Henrik Müller

Währungschaos in der Türkei Die türkische Tragödie

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Mit seiner Theorie zur Funktionsweise von Geld und Währung hat Präsident Erdoğan die Inflation massiv angeheizt. Obwohl die Bürger unter steigenden Preisen leiden, fühlt sich Erdoğan im Recht – ein Lehrbuchbeispiel für die suggestive Wirkung von wirtschaftspolitischen Narrativen. Auch wir sind nicht davor gefeit.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist überzeugt: Die Zinsen müssen runter, dann sinkt auch die Inflation

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist überzeugt: Die Zinsen müssen runter, dann sinkt auch die Inflation

Foto: Manu Fernandez / dpa

Recep Tayyip Erdoğan (68) hat einen eigenwilligen Blick auf Wirtschaft, Geld und Währung. Er hängt einer Art Privattheorie an, die kein ernst zu nehmender Experte teilt: Zinsen seien prinzipiell schlecht, deshalb sollten sie möglichst niedrig sein. Mehr noch: Steigende Zinsen verursachten Inflation, glaubt Erdoğan. Das widerspricht zwar allen Erfahrungen sowie den Erkenntnissen der Wirtschaftswissenschaften, die einen solchen Effekt nur in sehr speziellen Konstellationen für möglich halten. Doch der türkische Präsident ist überzeugt: Die Zinsen müssen runter, dann sinkt auch die Inflation.

Mehrere Zentralbank-Chefs hat Erdoğan bereits gefeuert, weil sie die gewünschte Kombination aus billigem Geld und stabilen Preisen nicht liefern konnten. Auch ein Chef des Statistikamts musste gehen. Geändert hat das alles nichts: Die Inflation in der Türkei zieht immer weiter an. Inzwischen steigen die Verbraucherpreise mit einer Jahresrate von 70 Prozent. Ein Desaster, das enorme soziale Härten verursacht. Die Mittelschichten verarmen, besser gebildete Bürger wandern aus.

Montag gibt es neue Inflationszahlen von der türkischen Notenbank. Spätestens bei der nächsten geldpolitischen Sitzung Ende Juli wäre es Zeit für einen Kurswechsel. Eigentlich. Doch der Präsident glaubt nicht daran – und zwar im Wortsinn.

Er tue, was die Religion von ihm verlange, hat Erdoğan mehrfach öffentlich bekannt . Als konservativer Muslim folgt er dem Koran. Und weil die Heilige Schrift des Islam das Erheben von Zinsen als Wucher verdammt, soll auch die Notenbank möglichst keine verlangen. Wer Schulden machen muss, befindet sich nach dieser Lesart in einer Zwangslage. Daraus sollen Geldverleiher, vulgo Banken, keinen Profit ziehen. Ein Argument, das auch im christlichen Mittelalter zum Glaubenskanon gehörte.

In der Realität jedoch begünstigen niedrige Zinsen gerade das Schuldenmachen. Entsprechend ist in der Türkei das Kreditwachstum stark gestiegen, was wiederum die Nachfrage anheizt und die Preise weiter steigen lässt.

Schon bemerkenswert: In der Türkei bestimmt ein religiöses Meta-Narrativ das Management von Geld und Währung. Ausgerechnet auf einem Politikfeld, das aus guten Gründen in vielen Ländern an wissenschaftlich versierte Technokraten delegiert ist, triumphiert im G20-Staat Türkei der Glaube über das Wissen.

Daraus lassen sich einige Lehren ziehen – auch für den vermeintlich aufgeklärten Westen, der, häufig unbewusst, seinen eigenen Großnarrativen folgt. Auch wir handeln gelegentlich auf Basis von Glaubenssätzen, deren Verankerung in der Wirklichkeit zu wünschen übriglässt – dazu weiter unten etwas mehr.

Unangemessene Gelassenheit

Natürlich, auch westliche Notenbanken machen Fehler. Den aktuellen Inflationsschub haben sie allzu lange mit unangemessener Gelassenheit laufen lassen. Die Europäische Zentralbank (EZB) mit all ihrer geballten Expertise hat den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg aus den üppigen Stützungsmaßnahmen der Corona-Krise genauso verpasst wie die US-Notenbank Fed, die wichtigste Notenbank der Welt. (Achten Sie Donnerstag auf die Veröffentlichung des Protokolls der Juni-Sitzung des EZB-Rats.)

Tatsächlich ist es nicht leicht, geldpolitische Wendepunkte zu erkennen, erst recht in Zeiten, da sich die Wirtschaftsstrukturen rasch wandeln, so wie das derzeit durch die Pandemie und den Ukraine-Krieg der Fall ist. Wie genau sich die konjunkturelle Lage entwickelt und wann eine Notenbank gegensteuern sollte, ist in Echtzeit kaum exakt zu bestimmen. Zusätzlich verkompliziert wird die Lage durch mächtige Interessen, die sich stets gegen eine monetäre Straffung stemmen. Die Zinsen vorbeugend und zügig anzuheben, ist nie populär.

Um die Notenbanken aus solchen politischen Konflikten herauszuhalten, sind sie in den vergangenen Jahrzehnten vielerorts in die institutionelle Unabhängigkeit entlassen worden. Nun sind Autokraten gerade in Schwellenländern dabei, die Notenbanken abermals der Regierungspolitik zu unterstellen. Die Türkei ist jedoch insofern ein Sonderfall, als die Politisierung religiös motiviert ist. Glaubenssätze aus längst vergangenen Zeiten bestimmen den Kurs einer Notenbank, die über ein modernes Geldwesen in einer offenen arbeitsteiligen Volkswirtschaft wachen soll. Eine Entwicklung, die nicht nur darauf hinweist, wie weit die Zentralisierung der Staatsmacht unter Erdoğan inzwischen fortgeschritten ist, sondern auch, ganz grundsätzlich, wie mächtig die Wirkung von religiösen Erzählungen ist, die selbst von knallharten gegenteiligen Alltagserfahrungen kaum erschüttert werden können.

Inflation außer Kontrolle

Die OECD, ein Klub aus überwiegend wohlhabenden westlichen Ländern, hat kürzlich die Regierung in Ankara ermahnt, es müsse jetzt darum gehen, "die Unabhängigkeit der Zentralbank zu stärken" und "die Leitzinsen anzuheben". Überhaupt müsse der "gesamte makroökonomische Rahmen" stabilisiert werden. Ansonsten drohe die Inflation weiter außer Kontrolle zu geraten.  

Tatsächlich ist der Preisauftrieb in der Türkei längst chronisch. Schon Mitte des vorigen Jahrzehnts stiegen die Inflationserwartungen deutlich über der offiziellen Zielmarke von fünf Prozent – was zeigt, wie gering die Glaubwürdigkeit der türkischen Geldbehörde ist. Die tatsächliche Inflationsrate lag meist noch höher als die Erwartungen. Ab 2017 stiegen die Preise in der Breite um mehr als zehn Prozent pro Jahr. 2018 und 2019 schnellten die Inflationsraten zeitweise auf über 20 Prozent empor, bevor sie in der Corona-Pandemie zunächst absackten. Seit 2021 steigen sie umso schneller, wie der Internationale Währungsfonds (IWF) vorgerechnet hat.  

Nun ist die Inflation dabei, außer Kontrolle zu geraten. Es sind nicht nur teure Nahrungsmittel und Energie, die das Preisniveau treiben. Längst wird das Leben in der Breite teurer. Die sogenannte Kernrate (ohne Nahrungsmittel und Energie) steigt mit Jahresraten um 60 Prozent.

Die hohe Inflation und die ramponierte Glaubwürdigkeit der Notenbank lassen Anleger Reißaus nehmen: Der Wechselkurs der Lira ist abgeschmiert. Die Notenbank hat noch versucht sich dagegenzustemmen, indem sie Währungsreserven für viele Milliarden Euro auf den Markt geworfen hat. Genützt hat es alles nichts.

Ohne entschlossene Zinserhöhungen lässt sich der Teufelskreis aus hohen Inflationserwartungen, steigenden Preisen und wegbrechender Währung nicht bremsen. Allein seit Anfang vorigen Jahres ist die Lira massiv im Kurs gefallen. Wer kann, hält sein Erspartes in Euro oder Dollar. Gemessen an der türkischen Geldentwertung sind die beiden großen westlichen Währungen immer noch wertbeständig.

Wegen der niedrigeren Zinsen hat die türkische Wirtschaft einen beträchtlichen Teil ihrer Kredite in Euro oder Dollar aufgenommen – was angesichts der fallenden Währung in unangenehme Finanzklemmen zuschnappen lassen kann.

Bis ins vorige Jahrzehnt war die Türkei ein wirtschaftlich außerordentlich erfolgreiches Land. Jetzt steht sie vor einem hässlichen Szenario: Folgt Ankara weiter dem derzeitigen Kurs, ist der Weg in Richtung Währungsreform vorgezeichnet. Wie kann das eigentlich passieren?

Gesellschaften brauchen Erzählungen, um existieren zu können

Was derzeit in der Türkei abläuft, ist eine ökonomische Tragödie, die drastisch vor Augen führt, welche Schäden untaugliche wirtschaftspolitische Glaubenssätze anrichten können. Spott und Zynismus sind fehl am Platz. Denn auch wir im Westen sind keineswegs gefeit vor Fehlschlüssen, die aus eigentlichen guten Grundüberzeugungen herrühren.

Ganz grundsätzlich: Keine Gesellschaft kann ohne Meta-Narrative existieren – ohne tiefgehende, identitätsstiftende Erzählungen, die gemeinsame Werte definieren und die prinzipiell nicht hinterfragt werden. Solche Erzählungen bilden die Grundprämissen, auf denen das Zusammenleben basiert. Sie können religiöser, nationaler oder ideologischer Natur sein. Wer sind wir als Gesellschaft? Welche Eigenschaften teilen wir? Inwieweit unterscheiden wir uns von anderen Gesellschaften? Was halten wir für richtig, was für falsch? Meta-Narrative können explizit formuliert und strikt sein, wie das im konservativem Islam Erdoğans oder im aggressiven Nationalismus Wladimir Putins der Fall ist. Sie können aber auch implizit und vage unter der Oberfläche des Ausgesprochenen mitschwingen, wie in säkularen westlichen Gesellschaften üblich.

Meta-Narrative bilden den Humus, aus dem konkrete politische Überzeugungen erwachsen, zumal in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, wo Vorstellungen von Gerechtigkeit und Anstand zentral sind. Ein Beispiel aus deutscher Sicht: Die Bundesrepublik sammelt seit 20 Jahren Ersparnisüberschüsse an, die sie an den Rest der Welt exportiert. Diese permanente Kapitalausfuhr ("Leistungsbilanzüberschuss") mindert unsere Konsum- und Entwicklungsmöglichkeiten. Klar, das horrende Auslandsvermögen treibt uns nicht in eine akute Krise. Aber als Gesellschaft zahlen wir einen hohen Preis. Dennoch ist dieser kollektive Verzicht kein großes Thema in Deutschland, auch unter Ökonomen nicht. Warum nicht? Ich vermute, es liegt an unserer protestantischen Prägung, die Arbeit und Sparsamkeit als zentrale gesellschaftliche Werte in den Mittelpunkt stellt. (Ähnliches gilt übrigens für die Niederlande und die Schweiz.)

Auch das Schuldenmachen passt übrigens nicht in unser Weltbild. Eine Haltung, die wiederum einer stärkeren finanzpolitischen Integration der Eurozone im Wege steht – die eine Grundbedingung für die dauerhafte Stabilität von Währung und Binnenmarkt ist. Doch die Story von der EU, die "keine Transferunion" sein darf, ist hierzulande genauso populär, wie Angela Merkels Metapher von der (sparsamen, mutmaßlich pietistischen) "schwäbischen Hausfrau", die sie zum Leitbild der deutschen Finanzpolitik ausrief. Dass uns dabei über kurz oder lang die Währungsunion um die Ohren fliegen dürfte, dass Schulen, Bundeswehr und Schienennetz in beklagenswertem Zustand sind, dass wir über Jahre zugesehen haben, wie hunderte Milliarden Euro an ungenutztem Sparvermögen aus Deutschland abgeflossen sind – all das gehört zu den Folgen einer Meta-Narrativ-geleiteten Politik. Denn identitätsstiftende Fiktionen sind überzeugender als harte Fakten.

Meta-Narrative setzen Denken und Handeln Leitplanken. Das ist einerseits gut, weil sie damit zur Zivilisierung des Menschen beitragen können. Andererseits haben Meta-Narrative das Potenzial, ganze Gesellschaften in die Irre zu führen und blind zu machen – für Risiken genauso wie für ihre Möglichkeiten.

Mit Fakten gegen Fehler und Fiktionen?

Es gibt dagegen nur ein probates Mittel: den offenen Diskurs. Etablierte Überzeugungen müssen immer wieder kritisch hinterfragt und mit unbequemen Fakten konfrontiert werden. Sonst laufen Gesellschaften in die Irre. Meinungs-, Presse- und Wissenschaftsfreiheit sind essenziell, um unsere Vorstellungswelt in Einklang zu bringen mit der Wirklichkeit, in der wir heute leben.

Das islamische Zinsverbot ist dafür ein gutes Beispiel. Die moralische Norm, wonach es nicht statthaft ist, Zwangslagen von Menschen geschäftlich auszunutzen, würden wohl auch die meisten Bundesbürger unterschreiben. Wenn aber niedrige Zinsen zu hoher Inflation führen, geraten durch die Geldentwertung auch Lohnempfänger und Sparer in Zwangslagen, und zwar ohne eigenes Verschulden. Auch diese Konstellation kann man als Ausbeutung der schwächeren Teile der Gesellschaft interpretieren – allerdings ist der Ausbeuter in diesem Fall der Staat.

Man könnte die Dinge also auch ganz anders sehen als der Präsident – und Fehler korrigieren. Doch leider ist es in der Türkei nicht gut bestellt um die Freiheit von Presse und Wissenschaft.

Die wichtigsten Ereignisse der bevorstehenden Woche

Montag

Ankara – Liraaaaaahhhh! – Die türkische Währung in freiem Fall: Nun veröffentlicht die türkische Zentralbank Inflationszahlen im Juni.

Wiesbaden – Deutsche Konjunktur – Das Statistische Bundesamt legt neue Zahlen zum Export vor.


Dienstag
Neu-Isenburg – Inflationsausgleich – Dritte Runde der Tarifverhandlungen für die Beschäftigten von Volks- und Raiffeisenbanken.

Berlin – Warmlaufen – Die AfD-Bundestagsfraktion zeigt den Dokumentarfilm «Teuro total - Deutschland am Limit». Eigentlich keine Nachricht, aber intellektuell noch so dürftig ausgestattete Populisten können mit dem Thema Inflation punkten – wie zuletzt Frankreichs führende Rechtsaußen Marine Le Pen gezeigt hat.

Mittwoch

Frankfurt – In der Klemme – Der Verband der Chemischen Industrie berichtet in seiner Halbjahrespressekonferenz von den zu bestehenden Herausforderungen, darunter akute Gasknappheit.


Donnerstag
Wiesbaden – Produzieren am Limit – Neue Zahlen zur Produktion in der Industrie.

Frankfurt – Beim Häuten der Zwiebel – Die EZB veröffentlicht das bearbeitete Protokoll der letzten Ratssitzung. Die Notenbanker-Community erwartet es angesichts der davoneilenden Inflation mit Spannung.


Freitag

Washington – US-Konjunktur – Die amerikanische Regierung veröffentlicht Daten zur Arbeitslosenquote im Juni.

Samstag

Peking – Süßsauer – Chinas Statistikamt gibt die Preisentwicklung in China bekannt.

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