Druckabfall Nord-Stream-Lecks könnten Sabotage sein

An den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 wurden unter der Ostsee insgesamt drei Lecks entdeckt. Die Ursache für die Löcher ist unklar. Sabotage ist nicht ausgeschlossen.
"Zufall schwer vorstellbar": Dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen

"Zufall schwer vorstellbar": Dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen

Foto: HANDOUT / AFP

Zuletzt floss durch die beiden Ostsee-Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 kein Gas von Russland nach Deutschland. Die Leitungen sorgen dennoch für Unruhe. Offenbar sind sie stark beschädigt.

In der Nacht zum Montag war zunächst in einer der beiden Röhren der Pipeline Nord Stream 2 ein deutlicher Druckabfall festgestellt worden. Am Montagabend meldete dann auch der Betreiber von Nord Stream 1 einen Druckabfall – in diesem Fall für beide Röhren. Am Dienstag teilt sich die dänische Energiebehörde mit, es gibt insgesamt drei Gaslecks nahe der Insel Bornholm – zwei Lecks an Nord Stream 1 nordöstlich der Ostsee-Insel sowie eines an Nord Stream 2 südöstlich der Insel.

Sabortage nicht ausgeschlossen

Die Ursache sei bislang nicht geklärt, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Dienstagmorgen aus Sicherheitskreisen. Jedoch spricht einiges für Sabotage. Sollte es sich um einen Anschlag handeln, würde angesichts des technischen Aufwands eigentlich nur ein staatlicher Akteur in Frage kommen.

Nach Ansicht des polnischen Regierungschefs Mateusz Morawiecki sind die Lecks auf Sabotage bezogen. "Wir kennen heute noch nicht die Details dessen, was da passiert ist, aber wir sehen deutlich, dass ein Sabotageakt vorliegt", sagte Morawiecki am Dienstag im polnischen Goleniow bei Stettin, wo er an der Eröffnung der Gaspipeline Baltic Pipe teilnahm. Dieser Sabotageakt sei "wahrscheinlich die nächste Stufe der Eskalation, mit der wir es in der Ukraine zu tun haben".

Auch Russland schließt Sabotage oder andere Gründe nicht aus. "Jetzt kann keine Variante ausgeschlossen werden", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow (54) am Dienstag auf die Frage, ob Sabotage der Grund sein kann für den Druckabfall.

Laut Nord-Stream-2-Sprecher Ulrich Lissek sind die Leitungen so verlegt, dass eine gleichzeitige mehrere Rohre etwa durch einen einzelnen Schiffsunfall höchst unwahrscheinlich ist. Zur Frage, ob ihm ähnliche Vorfälle im Zusammenhang mit Offshore-Pipelines bekannt seien, sagte er: "Hab' ich nie gehört." Auch ein Experte für Unterwasserroboter verwies im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur auf die extrem hohen Sicherheitsstandards und die sehr robuste Bauweise der Leitungen. Aus seiner Sicht kommt nur eine bewusste Manipulation infrage.

Nach SPIEGEL-Informationen würden nun mit Hochdruck die Sicherheitskonzepte auch anderer Pipelines und Gasversorgungsanlagen überprüft, um die Gefahr weiterer möglicher Attacken zu mindern.

Für eine größere Erschütterung sprechen auch die Daten der seismischen Station auf der dänischen Insel Bornholm. Die Daten der Station »DK.BSD« belegen zwei Ereignisse, eines in der Nacht um 2.03 Uhr und ein zweites um 19.04 Uhr am Abend.

Hier schießt die Kurve im Messbereich von zwei bis acht Hertz abrupt nach oben. In beiden Fällen zeigt sich außerdem im Anschluss über Stunden ein erhöhtes Rauschen. Erdbeben kämen in dem Zeitraum keine in Frage, heißt es beim Deutsche GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam.

Es bestehe kein Zweifel daran, dass es sich um Sprengungen oder Explosionen handele, sagte der Seismologe Björn Lund vom Schwedischen Seismologischen Netzwerk (SNSN) dem Rundfunksender SVT.

Wirtschaftsstaatssekretär Patrick Graichen sagte dem SPIEGEL: »Im Moment kann sich das keiner erklären, wir müssen schauen, ob da ein Anschlag dahinter steht, es kann in die eine oder die andere Richtung gehen.« Die russische Kriegsführung sei eine, in der »immer aktiv mit dem Gasmarkt gespielt« worden sei. Zutrauen könne man dem Regime Wladimir Putins jedenfalls »sehr viel«.

Blasen an der Wasseroberfläche

Das dänische Militär veröffentlichte am Dienstag auf Twitter erste Aufnahmen von einer gewaltigen Menge an Blasen an der Wasseroberfläche. Aus dem Leck an Nord Stream 2 strömt derzeit "richtig, richtig viel Gas", wurde der Leiter der dänischen Energiebehörde, Kristoffer Böttzauw, von der Zeitung "Berlingske" zitiert. Dies bedeute, dass das Wasser äußerst aufgewühlt sei. Angesichts dieser Menge Gas kann es sich nicht um einen kleinen Riss in der Pipeline handeln. "Das ist ein richtig großes Loch", sagte Böttzauw demnach. Die Bereiche, in denen die Wasseroberfläche unruhig ist, haben demnach Durchmesser von Hunderten Metern.

Gefahr für Schiffe

Direkt über den Gaslecks besteht für die Schifffahrt Gefahr. Nach Angaben der dänischen Energiebehörde können Schiffe den Auftrieb verlieren, wenn sie in das Gebiet hineinfahren. Zudem bestehe möglicherweise eine Entzündungsgefahr. Außerhalb der Zone gebe es keine Gefahr, auch nicht für die Einwohner von Bornholm und der kleinen Nachbarinsel Christiansø. Die dänische Schifffahrtsbehörde hat für den Schiffsverkehr entsprechende Sperrzonen eingerichtet.

In Deutschland sieht das für die hiesigen Pipeline-Abschnitte zuständige Bergamt Stralsund zumindest keine unmittelbare Gefahr einer Verschlimmerung der Lage vor: "Eine weitere Schadensausbreitung dürfte aus technischer Sicht – nach gegenwärtigem Stand – unwahrscheinlich sein", teilte die Behörde am Dienstag mit. Der Druck in den Leitungen hat sich entsprechend der Wassertiefe auf einem niedrigen Niveau eingestellt.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) schätzt die kurzfristigen Auswirkungen der Lecks an den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 auf die Umwelt als lokal begrenzt ein. "Dort entsteht besonders für die Tiere, allerdings die Gefahr, zu ersticken. Das betrifft die Tiere, die nicht schnell flüchten können", sagte Nadja Ziebarth, Leiterin des BUND-Meeresschutzbüros, am Dienstag. Wie schon die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sieht auch der Bund vor allem eine Klimagefahr durch entweichendes Methan.

Als man von den Lecks erfahren habe, sei das Krisenmanagement zusammengerufen worden, an dem Minister beteiligt seien. Der dänische Außenminister Jeppe Kofod (54) habe sie kontaktiert, virtuelle Treffen waren demnach am Abend geplant.

Auch der Betreiber der Nord-Stream-1-Trasse will nicht untätig bleiben. Man veranlasse derzeit Untersuchungen, sagte ein Sprecher der Nord Stream AG, die für Nord Stream 1 zuständig ist. Ein Experte für Unterwasserroboter geht nach eigener Aussage davon aus, dass sich die Behörden mit Tauchrobotern ein Bild von der Lage machen werden.

Keine Auswirkungen auf Gas-Speicherbefüllung

Nord Stream 2 war bisher nicht in Betrieb genommen worden. Den Gastransport durch Nord Stream 1 hatte Russland am Morgen des 31. August eingestellt. Seitdem bekommt Deutschland kein Erdgas mehr aus Russland. Trotzdem können die Gasspeicher in Deutschland weiter befüllt werden. Derzeit erhält Deutschland Erdgas über Pipelines aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien. Die täglichen Gesamtfüllstandswerte nehmen seit dem 19. Juli kontinuierlich zu. Mittlerweile sind die deutschen Speicher laut Bundesnetzagentur zu 91,3 Prozent gefüllt. Eine weitere Entlastung der Gasversorgungslage wird für den Jahreswechsel erwartet: durch die geplante Inbetriebnahme von drei Terminals an Nord- und Ostseeküste zur Anlandung von verflüssigtem Erdgas (LNG).

Allerdings zog der Preis für europäisches Erdgas am Dienstag an. Der Terminkontrakt TTF für niederländisches Erdgas stieg bis auf rund 194 Euro je Megawattstunde an. Zuletzt lag er bei rund 188 Euro, das waren etwa 8 Prozent mehr als am Vortag

hr/sio/dpa/AFX/reuters
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