Henrik Müller

Post-Globalisierung Die gefährliche Exportabhängigkeit der deutschen Industrie

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Ob es uns gefällt oder nicht: Die EU ist Deutschlands Schicksal. Wenn wir Europa nicht stabilisiert bekommen, haben wir weder ein Geschäftsmodell noch eine halbwegs sichere Zukunft.
Problematische Abhängigkeit: Deutschlands Wertschöpfung ist immer noch enorm industrielastig (das Archivbild zeigt ein Stahlwerk in Peine)

Problematische Abhängigkeit: Deutschlands Wertschöpfung ist immer noch enorm industrielastig (das Archivbild zeigt ein Stahlwerk in Peine)

Foto: Sebastian Kahnert/ picture alliance / dpa

Der Höhepunkt der Globalisierung lässt sich leicht beziffern. Einen historischen Spitzenwert erreichte der internationale Austausch von Waren und Dienstleistungen 2008. Seitdem bröckelt der Welthandel, wie aus Weltbank-Zahlen  hervorgeht. Die Globalisierung ist auf dem Rückzug.

2008 war das Jahr der großen Finanzkrise. Es folgte die bis dahin schwerste internationale Rezession. So ging es weiter, Rückschlag folgte auf Rückschlag: die Eurokrise, die Abstimmung über Großbritanniens EU-Ausstieg, die Wahl des Protektionisten Donald Trump (76) zum US-Präsidenten und der von ihm angezettelte Handelskrieg, schließlich die Pandemie samt Shutdowns rund um den Globus, verbunden mit akuten Lieferengpässen. Die grenzüberschreitende Integration der Wirtschaft wurde immer ein Stück weiter zurückgedreht.

2022 stehen wir nun an einem Punkt, an dem der schwerste Rückschlag der vergangenen 70 Jahre über uns hereinbricht. Die Welt spaltet sich abermals in gegnerische Lager. Der Westen sieht sich einem neuen Fernostblock gegenüber, angeführt von Wladimir Putins (69) Russland und Xi Jinpings (69) China – zwei Diktatoren, die sich in der abgelaufenen Woche abermals ihren gegenseitigen Beistand versicherten. Wechselseitige Sanktionen und Embargos ziehen immer weitere Kreise. Die weltweiten ökonomischen Kollateralschäden des Angriffs auf die Ukraine zeichnen sich gerade erst ab. Es wäre überraschend, wenn die Globalisierung den gegenwärtigen Wendepunkt ohne größere Blessuren überstehen würde. (Achten Sie auf den EU-Gipfel ab Donnerstag und auf den G7-Gipfel ab Sonntag.)

Dies ist das düstere Hintergrundbild, vor dem sich am Dienstag die Crème des deutschen politökonomischen Komplexes trifft. Zum "Tag der deutschen Industrie", veranstaltet vom Dachverband BDI, kündigt sich ein großes Schaulaufen an: Kanzler und Vizekanzler, Finanz- und Verkehrsminister, Konzernchefs und Verbandsspitzen – sie alle kommen nach Berlin, um die Bedeutung der produzierenden Wirtschaft zu unterstreichen. Tatsächlich spielt in kaum einem wohlhabenden westlichen Land die Produktion physischer Güter noch eine so wichtige Rolle. Deutschlands Wertschöpfung ist immer noch enorm industrielastig. Das könnte nun zum Problem werden. Möglich, dass die heraufziehende Ära der Post-Globalisierung eine quälende Strukturkrise mit sich bringt.

Denn die Geschäftsmodelle der Industrie sind auf der Gewissheit gebaut, dass es eine stabile internationale Ordnung gibt: offene Grenzen, halbwegs verlässlicher rechtlicher Rahmen, friedliche Konfliktlösung. Doch diese Ordnung hat schon seit der Finanzkrise von 2008 Kratzer bekommen. Nun droht sie endgültig unter die Räder zu kommen. Was wird aus der Industrie? Steht ihr ein langes Siechtum bevor? Dem Herz der deutschen Wirtschaft, soviel ist sicher, ging es wahrlich schon mal besser.

Beim Auswerfen der Netze

Tatsächlich hatte die deutsche Industrie in den vergangenen Jahrzehnten eine enorme Vitalität an den Tag gelegt. Das zeigte sich auch daran, wie flexibel die Unternehmen auf Veränderungen der globalen Wirtschaft reagierten. In den 1990ern und 2000ern nutzten sie den gerade eröffneten europäischen Binnenmarkt und die mittelosteuropäischen EU-Kandidaten, um ein engmaschiges Netz von Wertschöpfungsketten über Europa zu werfen. Auch das Geschäft mit Nordamerika wuchs dynamisch. Nach der Jahrtausendwende zogen sie nach China, ein Markt, auf den sie sich noch stärker fokussierten, als in den 2010er-Jahren die Eurokrise die Nachfrage diesseits des Atlantiks über Jahre dümpeln ließ.

Das Ergebnis dieser beeindruckenden Ausdehnung sind Geschäftsstrukturen, in denen Deutschland und Europa längst nicht mehr die wichtigsten Rollen spielen. Auto, Maschinenbau, Chemie – die klassischen deutschen Branchen sind extrem exportstark. Manch produzierender Mittelständler exportiert 80 Prozent seiner Wertschöpfung, den größten Teil davon in Länder außerhalb der EU. Für global aufgestellte Großkonzerne wie Volkswagen oder Daimler ist China inzwischen der mit Abstand wichtigste Markt.

Das Vertrauen in die Stabilität der Globalisierung schien grenzenlos. Doch soviel Offenheit macht verletzlich. Kommt jetzt die Quittung?

Verstopfte Schlagadern und aufgeblähte Preise

Tatsächlich ist es erstaunlich, wie lange sich die deutsche Industrie gegen den Trend der bröckelnden Globalisierung stemmen konnte. In den 2010er-Jahren stieg die Produktion immer noch weiter an, während die weltweite Handelsintensität bereits wegbrach. 2018 erreichte der Output des deutschen verarbeitenden Gewerbes (ohne Bau) ein Maximum.

Seither geht es bergab, zuletzt mit beschleunigtem Tempo. Trumps Handelskrieg sorgte weltweit für Friktionen. Sein Nachfolger mag versöhnliche Töne gegenüber Amerikas Verbündeten anschlagen, in der Sache jedoch hat sich am tendenziell protektionistischen Amerika-First-Kurs wenig geändert. Der EU-Ausstieg Großbritanniens, bis dato immerhin eines der wichtigsten Partnerländer der Bundesrepublik, hat neue Handelshemmnisse unter Nachbarn geschaffen. Chinas Führung bemüht sich seit einigen Jahren, selbst die Kontrolle über entscheidende Branchen und Technologien zu erlangen. Dazu kommt Pekings rigide Null-Covid-Strategie, die nicht nur die Bürger dort belastet, sondern auch Wirtschaft und Handel weltweit.

Längst erschwert nicht nur die dümpelnde Nachfrage aus dem Ausland das Geschäft. Inzwischen machen auch Lieferengpässe und Materialknappheit der Industrie auf der Angebotsseite zu schaffen. Vor großen Häfen stauen sich die Containerschiffe. Shanghai ist abermals zu einem Flaschenhals der Weltwirtschaft geworden. Nun dümpeln auch vor Europas Küsten Großfrachter und warten darauf, in Rotterdam, Antwerpen oder Hamburg einlaufen zu können; in der Nordsee stecken derzeit 2 Prozent der globalen Frachtkapazität fest, wie das Kieler Institut für Weltwirtschaft ermittelt hat . Logistik ist schwierig geworden: Lastwagenfahrer sind rar, genauso wie Güterzugkapazitäten.

Die verstopften Schlagadern der Globalisierung begünstigen eine Plage, die als überwunden galt: Inflation. Intensiver Wettbewerb auf weltweit offenen Märkten hielt in den vergangenen Jahrzehnten die Preise niedrig. Diese Phase ist vorbei. Die beginnende Ära der Post-Globalisierung geht einher mit rapiden Preissteigerungen. Lieferstopps, davoneilende Energiepreise, beginnende Verteilungskämpfe – die Inflation ist zurück, und zwar massiver als sich die Notenbanken das haben träumen lassen. Nun treten sie auf die Bremse. Und das wird gerade für die deutsche Industrie zum akuten Problem.

Notenbanken im Panikmodus

Noch zeichnen aktuelle Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute in Kiel  und München  ein Konjunkturpanorama in Zartrosa: verhaltenes Wachstum in diesem und im nächsten Jahr. Ich halte das für ein äußerst optimistisches Szenario. Denn Energieknappheit wird zur realen Gefahr, samt Rationierungen für die Industrie. Manche Betriebe könnten gezwungen werden, die Produktion herunterzufahren.

Dass die Notenbanken die davongaloppierende Inflation bremsen können, ohne eine Rezession zu verursachen, gilt als zunehmend unwahrscheinlich, gerade für die USA, wo die Fed am Mittwoch die Zinsen überraschend um einen Dreiviertelprozentpunkt anhob. Die Eurozone steht vor weit schwerwiegenderen Problemen: Die steigenden Zinsen bringen die Gefahr eines erneuten Aufflackerns der Eurokrise zurück.

Vor allem Italiens Zinsen steigen deutlich schneller als die deutschen. Wegen der extrem hohen Verschuldung nimmt das Risiko einer Staatspleite zu. Vorigen Mittwoch traf sich überraschend und außerplanmäßig der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), was zeigt, wie besorgt die EZB wegen der fragilen Lage im Euroraum ist.

Wie in den Jahren 2010 bis 2012 steht abermals das Auseinanderbrechen des Euroraums auf der Agenda. Jetzt rächt sich, dass Europa sich institutionell seit der Eurokrise kaum weiterentwickelt hat. Der Euro-Rettungsschirm ESM ist nicht groß genug, um hochverschuldete Staaten wie Italien auffangen zu können. Eine echte gemeinsame Finanzpolitik gibt es bislang nicht. Ausgebremst wurden Reformvorstöße immer wieder aus Deutschland, das sich beharrlich hinter dem oberflächlichen Glaubenssatz verschanzt hat, man wolle "keine Transferunion". Aber was dann? Wie soll die Eurozone künftig funktionieren?

Keine "Transferunion" – aber was dann?

Dass Europa nicht gerüstet ist fürs 21. Jahrhundert, ist seit Langem klar. In den Jahren 2011 und 2012 geriet die Eurozone immer wieder an den Rand des Scheiterns. In einer Kette von Staatspleiten hätte nicht nur der Währungsraum, sondern auch der Binnenmarkt untergehen können.

Doch die deutsche Wirtschaft war darüber damals nur mäßig erregt. Man wähnte sich Europa wirtschaftlich entwachsen. Solange die Industrie gute Geschäfte außerhalb des Binnenmarkts machte, hatte manch deutscher Unternehmer das Gefühl, man sei auf Europa nicht angewiesen – und brauche keine finanziellen Risiken für den politischen Zusammenhalt unseres Kontinents einzugehen. Die Globalisierung war Deutschlands Sicherheitsnetz, so schien es jedenfalls.

Doch diese Ära ist vorbei. Die Post-Globalisierung wirft Deutschland auf seine unmittelbare Nachbarschaft zurück. Ohne Europa steht Deutschland allein da. Ohne gemeinsame Währung und EU-Binnenmarkt haben wir kein Geschäftsmodell – und blicken in eine grimmige Zukunft.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Montag

Paris – Bilanz – Nach der zweiten Runde der Parlamentswahl vom Sonntag steht die Neusortierung der französischen Regierung auf der Agenda.

Peking – Trübe Stimmung – Die EU-Handelskammer in China veröffentlicht ihre jährliche Stimmungsumfrage. Da China seit bald zweieinhalb Jahren weitgehend vom Rest der Welt abgeschottet ist, wird die Lage für ausländische Unternehmen vor Ort zusehends schwieriger.

Berlin – Präludium – Auftakt zum Tag der deutschen Industrie, veranstaltet vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).

Dienstag

Berlin – Fuge – "Tag der deutschen Industrie" – mit allerlei Promis, darunter Kanzler Scholz, Vizekanzler Habeck, Finanzminister Lindner, Verkehrsminister Wissing, CDU-Vorsteher Merz und Bayern-Premier Söder, außerdem Hollands Wirtschaftsminister Micky Adriaansen und vielen anderen.

London – Geld und gute Jobs – Die Mitarbeiter der britischen Bahnen streiken. Es werden große Einschränkungen für den Transport erwartet.

Mittwoch
Schönefeld – Abgehoben – Eröffnung der Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA).

Donnerstag

Brüssel – Schicksalsjahre – EU-Gipfel (bis Freitag): Es gibt viel zu besprechen – ausbleibende Gaslieferungen, das Sterben in der Ukraine, die Rückkehr der Eurokrise.

Freitag
München – Wacklige Stimmung – Das Ifo-Institut veröffentlicht den Geschäftsklimaindex, den wichtigsten Frühindikator für die deutsche Wirtschaft.

Sonntag

Garmisch-Partenkirchen – Des Westens Kern – Auftakt zum G7-Gipfel: Unter deutschem Vorsitz treffen sich die Regierungschefs der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Japans, Italiens, Kanadas und Deutschlands in Schloss Elmau (bis Dienstag).