Aufschwung in der Eurozone Europa, läuft doch! Oder?

Endlich erlebt Europa einen breiten Aufschwung. Viele gute Nachrichten. Aber sie sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Eurozone längst nicht über den Berg ist.
Börse in Athen

Börse in Athen

Foto: Socrates Baltagiannis/ dpa

Läuft doch! Noch vor wenigen Monaten schien die Eurozone am Rande des Kollapses. Wäre nicht Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten gewählt worden, sondern die Nationalistin Marine Le Pen, sähe die Lage in Europa jetzt düster aus.

Aber das ist aus Sicht der Börsen schon Geschichte. Nun zählt die Eurozone plötzlich zu den dynamischeren Teilen der Welt. Gerade hat der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Prognose nach oben korrigiert: Die europäische Wirtschaft soll demnach in etwa so schnell wachsen wie die amerikanische.

Reihenweise positive Überraschungen. Diverse Wirtschaftsindikatoren drehen ins Plus. Spanien, Deutschland, Frankreich, sogar Italien haben in den vergangenen Monaten die Erwartungen übertroffen. Montag und Dienstag legen Europas Statistiker neue Zahlen zu Arbeitslosigkeit, Inflation und Wachstum vor.

Nach neun mageren Jahren und diversen Fehlstarts könnte die Eurozone endlich ihre lange Krise überwinden.

Erstmals seit langem gibt es einen Aufschwung, der alle Mitgliedstaaten erfasst hat. Die Beschäftigung steigt, die Arbeitslosigkeit sinkt. Unternehmen investieren wieder, auch in Ländern, wo jahrelang die Wirtschaft wie eingefroren erschien, weil die Verschuldung der Firmen sehr hoch war. Nun verleihen die Banken wieder Geld, wenn auch verhalten.

Einige ehemalige Krisenstaaten wachsen kräftig. Spaniens Wirtschaft legt im dritten Jahr in Folge mit einer Rate von über drei Prozent zu. Irland wächst noch schneller. Selbst Griechenland zeigt Anzeichen einer Wiederbelebung und findet erstmals seit Jahren wieder Abnehmer für frische Staatsanleihen .

Läuft doch?

So hoffnungsfroh die Momentaufnahme erscheinen mag: Vorsicht ist angebracht. Denn bei näherem Hinsehen erweist sich die Lage immer noch als wacklig. Sollte es nicht in absehbarer Zeit gelingen, überfällige Reformen der Eurozone auf den Weg zu bringen, dürfte die Krise eher früher zurück sein als später. Der konjunkturelle Aufschwung könnte sich als Täuschung erweisen.

Es sind ökonomische und politische Unwuchten, die zur Vorsicht gemahnen. Und sie haben das Potenzial, sich wechselseitig zu verstärken.

Beginnen wir mit den ökonomischen Problemen. In den Jahren der Krise ist eine Investitionslücke entstanden, die noch lange nicht geschlossen ist. Die produktive Basis der Wirtschaft ist kaum gewachsen. Die Lücke ist am größten, wo die Krise am tiefsten war.

Die Investitionslücke ist noch lange nicht geschlossen

Nicht nur in Griechenland, auch in Italien sind seit 2009 die Investitionen immer weiter geschrumpft. 2012, auf dem Höhepunkt der Eurokrise, gingen sie binnen eines Jahres sogar um zehn Prozent zurück. Immerhin investieren die Unternehmen seit 2015 wieder etwas mehr, wenn auch auf reduziertem Niveau. Italien erlebt derzeit denn auch nur eine "bescheidene Erholung" (EU-Kommission). Das Vorkrisenniveau ist längst nicht wieder erreicht, weder bei den Einkommen noch bei der Beschäftigung.

Entsprechend groß ist der Frust. 86 Prozent der Italiener halten die Wirtschaftslage nach wie vor für schlecht. 78 Prozent geben an, der Regierung in Rom zu misstrauen. Eine Mehrheit misstraut auch der EU, so die aktuelle Eurobarometer-Umfrage. In vielen anderen Euro-Staaten sieht die Lage ähnlich aus. Ökonomische Schwäche schürt politischen Zynismus.

Nach der Frankreich-Wahl steht der Eurozone in Italien die nächste Zitterpartie bevor. Möglich, dass sich die Italiener bei den kommenden Wahlen, mutmaßlich im Frühjahr 2018, für populistische Parteien von links (Cinque Stelle) und rechts (Lega Nord) entscheiden, die einen Ausstieg aus dem Euro versprechen. Ein Staatsbankrott Italiens würde dann in unmittelbare Nähe rücken; denn mit einer neuen, schwächeren Währung wären die rund zwei Billionen Euro Staatsschulden kaum zu bedienen.

Was dann passiert, ist offen. Die Europäische Zentralbank dürfte in diesem Fall wohl keine italienischen Anleihen mehr kaufen. Es wäre die größte Staatspleite der Geschichte. Ihre Folgen würden Europa im Mark erschüttern und weltweit spürbar sein.

Keine nachhaltige Strategie

Es sind solche fundamentalen Unsicherheiten, die die Eurozone nach wie vor plagen. Allein das Risiko eines Ausstiegs aus der Währungsunion lässt die italienischen Zinsen steigen und schränkt die Finanzmöglichkeiten der Privatwirtschaft ein. Eine Abwärtsspirale ist zu beobachten: Dass die italienischen Banken auf großen Mengen fauler Kredite sitzen, ist nicht nur ein Problem der Finanzmarktregulierung, sondern auch eine Folge all der mageren Jahre, die viele Unternehmen an den Rand der Insolvenz gebracht haben.

Die Krise nährt die Krise. Solange das politische Risiko eines Zerbrechens des Währungsraums nicht verschwunden ist, bleiben die Investitionen in Europa verhalten. Solange bleibt das Wachstum bescheiden, die Unzufriedenheit der Bürger hoch und politische Rückschläge nicht unwahrscheinlich.

Ausdruck dieser inneren Unwuchten der Eurozone ist der gigantische außenwirtschaftliche Überschuss, den die Länder der Währungsunion, allen voran Deutschland, fahren. Statt hier und jetzt zu investieren, exportieren wir Europäer Kapital im Wert von rund 400 Milliarden Euro jährlich in den Rest der Welt. Keine nachhaltige Strategie.

Läuft doch? Der derzeitige Aufschwung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine große Reform der Eurozone immer noch auf sich warten lässt. Es bedarf eines politischen Kraftakts, der die Währungsunion zu einer unverbrüchlichen Stabilitätszone macht.

Wie das geschehen kann, dazu kommende Woche mehr an dieser Stelle.

Lesen Sie "Müllers Memo" am nächsten Sonntag: Ein radikal demokratischer Reformvorschlag für Europa.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche

MONTAG Luxemburg - Jobs und Inflation - Eurostat veröffentlicht die Zahlen zur Arbeitslosigkeit im Juni sowie eine Schnellschätzung des Verbraucherpreisanstiegs im Juli.

Peking - Frühindikator - Chinas Statistikamt legt neue Zahlen zur Stimmung in der Wirtschaft vor (Einkaufsmanagerindex).

Berichtssaison I - Quartalszahlen von Porsche SE, Sanofi, HSBC.

DIENSTAG Luxemburg - Wie geht's, Europa? - Eurostat veröffentlicht vorläufige Zahlen zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal für die Eurozone und die EU insgesamt.

Nürnberg - Immer neue Rekorde - Die Bundesagentur für Arbeit gibt die Arbeitsmarktdaten für Juli 2017 bekannt.

Berichtssaison II - Quartalszahlen von Fresenius SE, Fresenius Medical Care, Apple, BP, HeidelbergCement, Infineon.

MITTWOCH Berlin - Es gibt Ruß - "Nationales Forum Diesel": Spitzentreffen von Politik und Autobranche, die die drängende Frage besprechen wollen, wie es mit den stickoxidlastigen Selbstzünderantrieben weitergeht. Eingeladen haben Bundesverkehrsminister Dobrindt (CSU) und Bundesumweltministerin Hendricks (SPD).

Manila - Östlicher Divan - Asean-Ministertreffen anlässlich des 50. Jubiläums der Gründung der Gemeinschaft südostasiatischer Staaten (bis 8. August).

Berichtssaison III - Quartalszahlen von Commerzbank, Lufthansa, Kuka, Axel Springer, Tesla, Société Générale .

DONNERSTAG London - Kurswechsel? - Die Bank of England stellt ihren vierteljährlichen Inflationsbericht vor. BoE-Chef Carney hatte kürzlich bereits eine allmähliche Straffung der Geldpolitik in Aussicht gestellt. Grund ist die gestiegene Inflation infolge der Pfundabwertung.

Berichtssaison IV - Quartalszahlen von Siemens, Deutsche Telekom, Adidas, Merck, Beiersdorf, ProSiebenSat.1, AXA, Crédit Agricole.

FREITAG London - Berichtssaison V - Quartalszahlen von Allianz und Royal Bank of Scotland.

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