Arvid Kaiser

Kompromiss mit Tsipras Lieber Geld behalten als Recht behalten

Verhandlungspartner Tsipras und Merkel: Zugeständnisse sind auch aus Eigennutz möglich

Verhandlungspartner Tsipras und Merkel: Zugeständnisse sind auch aus Eigennutz möglich

Foto: AP/dpa

Es riecht nach einem Deal. Die griechische Regierung hat praktisch alle Bedingungen der Geldgeber, die ihr Volk noch am Sonntag überwältigend klar zurückgewiesen hat, nun als eigenen Vorschlag unterbreitet. Zu groß ist die Angst vor dem Grexit, der in den vergangenen Tagen unausweichlich schien.

Im Gegenzug verlangt Premier Alexis Tsipras nicht mehr als eine Fortsetzung der bisherigen Kredithilfe, um die Staatsschulden bezahlen zu können - verbunden mit der höflichen Bitte, "wir würden eine Gelegenheit begrüßen", auch über eine nachhaltige Lösung des Problems reden zu können, also über einen Schuldenschnitt.

Der gehört ganz klar zu einem Kompromiss. Der IWF verlangt das, die USA auch, die EU-Kommission und selbst der von Kanzlerin Merkel handverlesene Ratspräsident Donald Tusk sprechen sich dafür aus. Merkel persönlich denkt zumindest laut über softe Varianten abseits eines "klassischen Haircut" nach. Und trotzdem grummelt ihre Parteibasis noch, betrauert die womöglich verpasste Gelegenheit, die Griechen in hohem Bogen aus dem Euro zu werfen.

Dabei gebietet die Vernunft diesen Kompromiss, selbst wenn man nur puren Eigennutz gelten lässt und die Reaktion des Rests der Welt außen vor lässt.

Aus Sicht der deutschen Steuerzahler ist es leicht zu sagen, die an Griechenland verliehenen Milliarden seien ja ohnehin weg. Das Land kann die Schulden schlicht nicht komplett begleichen, die ursprünglich vergebenen Kredite waren Irrsinn. Das ist schon einmal eine erfreuliche Anerkenntnis der Realität. Aber was folgt daraus für heute? Rückgängig zu machen ist der Fehler nicht. Doch das Ausmaß des Fehlers lässt sich minimieren.

Weg ist nicht gleich weg - die Griechen machen es vor

Das Geld mit einem erzwungenen Grexit einfach abzuschreiben wäre dumm. Denn weg ist nicht gleich weg. Rationales Verhalten als Gläubiger - wiederum unabhängig von politischen und moralischen Beweggründen, die das Argument noch verstärken - heißt, den Schuldner Griechenland in die Lage zu versetzen, so viel wie möglich von dem Geld wieder zurückzuzahlen.

Laut den Forschern um Alberto Gallo von der Royal Bank of Scotland müssten die Gläubiger in einem verhandelten Schuldenschnitt auf 140 Milliarden Euro verzichten, damit Griechenland den Rest der Ansprüche (200 Milliarden) begleichen kann. Im Szenario eines ungeordneten Grexits hingegen seien mindestens 227 Milliarden Euro verloren, und hinzu kämen noch erhebliche indirekte Kosten.

Wenn es um "unser Geld" geht, liegt also ein moderater, aber ausreichender Schuldenschnitt im deutschen Eigeninteresse. Bestenfalls ließen sich die Kredite auch ohne "Haircut" in Ansprüche umwandeln, die nur im Fall einer wachsenden Wirtschaft fällig werden. Dieser Anreiz würde die Interessen von Schuldner und Gläubigern vereinen.

Woran scheitert dieser vernünftige Ansatz bisher? Daran, dass Stolz und Vorurteile in der deutschen Öffentlichkeit stärker wiegen als wirtschaftliche Motive.

Die Griechen machen es vor. Sie geben ihren Anspruch als souveräne und demokratische Nation auf, nur um den Euro zu behalten, was sie augenblicklich - vielleicht zu Unrecht - für geboten halten, um wirtschaftlich zu überleben. Worauf müsste Deutschland verzichten? Hauptsächlich auf das Recht, Recht zu behalten und die unbotmäßigen Griechen zu bestrafen. Ist das zig Milliarden Euro wert?


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