Joachim Nagel Bundesbankchef fordert mehrere EZB-Zinserhöhungen dieses Jahr

Bundesbankpräsident Joachim Nagel fordert gleich mehrere Zinserhöhungen der EZB in diesem Jahr, um die grassierende Inflation zu bekämpfen. Im Juni müsse klar sein, "wohin die Reise geht". Die Inflationsrate werde weiter hoch bleiben.
Zinserhöhungen: Bereits im April hat sich der Bundesbankpräsident Joachim Nagel dafür ausgesprochen

Zinserhöhungen: Bereits im April hat sich der Bundesbankpräsident Joachim Nagel dafür ausgesprochen

Foto: IMAGO/Sepp Spiegl / IMAGO/sepp spiegl

Angesichts der hohen Inflation hat Bundesbankpräsident Joachim Nagel (55) gleich mehrere Leitzinserhöhungen der EZB in diesem Jahr gefordert und in Aussicht. "In unserer Juni-Sitzung müssen wir ein deutliches Signal geben, wohin die Reise geht", sagte Nagel im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin "DER SPIEGEL" laut einer Vorabmeldung vom Freitag. "Aus meiner heutigen Sicht müssen wir dann im Juli einen ersten Zinsschritt machen und weitere in der zweiten Jahreshälfte folgen lassen." Bereits im April hatte sich der Bundesbankpräsident für Zinserhöhungen im Sommer ausgesprochen.

Am Montag hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde (66) ein Ende der Negativzinsen bis zum Ende des dritten Quartals in Aussicht gestellt. Einen ersten Zinsschritt peilt sie für Juli an. An den Finanzmärkten wurden die Aussagen als Hinweis auf eine erste Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte gedeutet. Seitdem haben einige Mitglieder im EZB-Rat gefordert, im Juli einen größeren Zinsschritt um 0,50 Prozent zu machen. Dies scheint aber im EZB-Rat nicht mehrheitsfähig zu sein. Eine Reihe von westlichen Notenbanken, darunter die US-Notenbank, hat bereits eine Zinswende eingeleitet.

Nagel erwartet anhaltende Inflation

Von einem raschen Sinken der Inflationsrate, die in Deutschland wie in der Eurozone zuletzt 7,4 Prozent betrug, geht der Bundesbankpräsident nicht aus. "Die Inflation wird nicht über Nacht sinken, das kann noch etwas dauern. Es kommt darauf an, dass die längerfristigen Inflationserwartungen gut verankert sind", sagte er.

Für die deutsche Wirtschaft ist Nagel trotz der vielen Krisenherde verhalten optimistisch. "Die deutsche Wirtschaft steht nicht so schlecht da: Wir haben vor dem Krieg für 2022 mit mehr als vier Prozent Wachstum gerechnet. Jetzt könnte sich das etwa halbieren. Mit einem Wachstum von etwa zwei Prozent sieht es dann immer noch ganz ordentlich aus." Das Szenario einer Stagflation, also eine vergleichsweise hohe Inflation bei gleichzeitig stagnierender Wirtschaftsleistung, sieht er als derzeit als nicht wahrscheinlich an: "Die Lage ist weiterhin robust", sagte Nagel dem Magazin.

Sorgen, dass die Eurokrise angesichts hoher Schuldenstände und steigender Leitzinsen wieder aufflammen und etwa Italien in Not geraten könnte, teilt Nagel ebenso nicht. "Es stimmt, dass sich Italiens Schuldenquote während der Pandemie noch mal erhöht hat. Aber die Risikoaufschläge italienischer Staatsanleihen sind weiterhin nicht außerordentlich hoch", sagte er.

"Wir dürfen keine monetäre Staatsfinanzierung betreiben"

Bundesbankpräsident Joachim Nagel

Klar sei aber, dass die EZB nicht einzelnen Ländern mit verdeckten, gezielten Käufen von Staatsanleihen zu Hilfe springen dürfe, um deren Zinsen zu drücken und den Regierungen die Aufnahme neuer Schulden zu erleichtern. "Die Staatsfinanzen in Italien, Deutschland oder einem anderen Land dürfen für die europäische Geldpolitik nicht maßgebend sein. Wir dürfen keine monetäre Staatsfinanzierung betreiben."

sio/dpa/AFP