Radikale Konjunkturhilfe der EZB gefordert Helikoptergeld findet auch Freunde in Deutschland

Sinnbild Helikoptergeld: Ohne Umweg über das Bankensystem

Sinnbild Helikoptergeld: Ohne Umweg über das Bankensystem

Foto: [m] mm.de; Corbis; Reuters

Das nennt man wohl einen Kontrapunkt. Gerade hat sich die deutsche Politik so vehement auf EZB-Präsident Mario Draghi als Schuldigen an allem möglichen eingeschossen , dass ihn sogar dessen interner Widersacher Jens Weidmann verteidigte, da spornt ein führender deutscher Ökonom Draghi an, noch viel weiter zu gehen.

Auf dem Youtube-Kanal des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) präsentiert dessen Chef Marcel Fratzscher einen Einminüter: Die Europäische Zentralbank tue noch immer viel zu wenig, um ihr Inflationsziel zu erreichen, kritisiert der ehemalige EZB-Volkswirt.

Damit "Europa endlich aus der Krise kommen kann", müssten alle möglichen Maßnahmen berücksichtigt werden, "und dazu gehört auch das Helikoptergeld": frisch von der EZB geschaffene Euro direkt an Bürger und Unternehmen , ohne Umweg über das Bankensystem, wo das Geld ungenutzt steckenbleiben könnte.

Die Stimme des DIW verleiht der Idee Kraft. Fratzschers Kollege Reint Gropp vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle war mit dem Statement "nicht abwegig" bisher noch einer der stärksten Fürsprecher. "Was wir in Deutschland brauchen, ist eine offene Debatte", fordert Fratzscher.

Wieso Helikoptergeld in Schäubles Sinn wäre

Also ziemlich das Gegenteil der bisherigen Reflexe. Gerade Draghis Sinnieren über Helikoptergeld hatte die Beamten von Wolfgang Schäubles Bundesfinanzministerium laut einem SPIEGEL-Bericht dazu gebracht, eine Klage gegen die EZB wegen Überschreitung ihrer geldpolitischen Kompetenzen zu prüfen. Geld für alle? Wo kommen wir hin!

Dabei könnten die deutschen Konservativen das Gedankenspiel des US-Ökonomen Milton Friedman durchaus auf ihrer Seite sehen. Die Idee, Geldscheine per Hubschrauber unters Volk zu bringen, brachte der monetaristische Vordenker 1969 ins Spiel. Er wollte zeigen, dass die Zentralbank selbst eine - damals abstrakte - Deflationsgefahr in den Griff bekommen könnte, und deshalb keine staatliche Konjunkturpolitik nötig wäre.

Die heutige Debatte steht unter umgekehrten Vorzeichen. Allseits fordern Ökonomen - darunter auch Draghi selbst - Schäuble auf, von seiner eisernen Sparpolitik abzulassen und die Nachfrage in Schwung zu bringen. Weil das nicht passiert, gilt ihnen eine aktive EZB ("whatever it takes") als zweitbeste Lösung.

Durchsage von "Helicopter Ben"

Die Frankfurter Geldpolitiker bringen das Helikoptergeld nur zaghaft ins Gespräch, nachdem ihre außergewöhnlichen Konjunkturhilfen wie Mega-Anleihenkäufe oder Negativzinsen noch immer nicht reichen, um die Inflationsrate über Null zu halten. Sie tun das bisher auch nur auf Nachfrage, aber dass sie überhaupt auf das Thema eingehen, hat seit der März-Pressekonferenz der EZB schon einen neuen Ton gesetzt.

Da nannte Draghi Helikoptergeld "ein sehr interessantes Konzept, das akademische Ökonomen diskutieren" (aber nicht die EZB selbst). Seine Stellvertreter führten die Linie in Interviews anschließend aus. EZB-Außenminister Benoît Cœuré verwies gegenüber "Politico"  auf die rechtlichen Hürden, Geld- und Fiskalpolitik zu trennen. Leider, leider: "Was immer mein persönliches intellektuelles Interesse sein mag, als Ratsmitglied bin ich ziemlich skeptisch."

Chefökonom Peter Praet bezeichnete Helikoptergeld in "La Repubblica" immerhin als prinzipiell möglich, für jede Zentralbank. Die Frage sei nur, wann dieses "wirklich extreme Instrument" angemessen sei. Immerhin fand er das Beispiel nützlich, um dem Vorwurf entgegenzutreten, der Werkzeugkasten der Zentralbank sei leer. Zunächst jedoch sollten die anderen vorhandenen Mittel ausgereizt werden.

Die Deutsche Bank rechnet mit Helikoptergeld in der nächsten Krise

Analysten der Deutschen Bank um George Saravelos glauben daher, dass die Zeit für das Helikoptergeld noch nicht gekommen sei. Die EZB bereite dafür aber mit ihrem lauten, inoffiziellen Nachdenken den Boden mit Blick auf die nächste Rezession, um dann noch einen mächtigen Hebel nutzen zu können. Aus Sicht der Analysten seien auch die juristischen Hürden nicht unüberwindbar.

Mit ähnlichem Tenor mischt sich der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke, der seit einem Rückgriff auf Milton Friedman 2002  den Beinamen "Helicopter Ben" trägt, wieder in die Debatte ein  .

Bernanke führt aus, wie Helikoptergeld einzusetzen sei, ohne die Grenzen zwischen Geld- und Fiskalpolitik zu verletzen - nur für den Fall der Fälle, wie er betont. Er bezieht sich auf die USA, wo die Helikopter auf absehbare Zeit gar nicht gebraucht würden. Anderswo könnte das Interesse an dieser "extrem wahrscheinlich wirksamen" Maßnahme aber real werden. Er denke da an Japan oder Europa.


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