Dienstag, 24. September 2019

Europas Zeitalter der Populisten F*** the facts, enjoy the ride!

Nigel Farage, Chef der UKIP, nachdem das Ergebnis des EU-Referendums feststand: Brexit.

Die großen Vereinfacher sind los, nicht nur in England. Populisten bringen den Westen an den Rand des Scheiterns. Wie konnte es soweit kommen?

Eigentlich ist es gut, in diesen Zeiten Europäer zu sein. Verdammt gut sogar. Beeindruckende 80 Prozent der EU-Bürger geben an, sie seien mit ihrem Leben zufrieden. Sicher, es gibt einige ärmere Länder, wo die schlechte Wirtschaftslage den Menschen aufs Gemüt drückt, Griechenland und Bulgarien beispielsweise. In Westeuropa jedoch ist der Grundton ganz überwiegend positiv. Insbesondere in Großbritannien, wo 44 Prozent der Bürger angeben, sie seien "sehr zufrieden", weitere 49 Prozent sind "ziemlich zufrieden", wie die Eurobarometer-Umfragen zeigen.

Wieso bloß stürzen die glücklichen Engländer ihr Land in ein Großabenteuer namens Brexit? Weshalb risikieren sie ihr gutes Leben? Fragen, die weit über England hinausreichen. Die Antworten darauf bieten eine Erklärung, warum derzeit Populisten überall in Europa im Aufwind sind - und woran sie am Ende scheitern werden.

Populisten beuten ein verbreitetes Missbehagen aus. Ihr eigenes Leben mögen die Europäer mehrheitlich als gut empfinden. Doch beim Blick auf die Gesellschaft insgesamt befällt sie tiefe Düsternis. Nur ein Viertel der Bürger findet, dass in ihrem jeweiligen Land die Dinge in die richtige Richtung laufen; die Werte für die EU sind noch etwas schlechter (die Umfragen fanden vor Beginn der Brexit-Kampagne statt). In Großbritannien ist die Stimmung übrigens keineswegs am miesesten.

Da klafft eine gewaltige Lücke: zwischen individuellem Erleben und gesellschaftlichem Empfinden, zwischen Fakten und Vorurteilen, zwischen kühler Vernunft und großer politischer Erzählung.

Populisten treten an, diese Lücke zu vergrößern - indem sie ein Zerrbild von Überfremdung, Fremdherrschaft und Ungerechtigkeit zeichnen. Und um dann die Lücke zu füllen mit nicht haltbaren Versprechen. Hört nicht auf die Warnungen der Experten! Die Eliten beuten euch ohnehin nur aus! Verlasst euch auf den gesunden Menschenverstand!

Als der britische Zentralbankchef Mark Carney kürzlich vorrechnete, dem Königreich und seinen Bewohnern drohe ein herber Rückgang des Lebensstandards, weil bei einem Brexit ausländische Kapitalgeber reißaus nähmen, wurde er wegen "scaremongering" (etwa: Bangemachen) beschimpft. Dass das Pfund am Freitag auf den tiefsten Stand seit Jahrzehnten fiel, dürfte die Brexiteers nicht weiter beeindrucken. F*** the facts, enjoy the ride!

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung