Inflation Wo bleibt der Lohn für die Lohn-Preis-Spirale?

Die Verbraucherpreise steigen so stark wie lange nicht. Arbeitnehmer könnten jetzt deutlich mehr Geld einfordern - und dazu beitragen, dass die Inflation nicht so schnell nachlässt. Aber passiert das auch?
Kaufkraft verloren: Protest der Gewerkschaft IG Metall in der Stahlindustrie

Kaufkraft verloren: Protest der Gewerkschaft IG Metall in der Stahlindustrie

Foto: Jochen Tack / imago images/Jochen Tack

Zweitrundeneffekt heißt das Phänomen, das Kapitalanleger in Angst versetzt: Aus Einmaleffekten wie den derzeit stark erhöhten Rohstoffpreisen, Lücken in den Lieferketten oder der erhöhten Mehrwertsteuer könnte eine dauerhaft steigende Inflation werden: dann, wenn die Beschäftigten höhere Löhne und Gehälter durchsetzen, um ihre verlorene Kaufkraft zurückzugewinnen. Die Unternehmen wiederum könnten darauf reagieren, indem sie ihre gestiegenen Arbeitskosten als höhere Preise weiterreichen – und damit Erfolg haben, weil ihre Kunden ja mehr Geld zum Ausgeben haben. Und schon wäre eine Lohn-Preis-Spirale im Gang, wie in den 1970er Jahren.

Die Berichte von Vermögensverwaltern und Bankvolkswirten sind bereits voll solcher Szenarien – und Ratschlägen, wie man sein Geld jetzt vor der großen Inflation schützen kann. Deutlich entspannter geben sich die professionellen Inflationswächter. "Wir sollten nicht auf Angebotsknappheiten oder steigende Energiepreise überreagieren", sagte jüngst Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) – dagegen könnte ihre Geldpolitik ohnehin nichts ausrichten, und diese Phänomene sollten auch nach einiger Zeit wieder vorübergehen, selbst wenn sie nun unerwartet lange für unerwartet hohe Inflationsraten sorgen. Lagarde schränkte ihre Gelassenheit mit einem großen Aber ein: "Aber wir werden gut auf die Lohnentwicklung und Inflationserwartungen achten, um sicherzustellen, dass sie bei 2 Prozent (jährlichem Wachstum) verankert werden."

EZB-Chefvolkswirt Philip Lane stellte am Montag im Interview mit der spanischen Zeitung "El País"  klar: Aus Sicht der Zentralbank sollten die Löhne in Europa durchaus stärker steigen als in den vergangenen Jahrzehnten, weil sie eben bisher nicht ausreichten, um die Inflation dauerhaft auf die erwünschten 2 Prozent zu treiben. Sogar die stabilitätsorientierte Bundesbank ermunterte die deutschen Gewerkschaften schon zu mutigeren Auftritten, um endlich aus der Nullzinsfalle herauszukommen.

In den Verhandlungen müssten Gewerkschaften und Arbeitgeber ein Gleichgewicht finden zwischen Lebenshaltungskosten, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der Firmen, so Lane. Die EZB werde auf "nicht nachhaltige Muster" achten, die zu höherem Inflationsdruck führen könnten. Lane betonte jedoch: "Davon sehen wir jetzt gerade nichts." Besonders jetzt im Herbst werden die Tarifabschlüsse laut Lagarde den Inflationsausblick prägen. "Wir erwarten aber nicht, dass sie sehr stark ausfallen."

Zuletzt sind die Löhne eher gefallen

Tatsächlich zeigten die jüngsten Lohnkostendaten von Eurostat  eher das Gegenteil: Im zweiten Quartal 2021 schrumpften die Löhne und Gehälter pro Arbeitsstunde in der Eurozone um 0,4 Prozent – der erste Rückgang seit 2011. Besonders ausgeprägt war das Minus in der Industrie mit 1,6 Prozent. Während die Löhne in Deutschland stagnierten, gingen sie in den anderen großen Euro-Volkswirtschaften unterschiedlich stark zurück: minus 0,3 Prozent in Frankreich, minus 1,4 Prozent in den Niederlanden, minus 2,3 Prozent in Spanien, minus 3,4 Prozent in Italien.

"Das scheint im Widerspruch mit der Öffnung der Wirtschaft und den häufigen Medienberichten über Fachkräftemangel zu stehen", erklärte Jessica Hinds, Ökonomin von Capital Economics, in der "Financial Times" . Da seien einige Sondereffekte wie die Rückkehr aus der Corona-Kurzarbeit (und damit eine höhere Anzahl an Arbeitsstunden bei gleichbleibendem Monatslohn) am Werk. So schwach wie von dieser Statistik suggeriert, sei das Lohnwachstum wohl nicht. Es werde aber doch "ziemlich gedämpft" bleiben, schließlich gebe es auch am Arbeitsmarkt noch "ungenutzte Kapazität", also arbeitssuchende Menschen.

Bis September sah es auch in den deutschen Tarifrunden nicht nach viel Bewegung aus. Eine Übersicht  der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt das aus den Vorjahren bekannte Muster: Mögen die Gewerkschaften auch mit Forderungen von 4 bis 5 Prozent in die Auseinandersetzung ziehen, einigen sie sich mit den Arbeitgebern am Ende dann doch auf Abschlüsse eher um die 2 Prozent.

Üppiges Tarifplus nur in der Bauindustrie

In der Metall- und Elektroindustrie, mit mehr als drei Millionen Beschäftigten die größte Tarifrunde, wurde im März gar keine prozentuale Erhöhung vereinbart. Die IG Metall war schon froh, dass sie überhaupt Geld heraushandeln konnte: Einmalzahlungen als Corona-Prämie von 500 Euro für dieses Jahr und ein "Transformationsgeld" vom Bruchteil eines Monatsgehalts für die folgenden Jahre, das auch als Freizeit vergolten werden kann. Als Inflationstreiber taugt das alles nicht, real verlieren die Metaller durch die aktuell hohe Inflation an Einkommen.

Erst im Oktober gab es ein paar größere Zahlen vor dem Komma. Im Einzel-, Groß- und Außenhandel als ebenfalls großer Branche erreichte die Gewerkschaft Verdi immerhin 3 Prozent Plus. Allerdings laufen die Tarifverträge über 24 Monate, mit einer zweiten Erhöhung von nur 1,7 Prozent im kommenden Frühjahr und einigen Nullmonaten. Im Jahresdurchschnitt kommen die Verkäuferinnen nicht aus der Komfortzone der EZB heraus.

Nur die Bauindustrie ragt merklich heraus. Die IG Bau erreichte Ende Oktober eine Tariferhöhung um 6,2 Prozent im Westen und sogar 8,5 Prozent im Osten Deutschlands, zuzüglich hoher Einmalzahlungen. "Damit ist es uns gelungen, die Tarife über der prognostizierten Inflation zu halten", freut sich Gewerkschaftschef Robert Feiger. Das Geld muss jedoch bis März 2024 reichen, so lange läuft der Vertrag. Aus eigener Kraft werden die knapp eine Million Baubeschäftigen den Inflationsanker also auch nicht lösen können.

In manchen Euro-Staaten wie Frankreich, Belgien oder Spanien gibt es indexierte Tarifverträge, in denen die Löhne automatisch mit der Inflationsrate steigen – sich aber ebenso automatisch verlangsamen, wenn diese nachlässt. Italien, wo dieses System erfunden wurde, hat sich von der "Scala Mobile" längst verabschiedet – und auch im Oktober nur magere 0,7 Prozent Gehaltsplus im Jahresvergleich gesehen. Die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften sei einfach immer noch "stark eingeschränkt", urteil Katharina Utermöhl, Volkswirtin der Allianz.

Amazon setzt den Mindestlohn

Und außerhalb der Tarifwelt? Immerhin soll der neue Rentenbericht ein Einkommensplus von jeweils mehr als 5 Prozent für 2022 und 2023 verheißen. Das wäre schon ein historischer Zuwachs an Kaufkraft – umso bemerkenswerter, weil sich die Renten nach den Löhnen und Gehältern richten, die dann ja doch insgesamt üppig erscheinen. Dabei geht neben der moderat gestiegenen Durchschnittshöhe der Einkommen auch die gestiegene Zahl der Beschäftigten in die Rechnung ein. Und das Ganze relativiert sich, weil die Rentner im Westen 2021 eine Nullrunde verkraften mussten und 2024 laut den Schätzern schon wieder eine droht. Über die vier Jahre hinweg betrachtet, hätten die Ruheständler dann immer noch das 2-Prozent-Ziel der EZB gut im Blick.

Im Niedriglohnsektor könnte sich einiges ändern, wenn die Ampelkoalition ihre Absicht wahr macht, den gesetzlichen Mindestlohn auf 12 Euro pro Stunde anzuheben. Heute liegt er bei 9,60 Euro, ohnehin vorgesehen ist eine Anhebung auf 10,45 Euro bis Juli. Von da aus wäre es immer noch ein 15-prozentiger Sprung für mehrere Millionen Geringverdiener. Einige Unternehmen erreichen diese Stufe bereits jetzt, auch ohne Druck von Staat oder Gewerkschaft - einfach, weil sie fürchten, ihre starke Nachfrage nach Arbeitskräften sonst nicht decken zu können. Amazon hat mit seinem Einstiegslohn von 12 Euro für seine deutschen Versandzentren ab Juli noch vor der Ampel ein Signal gesetzt und in lokalen Arbeitsmärkten, wo es solche Zentren gibt, einen faktischen Mindestlohn eingezogen.

Es ist ein schwächeres, aber ähnliches Bild wie in den USA, wo am unteren Ende der Einkommensverteilung deutliche Gewinne zu sehen sind, während die Kaufkraft der Mittelschicht stagniert. Lagerarbeiter sind das Paradebeispiel für Arbeitskräfte, die nach langen mageren Jahren nun von gestiegener Nachfrage profitieren - die von Präsident Joe Biden empfohlene schlichte Antwort auf den akuten Mangel: "pay them more". Amazon begleitete seine jüngste Einstellungsoffensive mit einem auf 18 Dollar (etwa 15,50 Euro) pro Stunde angehobenen Einstiegslohn.

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Die Unternehmensgewinne steigen weiter und lassen solche Lohnzuwächse auch locker zu. Am Ende stehe vor allem starke Nachfrage hinter den steigenden Preisen, kein Angebotsschock wie in der Ölkrise der 70er Jahre, urteilt  Volkswirt Joe Seydl von der US-Großbank JP Morgan Chase. Daher sei auch die Furcht vor einer Stagflation grundlos aufgeblasen. Seine Botschaft: Vergesst doch einfach mal die Siebziger.

ak
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