Mittwoch, 13. November 2019

Politische Bilanz Alles super, Mario?

Mario Draghi (Archivbild vom März 2019)
Kai Pfaffenbach/ REUTERS
Mario Draghi (Archivbild vom März 2019)

Diese Woche wird Mario Draghi seine letzte Sitzung als EZB-Chef leiten. Am Ende einer turbulenten Amtszeit stellt sich die Frage: Ist er als Notenbankchef gescheitert?

Als Mario Draghi vor acht Jahren Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) wurde, stand es schlecht um die Währungsunion. "Der Euro-Raum in Staatspleitenpanik, die Politik wie paralysiert, (...) die Bürger verunsichert - und mittendrin Mario Draghi. (...) Es ist ein fast unmöglicher Auftrag, den er übernommen hat."

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Ein Mann auf einer mission impossible, konfrontiert mit schier unüberwindbaren politischen und wirtschaftlichen Widrigkeiten - so heißt es in einer Kolumne, die ich zu seinem Amtsantritt schrieb. Die EZB stand "mit dem Rücken zur Wand". Sie müsse "ein Systemversagen verhindern, muss Staaten und Banken vor dem Kippen bewahren, schlicht und einfach, weil im institutionell unterentwickelten Euro-Land niemand sonst die Macht und die Mittel dazu hat" - auch wenn derlei Krisenintervention eigentlich nicht zu den Aufgaben der Notenbank gehörten und die EZB dafür kein Mandat hatte. Es wäre nicht überraschend, wenn Draghi scheitere.

Donnerstag leitet er seine letzte EZB-Ratssitzung. Zum 1. November übernimmt Nachfolgerin Christine Lagarde. Am Ende einer langen, turbulenten Amtszeit stellt sich die Frage: Ist Mario Draghi gescheitert?

Die vordergründige Antwort lautet: nein. Wenn Notenbanken krachend scheitern, dann beben ganze Gesellschaften, Unruhen und Aufstände inklusive. Davon kann keine Rede sein. Aber es gibt auch Zielverfehlungen, die weniger offensichtlich sind, doch den Keim künftiger Probleme in sich tragen.

Mut, Konflikt und Irrtum

Als Draghi im Herbst 2011 die Führung der EZB übernahm, näherte sich die Eurokrise ihrem Höhepunkt. In immer neuen Wellen spekulierten die Finanzmärkte auf das Ausscheiden einzelner hochverschuldeter Volkswirtschaften aus der Eurozone. Auch Inflation galt als ernsthaftes Risiko; die Ölpreise waren hoch.

Diverse Szenarien mit extremen Folgen kursierten damals: ein Auseinanderbrechen der Währungsunion, verbunden mit einem weiteren, noch größeren globalen Finanzcrash als dem von 2008; das Abgleiten in eine Dauerrezession und Deflation; davongaloppierende Inflation. Nichts davon ist eingetreten. Und das ist auch Draghis Verdienst.

Mutig, konfliktbereit und unbeirrbar hat sich der italienische EZB-Chef durchgesetzt. Traditionelle geldpolitische Vorstellungen schob er beiseite, was ihm viele, gerade in Deutschland, bis heute nicht verziehen haben.

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