Irisches Statistikamt rechnet Briefkastenfirmen heraus Irlands ehrliche Rechnung - die Wirtschaft ist ein Drittel kleiner

Finanzzentrum Dublin

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Ohne Schirm: Stärken und Schwächen der irischen Wirtschaft

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Das irische Zentrale Statistikbüro hat etwas Neues entwickelt: ein Maß für die Größe der irischen Wirtschaft. Natürlich gab es so etwas vorher auch schon - das Bruttoinlandsprodukt (BIP), wie es weltweit nach einigermaßen einheitlichen Kriterien erhoben wird: die Summe aller im Land erzeugten Waren und Dienstleistungen.

Doch in Irland stößt das Konzept des BIP auf besondere Probleme. Die Republik ist ein Hort für globale Konzerne, die dort große Teile ihrer weltweiten Geschäfte abrechnen oder gleich ihren offiziellen Hauptsitz nehmen wie zuletzt der Dax-Konzern Linde , aber vergleichsweise wenig lokale Präsenz haben.

Die Wirtschaftskraft, die den Iren tatsächlich zur Verfügung steht, beziffern die Statistiker  auf 189 Milliarden Euro für das Jahr 2016 - gut 86 Milliarden weniger als das offizielle BIP. Die neue Zahl nennen sie Bruttonationaleinkommen*.

Die Kluft zur Realität wird noch größer

Vom BIP werden alle ins Ausland gehenden Einkommen wie Firmengewinne abgezogen (und Einkommen von Iren aus dem Ausland hinzugerechnet). Dieses Bruttonationaleinkommen (BNE) hat das Amt zusätzlich um nur zum Schein in Irland sitzende Firmen sowie die Wertberichtigung von Patenten, Copyrights und anderem geistigen Eigentum oder auch den in Irland registrierten Flugzeugflotten von Leasingfirmen bereinigt.

Das BNE* solle "die Effekte der Globalisierung" aus den Daten heraushalten, und so "weniger anfällig für Schocks und Einmaleffekte" sein, erklärte Jennifer Banim, Leiterin der Abteilung für Wirtschaftsstatistik. Mit seiner Innovation sieht sich das Amt als Vorreiter der internationalen Statistikergemeinde.

Allerdings gibt es in den meisten anderen Industrieländern keine erheblichen Unterschiede zwischen BIP und BNE. In Irland ist die Kluft seit den frühen 80er Jahren gewachsen, als sich die Nation als Investitionsziel und Steueroase etablierte. Zuletzt wurde sie sogar noch größer, obwohl Auswüchse wie der von Konzernen mit Scheinfirmen genutzte Trick "Double Irish with a Dutch Sandwich" auf internationalen Druck hin begrenzt wurden.

26 Prozent Wachstum in einem Jahr - und es wird noch irrer

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Legale Steuerflucht: Die Lieblingsoasen der Dax-Konzerne

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Die Buchungstricks der Pharma-, IT- und Luftfahrtriesen sorgen für irre Turbulenzen im BIP. Nachdem die Wachstumszahl von 26 Prozent für 2015 schon für Irritationen sorgte, gab es im Folgejahr 2016 nun vergleichsweise bescheidene 5,1 Prozent obendrauf. Das erste Quartal 2017 wiederum brachte einen Einbruch um 2,6 Prozent - was die Statistiker vor allem mit dem Vergleich zu den vorigen Einmaleffekten und Abschreibungen erklären.

Allein die im Vorjahr von Leasing-Firmen als Anlagevermögen neu angeschafften Flugzeuge haben laut Irischer Zentralbank einen Wert von 1,4 Billionen Euro - genug, um ein sattes Plus von 45,5 Prozent für die Kapitalbildung der gesamten Volkswirtschaft auszuweisen. Dahinter steht beispielsweise die Übernahme des US-Riesen CIT durch die Avolon Holding mit Sitz in Dublin und chinesischen Eigentümern.

"Das zeigt, was für eine merkwürdige Volkswirtschaft wir haben", kommentiert Tom Healy vom Nevin Economic Research Institute gegenüber der "Financial Times" . Und Professor John Fitzgerald vom Trinity College Dublin erklärt: "Was wir messen wollen, sind die realen Einkommen und die reale Produktion von realen Menschen, die in Irland leben."

Wie irische Daten die Geldpolitik für Europa fehlleiten können

Die enormen Sprünge bewirken, dass die Daten des kleinen Irland auch die Quartalsergebnisse der gesamten Euro-Zone verzerren - was beispielsweise die Geldpolitiker der Europäischen Zentralbank in die Irre führen könnte. Der Transfer des Registers für einige hundert Flugzeuge aus Übersee kann wie ein europäischer Investitionsboom und damit Hoffnungszeichen für den Aufschwung aussehen - auch wenn keine der Maschinen je ein irisches Rollfeld berührt.

Zugleich geht es mit der ehrlichen Statistik darum, den Iren zu erklären, warum ihr gemessener Reichtum so viel größer ist als die von ihnen selbst empfundene Lage. Als Erfolgsbeispiel für die Erholung von der tiefen Finanzkrise taugt Irland mit steigenden Löhnen und mehr Jobs immer noch, aber die übertriebenen BIP-Zahlen beschädigen diese Story eher.

Zur ehrlichen Statistik zählt auch, dass die von der üppigen Bankenrettung hochgetriebene Staatsschuldenquote zwar mittlerweile auf 73 Prozent des BIP gesenkt werden konnte, damit aber immer noch hohe 106 Prozent des BNE* beträgt.

Für den europäischen Stabilitätspakt ist das aber egal. Der richtet sich nur nach den BIP-Quoten. So sind nun einmal die in Europa vereinbarten Regeln.

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