Sonntag, 13. Oktober 2019

Radikale Konjunkturhilfe der EZB gefordert Helikoptergeld findet auch Freunde in Deutschland

Sinnbild Helikoptergeld: Ohne Umweg über das Bankensystem
[m] mm.de; Corbis; Reuters
Sinnbild Helikoptergeld: Ohne Umweg über das Bankensystem

Das nennt man wohl einen Kontrapunkt. Gerade hat sich die deutsche Politik so vehement auf EZB-Präsident Mario Draghi als Schuldigen an allem möglichen eingeschossen , dass ihn sogar dessen interner Widersacher Jens Weidmann verteidigte, da spornt ein führender deutscher Ökonom Draghi an, noch viel weiter zu gehen.

Auf dem Youtube-Kanal des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) präsentiert dessen Chef Marcel Fratzscher einen Einminüter: Die Europäische Zentralbank tue noch immer viel zu wenig, um ihr Inflationsziel zu erreichen, kritisiert der ehemalige EZB-Volkswirt.

Damit "Europa endlich aus der Krise kommen kann", müssten alle möglichen Maßnahmen berücksichtigt werden, "und dazu gehört auch das Helikoptergeld": frisch von der EZB geschaffene Euro direkt an Bürger und Unternehmen , ohne Umweg über das Bankensystem, wo das Geld ungenutzt steckenbleiben könnte.

Die Stimme des DIW verleiht der Idee Kraft. Fratzschers Kollege Reint Gropp vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle war mit dem Statement "nicht abwegig" bisher noch einer der stärksten Fürsprecher. "Was wir in Deutschland brauchen, ist eine offene Debatte", fordert Fratzscher.

Wieso Helikoptergeld in Schäubles Sinn wäre

Also ziemlich das Gegenteil der bisherigen Reflexe. Gerade Draghis Sinnieren über Helikoptergeld hatte die Beamten von Wolfgang Schäubles Bundesfinanzministerium laut einem SPIEGEL-Bericht dazu gebracht, eine Klage gegen die EZB wegen Überschreitung ihrer geldpolitischen Kompetenzen zu prüfen. Geld für alle? Wo kommen wir hin!

Dabei könnten die deutschen Konservativen das Gedankenspiel des US-Ökonomen Milton Friedman durchaus auf ihrer Seite sehen. Die Idee, Geldscheine per Hubschrauber unters Volk zu bringen, brachte der monetaristische Vordenker 1969 ins Spiel. Er wollte zeigen, dass die Zentralbank selbst eine - damals abstrakte - Deflationsgefahr in den Griff bekommen könnte, und deshalb keine staatliche Konjunkturpolitik nötig wäre.

Die heutige Debatte steht unter umgekehrten Vorzeichen. Allseits fordern Ökonomen - darunter auch Draghi selbst - Schäuble auf, von seiner eisernen Sparpolitik abzulassen und die Nachfrage in Schwung zu bringen. Weil das nicht passiert, gilt ihnen eine aktive EZB ("whatever it takes") als zweitbeste Lösung.

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