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Der Schock von Nizza: Die Spur der Verwüstung

Foto: VALERY HACHE/ AFP

Mindestens 84 Tote nach Anschlag in Nizza 50 Kinder in Krankenhäusern +++ Drei Berliner unter Opfern

In Nizza ist ein Amokfahrer mit einem Lkw in eine Menschenmenge gerast, mindestens 84 starben. Frankreichs Präsident spricht von einem "terroristischen Charakter" der Tat - und verlängert den Ausnahmezustand im Land.

Unter den vielen Opfer des Anschlags in Nizza befinden sich mindestens drei Deutsche. Nach übereinstimmenden Berichten von Tagesspiegel  und dem Sender RBB , sind zwei Schülerinnen und eine Lehrerin einer Berliner Schule durch den Amok-Fahrer getötet worden. Die Gemeinschaftsschule, deren Schüler derzeit an einem ausgelagerten Standort in der Nehringstraße in Charlottenburg unterrichtet werden, wurde am Freitagmittag geschlossen und die Schüler nach Hause geschickt.

Eine offizielle Bestätigung gab es dafür bis Freitag Mittag noch nicht. Das Auswärtige Amt erklärte lediglich : "Nach Auswertung aller bisher vorliegenden Informationen können wir nicht ausschließen, dass auch Deutsche betroffen sind." Am frühen Nachmittag erklärte dann Berlins Regierender Bürgermeister Michel Müller (SPD): "Wir müssen leider auch davon ausgehen, dass Berliner unter den Opfern sind." Bei dem Anschlag in der südfranzösischen Haftstadt kamen mindestens 84 Menschen ums Leben.

Die Krankenhäuser der Stadt sind überfüllt mit Verletzten, auch mindestens 50 Kinder wurden eingeliefert. Zwei Kinder seien am Freitagmorgen bei Operationen gestorben, sagte eine Sprecherin des Kinderkrankenhauses Lanval mit. Weitere Kinder schwebten noch in Lebensgefahr.

Französische Sicherheitskräfte haben die Wohnung des Fahrers durchsucht, der in Nizza mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge gerast ist, berichtet AFP unter Berufung auf Nachbarn. Die Polizisten hätten das im Osten der südfranzösischen Küstenstadt gelegene Appartement des 31-jährigen Franko-Tunesiers stundenlang durchsucht. Auf Twitter veröffentlichte die AFP-Journalistin Bilder von der Wohnung und Durchsuchung.

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Der Fahrer des Lastwagens wurde erschossen. Es gebe keine Zweifel an der "terroristischen Natur" der Attacke, sagte Frankreichs Präsident Hollande. Über die genauen Motive des Täters und ob er Komplizen hatte, ist noch nichts bekannt.

Italiens Innenminister Angelino Alfano kündigte verschärfte Kontrollen an drei Grenzübergängen zu Frankreich sowie in Zügen auf der Verbindung über Ventimiglia zwischen den beiden Ländern an. Auch die deutsche Bundespolizei kündigte verschärfte Kontrollen an der französisch-deutschen Grenze an. Dies gelte neben den Straßen- und Schienenverbindungen auch für die Flughäfen.

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"Die Leute sind umgefallen wie Kegel"

Der Fahrer sei mit dem tonnenschweren weißen Lastwagen sei über den Bürgersteig der belebten Promenade des Anglais gerast, berichteten örtliche Politiker. Dabei habe er auch auf die Menge geschossen, bevor er selbst von der Polizei getötet worden sei. "Die Leute sind umgefallen wie Kegel", sagte ein Augenzeuge dem Sender "France Info".

Bei dem Täter handelt es sich nach Angaben aus dem Umfeld der Polizei um einen 31-jährigen, in Tunesien geborenen Franko-Tunesier. Er sei der Polizei wegen allgemeiner Vergehen bekannt gewesen. Im Visier der Geheimdienste habe er aber nicht gestanden. Noch in der Nacht übernahmen Experten für Terrorbekämpfung die Ermittlungen.

Hollande kündigte an, den seit November 2015 geltenden Ausnahmezustand im Land um drei weitere Monate zu verlängern. Ganz Frankreich sei vom islamistischen Terrorismus bedroht, sagte Hollande weiter. Deswegen sollten zusätzlich Soldaten und Reserven bei den Sicherheitskräften mobilisiert werden.

Über zwei Kilometer eine Spur der Verwüstung

Der Attentäter habe gegen 23 Uhr über eine Strecke von rund zwei Kilometern eine Spur der Verwüstung hinterlassen, hatte zuvor Staatsanwalt Jean-Michel Prêtre berichtet. Innenminister Bernard Cazeneuve sagte, zahlreiche Menschen seien verletzt worden, insgesamt 18 schwer. Die Polizei habe "in einer sehr gefährlichen Situation einen Terroristen ausschalten können".

"Der Lkw kam im Zickzack die Straße entlang. Wir rannten in ein Hotel und versteckten uns mit vielen anderen Leuten auf der Toilette", sagte eine Augenzeugin dem Sender "France Info". Eine andere Frau sagte, sie habe sich mit etwa 200 anderen Leuten in einem Restaurant an der Promenade versteckt. Der lokale Abgeordnete Eric Ciotti sagte zu "France Info", der Lastwagen sei über den Bürgersteig gerast und habe "mehrere hundert Leute niedergemäht", bevor ihn die Polizei gestoppt habe.

Offenbar Schusswaffen und Granaten in dem Lastwagen gefunden

Der Präsident der Region Provences-Alpes-Côte d'Azur, Christian Estrosi, schrieb bei Twitter  von der "schlimmsten Tragödie in der Geschichte Nizzas". Seinen Angaben zufolge war der Lastwagen mit Waffen und Sprengstoff beladen. Nähere Angaben dazu machte er nicht. Aus Ermittlerkreisen hieß es dann am Freitagmorgen, es seien eine nicht funktionsfähige Granate und Waffenattrappen entdeckt worden.

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Massenpanik an der Strandpromenade

In sozialen Netzwerken verbreiten Nutzer zahlreiche Fotos und Videos vom Unglücksort, die teils extrem drastische Szenen zeigen. Auf der berühmten Promenade des Anglais am Strand von Nizza hatten sich zum Zeitpunkt des Vorfalls zahlreiche Menschen versammelt, um den französischen Nationalfeiertag zu feiern. Nach der Attacke brach eine Massenpanik aus.

Die Behörden riefen die Einwohner der Stadt dazu auf, ihre Häuser "aus Sicherheitsgründen" nicht zu verlassen. Präsident Hollande hatte seinen Besuch in der Stadt Avignon abgebrochen und war direkt ins Krisenzentrum des Élysée-Palasts gereist. Er wird eigenen Angaben zufolge am Freitag in Nizza sein "um die Stadt zu unterstützen".

Am Nationalfeiertag wird jedes Jahr der Erstürmung des Pariser Bastille-Gefängnisses am 14. Juli 1789 gedacht, die als Beginn der Französischen Revolution gilt. In diesem Jahr fanden die Feierlichkeiten im Land unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt. Für die traditionelle Militärparade auf den Champs-Élysées in Paris waren rund 11.500 Sicherheitskräfte im Einsatz.

Frankreich und immer wieder Frankreich

Frankreich war in den vergangenen Monaten wiederholt Ziel von Anschlägen:

  • 13. Juni 2016: Wenige Tage nach Beginn der Fußball-EM tötet ein vorbestrafter Islamist im westlich von Paris gelegenen Magnanville einen Polizisten und dessen Lebensgefährtin. Der Angreifer, der sich in einem Video zum IS bekennt, wird von Elitepolizisten erschossen.
  • 13. November 2015: Bei nahezu zeitgleichen Attacken auf die Pariser Konzerthalle Bataclan, eine Reihe von Bars und Restaurants und das Stade de France in der Pariser Vorstadt Saint-Denis töten Islamisten 130 Menschen. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) bekennt sich zu dem schwersten Anschlag in der französischen Geschichte.
  • 21. August 2015: Ein 25-jähriger Islamist wird im Thalys-Schnellzug Brüssel-Paris bei einem Anschlagversuch mit einem Schnellfeuergewehr von Fahrgästen überwältigt. Zwei Zuginsassen werden verletzt.
  • 26. Juni 2015: Ein wegen seiner Kontakte zur Salafisten-Szene bekannter Mann enthauptet seinen Chef und bringt den Kopf neben islamistischen Flaggen am Zaun eines Gaslagers nahe Lyon an. Er wird überwältigt, als er eine Explosion verursachen will.
  • 7. Januar 2015: Zwei Islamisten erschießen bei der Attacke auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" zwölf Menschen. In den folgenden Tagen tötet ihr Komplize eine Gemeindepolizistin und vier Menschen in einem jüdischen Supermarkt in Paris. Die Islamisten werden von Sondereinheiten der Polizei erschossen.

Notrufnummer für Angehörige eingerichtet

Die Zentrale für Opferhilfe im französischen Außenministerium richtete inzwischen eine Notrufnummer für Angehörige ein. Die Hotline sei unter der Nummer +33 1431 75 646 zu erreichen, schrieb Ministeriumssprecher Romain Nadal bei Twitter.

Facebook aktivierte in der Nacht zum Freitag seinen Sicherheitscheck: Damit können die Menschen in der Region ihren Freunden in dem sozialen Netzwerk mitteilen, ob sie in Sicherheit sind. Die Funktion war unter anderem bereits nach der Terrorserie von Paris im Einsatz.

aar/dpa/Reuters/AFP
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