Irland rechnet sich reich Das irische Märchen von 26 Prozent Wachstum

Zu schön, um wahr zu sein: Kleeblätter als Glückssymbol zum Nationalfeiertag St. Patrick's Day

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Foto: AFP

China schafft gerade mal noch 6,9 Prozent. Deutschland wähnt sich schon mit 1,5 Prozent im Glück. Und Griechenland schafft es seit Jahren nicht über die Nulllinie. Richtig überzeugende Wachstumsraten kann keine Volkswirtschaft der Welt mehr vorzeigen. Den Bestwert für 2015 zeigte bisher Äthiopien mit 10,2 Prozent, zugegebenermaßen von niedrigem Ausgangsniveau.

Doch jetzt kommt Irland, noch vor gar nicht so langer Zeit mit Griechenland in einem Atemzug genannt, mit einer fulminanten Erfolgsmeldung: Auf sagenhafte 26,3 Prozent haben die Statistiker von der Insel die reale Wachstumsrate ihres Bruttoinlandsprodukts für das vergangene Jahr hochgestuft , dank "vollständigerer und aktuellerer Daten" gegenüber der ersten Schätzung von 7,8 Prozent.

Jeder Ire hat demnach 53.743 Euro erwirtschaftet, während die Deutschen gerade mal auf einen Pro-Kopf-Wert von 37.099 Euro kommen. Doch mit Jubel hat das Amt in Dublin wohl selbst nicht gerechnet. Die Zahlen wirken nicht nur unglaublich, ihnen glaubt auch niemand.

"Wir müssen die wesentlichen Wirtschaftsindikatoren entsprechend der internationalen Regeln berechnen", erklärt die für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung zuständige Jennifer Banim. In dieser Hinsicht sei auch alles korrekt. Doch "wegen der hochgradig globalisierten Natur unserer Volkswirtschaft helfen Bruttoinlands- und Bruttosozialprodukt nicht immer zu verstehen, was in der irischen Wirtschaft passiert".

Eine etwas freundliche Formulierung als die von der "Leprechaun-Ökonomik" nach dem geizigen und trickreichen Kobold aus der irischen Mythologie, die der US-Ökonom Paul Krugman benutzt. "Mehr Papiertiger als keltischer Tiger", lästert das Magazin "Quartz" .

Flugzeuge, die nie irischen Boden berühren, steigern das Bruttosozialprodukt

Vor allem die Iren selbst sind voller Hohn. Erst im Februar haben sie die Regierung abgewählt, deren Slogan vom "Aufschwung" sie unglaubwürdig fanden. Im Blog "The Irish Economy"  sammeln Ökonomen aus der Republik jetzt Erklärungen für das merkwürdige Wirtschaftswunder.

Schon lange bekannt war, dass das Bruttoinlandsprodukt für Irland wenig Aussagekraft hat, weil darin auch im Inland erzeugte Einkommen gezählt werden, die aber im Ausland ansässigen Empfängern zugute kommen - zum Beispiel den Eigentümern der zahlreichen US-Konzerne, die aus Steuer- oder anderen Gründen Niederlassungen in Irland nutzen, die ihre Gewinne nach Amerika überweisen.

Als Alternative galt das anderswo aus der Mode gekommene Bruttosozialprodukt, das nach dem Inländerkonzept berechnet wird. "Doch auch das ist jetzt fast genauso nutzlos", befindet Patrick Honahan. Das BSP stieg um kaum weniger astronomische 18,7 Prozent.

Das liege an der zunehmenden Verlegung von Konzernzentralen vor allem der Pharmaindustrie auf die Insel - die Wertschöpfung der Industrie soll sich binnen Jahresfrist verdoppelt haben, auch der irische Kapitalstock wuchs binnen Kürze um 40 Prozent.

"Lasst uns Flugzeuge beobachten statt den Schwindel der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung", schlägt Aidan Regan vor. Er hat die internationalen Flugzeug-Leasinggesellschaften als Verantwortliche ausgemacht, die (natürlich aus Steuergründen) zunehmend in Irland residieren.

Eine von ihnen zähle kaum mehr als 200 Beschäftigte in der Republik, aber eine Bilanzsumme von 44 Milliarden Euro - in Form von Jumbojets, die niemals irischen Boden berührten. "Verdammt, wir könnten diese Geräte noch nicht einmal zusammenbauen", bekennt der Mann vom University College Dublin.

Wie die Staatsverschuldung per Federstrich fast halbiert wurde

Ob Pharma, Software oder Flugzeug-Leasing - die als "Double Irish" oder "Inversion" bekannten Steuersparmodelle könnten sowieso der Vergangenheit angehören. Zumindest haben sowohl die USA als auch die EU dieser Methode der Gewinnverlagerung den Kampf angesagt, und die irische Regierung hat zugesagt, die größten Schlupflöcher zu schließen (aber den Körperschaftsteuersatz von 12,5 Prozent zu behalten).

Für die Iren selbst ist ohnehin ihre eigene wirtschaftliche Lage interessanter. Teile der Statistik sind da durchaus aufschlussreich. Vom realen Konsum über Einkommen und Löhne bis zum Außenhandel hat Matthew Klein von "FT Alphaville" Belege zusammengetragen , die das irische Wunder relativieren. In keiner Kategorie hat das Land den Verlust der Krise seit 2008 wieder gutgemacht.

Im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2007 hat die irische Wirtschaft immer noch rund 200.000 Jobs verloren, etwa jeden zehnten. Dass die Arbeitslosenrate von einst 15 auf 7,8 Prozent gesunken ist, hängt auch mit massenhafter Auswanderung zusammen. Die Erholung vom tiefsten Punkt der Krise ist deutlich, aber ein Boom fühlt sich anders an.

In einer Hinsicht könnte die Revision der Statistik aber realen Nutzen haben: Für den Europäischen Stabilitätspakt werden staatliche Defizit- und Schuldenstände am BIP gemessen. Die Staatsschuldenquote ist per Federstrich von 93,8 auf 78,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesunken. Zwei Jahre zuvor betrug sie noch 120 Prozent - und am absoluten Schuldenstand hat sich in dieser Zeit kaum etwas geändert.

Video: Von Irland bis Delaware - die Steueroasen der Konzerne

Wochit / manager-magazin.de


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