Mittwoch, 17. Juli 2019

Konjunkturaussichten Es geht abwärts - fragt sich nur, wie stark

Anlagenbau: Die produzierende Industrie verzeichnet einen drastischen Einbruch der Auftragseingäng
Hendrik Schmidt/ / DPA
Anlagenbau: Die produzierende Industrie verzeichnet einen drastischen Einbruch der Auftragseingäng

2. Teil: Machtlose Politik, schwache Industrie - und unfassbare Unwägbarkeiten

Das große Bild in groben Strichen

All diese Entwicklungen bestätigen das Bild, das sich schon länger abzeichnet. In groben Strichen sieht es in etwa so aus:

Machtlose Politik: Ein zyklischer Abschwung trifft auf historisch hohe Verschuldungsgrade, gerade in den reichen Volkswirtschaften. Sollte es zu einer Rezession kommen, steht eine raue Phase bevor. Die Wirtschaftspolitik kann kaum gegensteuern, da ihre Instrumente weitgehend funktionsunfähig geworden sind. Hohe Staatsschulden verbieten großangelegte Ausgabenprogramme; extrem niedrige Zinsen lassen den Notenbanken kaum Spielraum, die Wirtschaft zu stimulieren (achten Sie auf die Sitzung des Rates der Europäischen Zentralbank am Mittwoch).

Unfassbare Unwägbarkeiten: Unsicherheit über die Politik rund um den Globus belastet die Wirtschaft, weil Bürgern und Unternehmen eine verlässliche Entscheidungsbasis fehlt. Wir stehen am Beginn einer Epoche der Unsicherheit - mit kaum abschätzbaren ökonomischen Folgen. Ein Treiber dieser Entwicklung ist der grassierende Nationalpopulismus, der durch den konjunkturellen Abschwung weiter zu erstarken droht.

Deutschland vor! Die Bundesrepublik ist die einzige größere europäische Volkswirtschaft, die noch über nennenswerte konjunkturpolitische Spielräume verfügt. Die Staatsschuldenquote wird 2020 auf 53 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken, prognostizieren die Forschungsinstitute. Die Forderungen aus dem Ausland nach höheren öffentlichen Ausgaben dürften laut und lauter werden. Die Bundesregierung und die Wirtschaft sollten sich darauf vorbereiten und überzeugende Antworten parat haben, am besten eine Investitions- und Innovationsoffensive.

Schwache Industrie: Trotz solider Staatsfinanzen wird Deutschland relativ heftig vom kommenden Abschwung betroffen sein. Bereits im zweiten Halbjahr 2018 stagnierte der Output. Die gewichtige deutsche Industrie steht offenkundig vor einer Rezession und einem tiefgreifenden strukturellen Wandel im Zeichen von Digitalisierung, Dieselkrise, E-Mobilität. Die Folge könnte ein dauerhaftes Schrumpfen des produzierenden Sektors hierzulande sein. Die Zeiten, in denen deutsche Industriekonzerne sich darauf konzentrieren konnten, ihre bewährten Geschäftsmodelle über den Globus auszudehnen, sind jedenfalls vorbei.

Widerstandsfähiger Jobmarkt: Anders als in früheren Schwächephasen dürfte die Arbeitslosigkeit kaum ansteigen. Zwar belastet ein Rückgang der Nachfrage den Jobmarkt. Auch die Digitalisierung wird viele Jobs überflüssig machen. Doch parallel dazu wird das Angebot an Arbeitskräften wegen des demographischen Wandels immer enger. Auch in Japan, wo die Alterung weiter fortgeschritten ist als bei uns, steigt die Arbeitslosigkeit bei stagnierender Wirtschaft nicht mehr an. Unter diesen Bedingungen sollten Unternehmen davor zurückschrecken, Mitarbeiter zu feuern, und stattdessen mehr Geld in Weiterqualifizierung stecken.

All das wäre noch kein "Desaster", wie "binibona" formulierte. Aber die Zeiten würden deutlich ungemütlicher; an dieser Stelle haben wir seit vielen Monaten immer wieder darüber diskutiert.

Und falls es doch besser kommen sollte als derzeit erwartet? Dann freuen wir uns.

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