Mittwoch, 27. Mai 2020

Hilfspaket für Athen Schuldenschnitt - erst kommt die Vernunft, dann die Moral

Wolfgang Schäuble: Griechenland ist überschuldet. Wie viel Sinn macht es, wider besseren Wissens aus moralischen Gründen auf dem Grundsatz pacta sunt servanda zu bestehen?

Griechenland ist heillos überschuldet, doch Deutschland und Finnland lehnen einen Schuldenschnitt weiterhin ab. Geht es dabei noch um sachliche und vor allem realistische finanzpolitische Erwägungen oder befinden wir uns schon auf dem dünnen Eis der Moral?

Hamburg - Die Schuldenquote Griechenlands beträgt aktuell bereits 175,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und wird in zwei Jahren - so schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF) - ein Plateau von 200 Prozent erreicht haben. Angesichts dieser Zahlen verwundert es nicht, dass eine kühle Denkerin wie IWF-Chefin Lagarde einen Schuldenschnitt fordert und weitere Hilfen für Griechenland an einen solchen Schuldenerlass knüpft.

Sie macht keinen Hehl aus ihrer Meinung, dass Griechenland mit seiner derzeitigen Wirtschaftskraft nicht in der Lage sein wird, seine Schulden fristgerecht zu tilgen. Der finnische Außenminister Timo Soini dagegen trägt einen Schuldenschnitt genauso wenig mit wie der deutsche Finanzminister Schäuble, der weitere Hilfspakete für Griechenland zudem davon abhängig macht, dass der IWF weiter im Boot bleibt. Beide vertreten den Standpunkt, dass Schulden zurückgezahlt werden müssen.

Irina Kummert
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    Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft und Mitglied der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search.
Die Frage muss erlaubt sein: Geht es bei der europäischen Position noch um sachliche und vor allem realistische finanzpolitische Erwägungen oder befinden wir uns schon auf dem dünnen, weil höchst individuell temperierten Eis der Moral?

Der amerikanische Anthropologe David Graeber glaubt, dass Schuldverhältnisse unsere Gesellschaft unmenschlicher gemacht haben. Erst das Zahlungsmittel Geld ermöglicht es einem Gläubiger gegenüber einem Schuldner die Höhe einer Schuld exakt zu quantifizieren. Schuldverhältnisse sind für Graeber deshalb in erster Linie die Manifestation von Machtverhältnissen.

Ein Schuldenschnitt aus moralischen Gründen?

Geld als quantifizierbare Schuld hat danach eine negative Wirkung auf unser Moralsystem, weil sich erst durch die Erfindung des Geldes die für Graeber zerstörerische Abhängigkeit zwischen Schuldnern und Gläubigern herausbilden konnte. Graeber verurteilt die Unmenschlichkeit, die nach seiner Meinung an das Eingehen von Schuldverhältnissen und die erwartete Tilgung der Schuld gekoppelt ist. Für ihn steht es daher keineswegs fest, dass Schulden zurück zu zahlen sind. Er plädiert aus moralischen Gründen für Schuldenamnestie.

Soini und Schäuble vertreten eine wirtschaftsethische Position, der die meisten europäischen Nationen folgen. Unter bestimmten Bedingungen ist Geld geflossen. Die Bedingungen sollen gefälligst erfüllt und das Geld zurückgezahlt werden. Vertrauen in gegebene Zusagen und der berechtigte Einwand, dass niemand mehr irgendwem Geld leiht, wenn er sich nicht darauf verlassen kann, das Geld wiederzusehen, ist hier das Kernthema.

Moralische Grundsätze kennen keine Grautöne

Dennoch: Wie viel Sinn macht es, wider besseren Wissens aus moralischen Gründen auf dem Grundsatz pacta sunt servanda zu bestehen? Steht die Moral uns hier vielleicht sogar im Weg? Das Wort Ethik klingt immer ethisch, Verantwortung klingt immer nach einer Pflicht, der man sich nicht entziehen darf - zumal das Gegenteil von verantwortungsvoll verantwortungslos ist und es dazwischen nichts gibt.

Bedingungslose Moral kennt keine Grautöne. Sie kennt nur schwarz oder weiß. Moralisch oder unmoralisch. Niemand kann ein bisschen Verantwortung übernehmen. Insofern können eherne moralische Grundsätze auch unser Denken ausschalten und uns zum Nachteil gereichen.

Das in der gesamten politischen Debatte um den Verbleib Griechenlands in der Eurozone gern genutzte moralische Argument - normalerweise die stärkste Methode, um Zustimmung und kongruentes Verhalten einzufordern - wird damit zumindest diskussionswürdig. Die Spanier, die Iren, die Franzosen und die Griechen ticken jeweils in erster Linie spanisch, irisch, französisch und eben griechisch, dann erst europäisch. Auch wir Deutschen sind weniger Europäer als wir es sein wollen.

Vielmehr sind wir in vielem ziemlich deutsch, was zum Teil unser Erfolgsrezept ist, uns aber auch im Weg stehen kann. Es steht uns dann im Weg, wenn wir etwas, das in unserer Kultur selbstverständlich ist, etwa Pflichterfüllung und Disziplin, bedingungslos erwarten und unser rationales Denken ausschalten. Wirtschaftsethik ist insofern immer auch als Warnung vor der Moral zu verstehen, die sich gegen den wenden kann, der unreflektiert für sie eintritt. Damit wird Moral zu einer möglichen Ursache für falsches Denken.

Seit Beginn der Finanzmarktkrise 2007 hat sich unser Verhältnis gegenüber möglichen Risiken dramatisch verändert und ist beinahe neurotisch geworden. Im Ergebnis versuchen wir, Probleme dadurch zu lösen, dass wir moralisieren statt unvoreingenommen die Fakten zu hinterfragen. Verstand sollte vor Moral gehen. Auch dann wenn das passiert, womit wir ohnehin alle rechnen - dass das Geld weg ist.

Irina Kummert ist Präsidentin vom Ethikverband der deutschen Wirtschaft e.V.

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