Inflation steigt über 2 Prozent, Fed erhöht Zinsen Was passieren muss, damit die EZB die Zinsen erhöht

EZB-Zentrale im Nebel: Eine Zinswende wie in den USA ist noch lange nicht in Sicht

EZB-Zentrale im Nebel: Eine Zinswende wie in den USA ist noch lange nicht in Sicht

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Amerika, du hast es besser. Zumindest aus Sicht deutscher Geldhüter zeigt die US-Zentralbank Federal Reserve, die nach zwei vorsichtigen Zinserhöhungen in den vergangenen beiden Jahren an diesem Mittwoch eine Serie von Schritten zu spürbar höheren Zinsen eingeläutet hat, den Weg ins gelobte Land.

Die Europäische Zentralbank hingegen beschwört, die aktuellen Null- oder sogar Negativzinsen "für längere Zeit" zu behalten oder sogar noch weiter zu senken. Darüber hinaus gehen die Anleihekäufe mindestens bis zum Jahresende weiter, nur das Tempo wird am April gedrosselt - während die Inflationsrate in Deutschland mit 2,2 Prozent neuerdings das EZB-Ziel übertrifft.

Sabine Lautenschläger, die deutsche Vertreterin im EZB-Rat, hält die Zeit für gekommen, "dass wir uns bald der Frage des Ausstiegs widmen können". Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble fordert "einen rechtzeitigen Einstieg in den Ausstieg" mit Verweis auf die "Belastungen der Niedrigzinsphase" - obwohl sein eigener Haushalt von niedrigen Zinsen eher entlastet wird. Sobald sie wieder steigen, ist eine Jahrhundertchance für kostenlose öffentliche Investitionen ungenutzt vorbei.

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Vergleichsstudie: Wie US-Banken die europäische Konkurrenz abhängen

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Wen Schäuble im Blick hat, sind die privaten Investoren, die mit geringer Rendite auskommen müssen - und die Banken, die auch wegen geringer Zinsmargen im Vergleich mit den amerikanischen Kollegen blass wirken. Das gilt besonders für die vom klassischen Kredit- und Einlagengeschäft abhängigen Institute.

So fordert Uwe Fröhlich, Präsident der Genossenschaftsbanken, die EZB zum "dringenden geldpolitischen Umsteuern" auf. Und Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon deklariert seine Erwartungen: "Erst ein Abschmelzen des Ankaufprogramms und dann ein Zurückführen des Zinses in die richtige Höhe."

Doch alle, die bald wieder höhere Zinsen sehen wollen, werden sich noch gedulden müssen. Hier sind die Gründe, warum auch 2 Prozent Inflation noch nicht für eine Umkehr der EZB reichen.

Es gibt keine Geldpolitik für Deutschland

EZB-Präsident Mario Draghi: Kann auf Deutschland so viel Rücksicht nehmen wie die Bundespolitik auf Nordrhein-Westfalen

EZB-Präsident Mario Draghi: Kann auf Deutschland so viel Rücksicht nehmen wie die Bundespolitik auf Nordrhein-Westfalen

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

"Die Geldpolitik ist insbesondere für Deutschland extrem unglücklich", beschwert sich Uwe Fröhlich vom Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken. Die deutsche Volkswirtschaft wirkt mit unter 2 Prozent Wachstum zwar nicht wirklich überhitzt, allenfalls am Immobilienmarkt könnte das billige Geld schädlich wirken.

Doch selbst wenn es so wäre - eine Geldpolitik, die besondere Rücksicht auf deutsche Bedürfnisse nimmt, ist in der Währungsunion nicht möglich. Die EZB muss die 19 Mitgliedstaaten als Einheit betrachten. Ob die Preise in Irland stagnieren, in Griechenland (um die erhöhte Mehrwertsteuer bereinigt) weiter fallen oder in Belgien um 3 Prozent steigen, ist einerlei.

Das ist wichtig im Blick zu behalten für den Fall, dass die Euro-Zone sich in Zukunft wieder stärker auseinander entwickelt. Aktuell ist auch für Deutschland gut, was gut für die Gemeinschaft ist: Deren Inflationsrate beläuft sich auf 2,0 Prozent. Dass die EZB ihre Geldpolitik trotzdem nicht zu locker findet, hat offenbar andere Gründe.

Vergessen Sie den Salatpreis

Gemüsekrise: Eine schlechte Ernte kann wie derzeit die Preise treiben, sagt aber wenig über die Inflationsdynamik

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Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa

Inflationsraten sind immer ein statistisches Konstrukt aus einer Vielzahl von Preisen, die in einem Warenkorb zusammengefasst werden. In den Februar-Daten des Statistischen Bundesamts sind beispielsweise Geräte der Unterhaltungselektronik (4,7 Prozent billiger als vor einem Jahr) genauso enthalten wie leichtes Heizöl (43,8 Prozent teurer) oder Gemüse (21 Prozent teurer, Kopf- und Eisbergsalat sogar 44,1 Prozent).

Für die Verbraucher sind diese Zahlen aussagekräftig. Für die Geldpolitik aber kann der Blick auf den Warenkorb insgesamt in die Irre führen. Die Gemüsepreise beispielsweise wurden von schlechten Ernten durch einen frostigen Winter in Südeuropa beeinflusst. Wichtiger für den Gesamtindex sind die Energiekosten, die mit den Ölpreisen  auf und ab schwanken - getrieben vom Weltmarkt, eine Zinserhöhung der EZB würde darauf keinen Eindruck machen.

Um diese unzuverlässigen Faktoren herauszurechnen und den echten Inflationsdruck in der Wirtschaft zu messen, gibt es Kerninflationsraten. Eurostat berechnet beispielsweise für die Euro-Zone eine ohne Energie, Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak. Diese Kerninflation erweist sich als ziemlich stabil. Sie fiel zwar (im Gegensatz zur zeitweise negativen Gesamtrate) in den vergangenen Jahren nie unter 0,5 Prozent, ist mit aktuell 0,9 Prozent aber noch weit vom EZB-Ziel für Preisstabilität entfernt: "nahe, aber unter 2,0 Prozent".

Offiziell misst die EZB ihren Erfolg nicht an der Kerninflation (anders als die Fed, die sich auch an den tatsächlichen persönlichen Konsumausgaben statt am tendenziell stärker steigenden Verbraucherpreisindex orientiert). Aber EZB-Präsident Mario Draghi weist immer wieder darauf hin: als Signal, wie sich die Inflation insgesamt entwickeln wird. Das 2-Prozent-Ziel gilt nämlich nicht sofort, sondern "mittelfristig". "Wir können noch nicht sagen, dass wir eine sich selbst tragende Inflation haben", gibt Draghi zu bedenken.

Nach vier mageren Jahren muss die EZB übers Ziel hinausschießen

Schreckensbild Japan: Deflation ist nicht so leicht in den Griff zu bekommen wie Inflation

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Foto: YUYA SHINO/ REUTERS

Der Verweis auf die Kerninflation mag beliebig wirken, weil das bisher benutzte Kriterium nicht mehr nach lockererer Geldpolitik verlangt. Aber die EZB lernt damit aus schlechter Erfahrung.

Im Jahr 2011 erhöhte sie den Leitzins unter Draghis Vorgänger Jean-Claude Trichet zweimal - weil die Inflation damals, getrieben von steigenden Ölpreisen, deutlich über 2 Prozent schoss. Doch zugleich strudelte Europa in eine Wirtschaftskrise, die von den steigenden Zinsen nur noch verschärft wurde.

Dadurch drohte sich die Inflation in ihr Gegenteil zu verkehren, eine Deflation mit generell sinkenden Preisen - angesichts der dann aufwertenden Schulden eine dauerhafte Lähmung der Wirtschaft. Also musste die EZB nach kurzer Zeit wieder umkehren und alle Instrumente der unkonventionellen Geldpolitik auffahren, um der Deflationsfalle zu entkommen.

Diesen Irrtum wird sie nicht so schnell wiederholen. Deshalb ist das Schlüsselwort "mittelfristig" so wichtig. Die EZB ist glaubwürdig, wenn sie die Inflationsrate nicht nur jetzt auf 2 Prozent bringt, sondern auch in fünf Jahren. Der Markt rechnet über diesen Zeitraum nach wie vor mit 1,8 Prozent - nicht weit vom Ziel entfernt, aber doch ein historisches Tief.

Um diese Differenz zu überbrücken, könnte die EZB die Inflation für eine Weile deutlich über 2 Prozent steigen lassen - "try overshooting for once", wie US-Ökonomen der Fed seit einer Weile antragen. Eine etwas außer Kontrolle geratene Inflation ließe sich viel leichter wieder korrigieren als die aus Japan bekannte Dauerstagnation. "Die EZB dürfte den Fakt ausgleichen, dass die Verbraucherpreisanstiege nun schon für vier Jahre in Folge erheblich hinter dem EZB-Ziel zurückgeblieben sind", meint auch ING-Volkswirt Peter Vanden Houtte.

Die Löhne müssen rauf

Streik in Griechenland: Auch die EZB wartet auf spürbar steigende Löhne als "Schlüssel" zur wirtschaftlichen Erholung

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Während die Fed und andere Zentralbanken auch ein Mandat haben, möglichst für Vollbeschäftigung zu sorgen, ist die EZB allein der Preisstabilität verpflichtet. Theoretisch könnte ihr die Entscheidung also leicht fallen: Ist die Inflation zu hoch, müssen die Zinsen rauf; ist sie zu gering, müssen sie runter.

Indirekt aber hat sie durchaus Grund, sich um die Arbeitslosigkeit zu sorgen, die zwar von Höchstwerten um 12 Prozent gesunken ist, aber immer noch 9,6 Prozent beträgt. Denn die Arbeitslosigkeit wirkt auf die Inflation zurück. "Weiterhin ungenutzte Kapazitäten drücken auf die zugrunde liegende Inflation", erklärt EZB-Chefvolkswirt Peter Praet. Erst wenn die Wirtschaft ihr Potenzial an Arbeitskräften und Kapital ausnutze, entstehe der nötige Preisdruck.

"Wir haben noch keine bedeutende Bewegung bei den Löhnen gesehen, und das ist der Schlüssel", erklärt Mario Draghi.

Wie der Rechtsruck die EZB bremst

Treffen der europäischen Rechten: Einige der "steigenden geopolitischen Risiken" in der Zentralbanksprache

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Foto: WOLFGANG RATTAY/ REUTERS

Etwas ferner der ökonomischen Logik - und nicht ganz so wichtig - wirkt Draghis Verweis auf "steigende geopolitische Risiken". Das klingt nach Ausrede, doch es geht auch um die Vorsicht, die fragile Volkswirtschaft der Euro-Zone nicht unter zusätzlichen Stress zu setzen, während ständig externe Schocks drohen.

Man wisse noch nicht genau, wie die Wirtschaft auf den Brexit reagieren werde, argumentiert der Zentralbankpräsident beispielsweise. Die Bank of England hat die Zinsen vorsichtshalber wieder gesenkt. Trump und die möglichen Folgen für den Welthandel, das Superwahljahr der Euro-Zone mit Entscheiden in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland ... die Liste ist lang.

Da die Inflation sich dem Zielwert nähert, kann die EZB nun mitteilen, dass ihre geldpolitische Lockerung nicht mehr ganz so "dringlich" erscheint. Das Jahr der Zinswende wird 2017 aber wohl eher nicht.

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