Kampf gegen Inflation Norwegen mit größtem Zinsschritt seit 20 Jahren

Im Kampf gegen die Inflation wagt Norwegens Notenbank-Chefin einen größeren Schritt als erwartet. Die türkische Zentralbank belässt die Zinsen dagegen unverändert – obwohl das Land mit einer Inflationsrate von fast 74 Prozent konfrontiert ist.
Norwegens Notenbankchefin Ida Wolden Bache: "Die Zinsen müssen schneller steigen"

Norwegens Notenbankchefin Ida Wolden Bache: "Die Zinsen müssen schneller steigen"

Foto: STAFF / REUTERS

Die norwegische Zentralbank hat vor dem Hintergrund der steigenden Inflation die Leitzinsen so stark wie seit 20 Jahren nicht mehr erhöht. Die Notenbank hob den Schlüsselsatz um 0,50 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent an, wie die Norges Bank am Donnerstag mitteilte. Es ist die vierte Zinserhöhung seit Beginn der Pandemie. Bisher waren es jedoch immer kleinere Zinsschritte um 0,25 Prozentpunkte gewesen. In der Pandemie wurde der Leitzins im Mai 2020 auf null gesenkt.

Ökonomen hatten mehrheitlich nur mit einem Zinsschritt von 0,25 Prozentpunkten gerechnet. Letztmalig hatten die Währungshüter im Jahr 2002 einen solch starken Zinsschritt gewagt. Notenbankgouverneurin Ida Wolden Bache (49) stellte zudem für den August eine weitere Zinserhöhung in Aussicht. Der Leitzins soll dann wahrscheinlich auf 1,5 Prozent hochgesetzt werden.

"Erwartungen einer längeren Phase mit hoher Inflation legen einen rascheren Anstieg des Leitzinses nahe als in früheren Vorhersagen," erklärte Wolden Bache. Eine schnellere Zinserhöhung jetzt werde das Risiko einer weiterhin hoch bleibenden Inflation und die Notwendigkeit einer später noch stärkeren Straffung der Geldpolitik verhindern. Die Währungshüter signalisierten, dass der Leitzins bis Mitte 2023 auf 3 Prozent steigen könnte. Bisher hatte die Notenbank bis Ende 2023 einen Leitzins von 2,5 Prozent angepeilt.

Inflationsrate in Norwegen bei 5,7 Prozent

Die Notenbank hob zudem ihre Prognose für die Kerninflation, in der schwankungsreiche Inflationskomponenten wie die Energiepreise herausgerechnet sind, für dieses Jahr auf 3,2 Prozent von bislang 2,5 Prozent an. Für 2023 rechnet die Notenbank nun mit einer Inflationsrate von 3,3 Prozent. Bislang lautete die Prognose auf 2,4 Prozent. Das Inflationsziel der Norges Bank liegt bei 2 Prozent. Die Inflationsrate in Norwegen war im Mai auf 5,7 Prozent im Vorjahresvergleich gestiegen. Ohne Berücksichtigung der Energiepreise lag sie bei 3,4 Prozent.

Weltweit kämpfen viele Notenbanken mit hochschnellenden Preisen, die unter anderem durch die Folgen des Ukraine-Krieges angeheizt werden. In den USA hat die Federal Reserve Mitte Juni angesichts der höchsten Inflation seit mehr als 40 Jahren den Leitzins so kräftig angehoben wie seit 1994 nicht mehr. Sie beschloss eine Erhöhung um 0,75 Prozentpunkte auf die neue Spanne von 1,50 bis 1,75 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat für Juli angesichts einer Rekordinflation die erste Zinserhöhung seit 2011 in Aussicht gestellt. Die wichtigsten Zinssätze sollen dann um jeweils 0,25 Prozentpunkte angehoben werden. Und auch die Notenbanken Großbritanniens und der Schweiz erhöhten zuletzt ihre Leitzinsen.

Die Bank of Japan hält dagegen an der ultralockeren Zinspolitik fest. Auch Staatsanleihen werden weiter gekauft, wie Generaldirektor Haruhiko Kuroda (77) vor Kurzem bekannt gab. Doch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt zahlt einen hohen Preis dafür: Die Landeswährung Yen büßt massiv an Attraktivität auf den Finanzmärkten ein – der Yen stürzte im Vergleich zum US-Dollar zwischenzeitlich auf ein 24-Jahres-Tief.

Türkei lässt Leitzins unverändert – Inflation bei 73,5 Prozent

Auch die türkische Zentralbank lässt den Zinssatz unverändert, obwohl die Inflationsrate in der Türkei auf den höchsten Stand seit fast einem Vierteljahrhundert gestiegen ist. Die Währungshüter beließen den Leitzins bei 14 Prozent, wie sie am Donnerstag mitteilten. Damit bleibt der Schlüsselsatz ungeachtet des anhaltenden Inflationsschubs bereits den sechsten Monat in Folge unverändert. Im Mai waren die Verbraucherpreise binnen Jahresfrist um 73,5 Prozent nach oben geschossen. Oppositionspolitiker, Ökonomen und Umfragen zufolge auch Verbraucher vermuten, dass die Inflation sogar noch höher ist als offiziell angegeben.

Die Notenbank hatte zuletzt gegen Ende des Jahres trotz der steigenden Inflation den Leitzins um 5 Prozentpunkte gesenkt. Hinter dieser unorthodoxen Geldpolitik steht Präsident Recep Tayyip Erdoğan (68), der sich selbst als Zinsfeind bezeichnet. Erdoğan will die Konjunktur mit niedrigen Zinsen anheizen. Die türkische Regierung hatte zuletzt erklärt, dass die Inflation im Rahmen ihres neuen Wirtschaftsprogramms sinken wird. Immerhin ignorierten die Währungshüter mit ihrer Entscheidung die Aufforderung von Erdoğan, der sich für weitere Zinssenkungen ausgesprochen hatte. Seit Januar hält die Notenbank den Leitzins stabil.

Die meisten Volkswirte rechnen damit, dass die Notenbank dieses Jahr bei ihrer unorthodoxen Geldpolitik bleibt. Bis zum Jahresende wird mit keiner Änderung der Leitzinsen gerechnet. Eine Folge der ungewöhnlichen Geldpolitik ist der anhaltende Kurssturz der Landeswährung Lira. Sie büßte 2021 im Verhältnis zum Dollar rund 44 Prozent an Wert ein, wodurch die Inflation noch weiter angetrieben wurde. Der Kursverfall setzte sich in diesem Jahr mit einem weiteren Rückgang von bislang 24 Prozent fort.

mg/Reuters, dpa-afx, AFP