finanzieren sollen das neben höheren Steuern für Reiche auch neue Schulden. Doch angesichts der chronischen Investitionsschwäche des Landes finden zahlreiche prominente Ökonomen, das sei "genau das, was Großbritannien jetzt braucht".

Die meisten Devisenmarktexperten rechnen für den Fall eines Labour-Siegs mit einem weiteren Pfund-Absturz. Aber "wenn der Staub sich einmal gelegt hat, wird der Markt Labour als ein gar nicht so schlechtes Ergebnis sehen", meint Jordan Rochester von der Nomura-Bank.

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