EZB-Direktorin Isabel Schnabel "Klimawandel viel größere Herausforderung als Pandemie"

Die deutsche Ökonomin warnt, in der Jahrhundertkrise den Klimawandel zu vergessen. Vor allem den Zentralbanken komme eine wichtige Rolle bei dessen Bekämpfung zu.
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Foto: Ralph Orlowski / REUTERS

Inmitten der durch den Coronavirus ausgelösten Jahrhundertkrise mahnt Isabel Schnabel (49), Direktorin der Europäischen Zentralbank (EZB), den Klimawandel nicht zu vergessen. "Der Klimawandel ist wahrscheinlich die größte Herausforderung, vor der wir stehen – viel größer als die Pandemie", sagte Schnabel in einem Interview mit der Agentur Reuters. Die Ökonomin leitet daraus vor allem einen Handlungsauftrag für die EZB und andere Zentralbanken ab.

Anfänglich nur eine Gesundheitskrise, hat die Pandemie weltweit ökonomische Schockwellen ausgelöst, die alle Nationen betreffen und die Zentralbanken zu beispiellosen Rettungsaktionen zwingen. Beim Klimawandel seien die Zentralbanken angesichts des höheren Risikos noch stärker gefordert. Die EZB müsse das Thema bei der Überprüfung ihres politischen Rahmens daher ganz oben auf ihrer Tagesordnung behalten, sagte Schnabel.

"Auch wenn dieser Gesundheitsschock nichts mit der Geldpolitik zu tun hat, so hat er doch enorme Auswirkungen auf die Geldpolitik", sagte sie. "Dasselbe gilt für den Klimawandel, und deshalb können die Zentralbanken ihn nicht ignorieren."

Durch die ihr unterstehende Bankenaufsicht könne die EZB von den Banken etwa eine Bewertung des Klimarisikos verlangen, sagte Schnabel. Das könnte dann deren Zugang zu Zentralbankgeld beeinflussen, sollten die Ergebnisse eine direkte Auswirkung auf die Bewertung der Risiken haben.

Die Zentralbank sollte die Europäische Union auch dazu drängen, ihrem lange aufgeschobenen Projekt zur Errichtung einer Kapitalmarktunion ein grünes Element hinzuzufügen, da eine Konzentration auf grüne Finanzierung dem Block einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könnte, argumentierte sie.

Für die frühere Wirtschaftsweise, die seit diesem Jahr dem Direktorium der EZB angehört, ist das ein bemerkenswerter Wandel. Schnabel hatte sich in der Vergangenheit skeptisch über eine Verlagerung der EZB-Anleihenkäufe auf grüne Anleihen geäußert. Nun erklärte sie, dass sich ihre Ansicht zu diesem Thema noch "entwickle". "Es gibt die Meinung, dass wir sehr eng an der Marktneutralität festhalten sollten", sagte sie. "Und es gibt die alternative Meinung, dass die Märkte die Klimarisiken nicht angemessen bepreisen, so dass es eine Marktverzerrung gibt und daher die Marktneutralität möglicherweise nicht der richtige Maßstab ist."

Die EZB ist bereits einer der größten Käufer grüner Vermögenswerte und hält rund 20 Prozent der grünen Anleihen, die für ihre Käufe in Frage kommen, so dass nach den derzeitigen Regeln wenig Spielraum für weitere Käufe bleibt.