Das ökonomische Potenzial Frankreichs Sechs Gründe, auf Frankreichs Wirtschaft zu setzen

Bei der Fußball-EM sind sie der Favorit: Frankreichs Stürmerstar Antoine Griezmann will die Franzosen vor eigenem Publikum zum Titel führen - und sie haben gute Chancen, sagen Fußball-Experten. Um die Wirtschaft ist es schlechter bestellt. Dabei ist Frankreichs Ökonomie als eine der größten europäischen Volkswirtschaften voller Kraft. Die Franzosen müssten sie nur nutzen, sagen Wirtschaftsexperten.

Bei der Fußball-EM sind sie der Favorit: Frankreichs Stürmerstar Antoine Griezmann will die Franzosen vor eigenem Publikum zum Titel führen - und sie haben gute Chancen, sagen Fußball-Experten. Um die Wirtschaft ist es schlechter bestellt. Dabei ist Frankreichs Ökonomie als eine der größten europäischen Volkswirtschaften voller Kraft. Die Franzosen müssten sie nur nutzen, sagen Wirtschaftsexperten.

Foto: imago

Es ist leicht, sich ein Land in fröhlicherer Stimmung vorzustellen als den EM-Gastgeber. Angst vor Terror, wütende Proteste und Streiks gegen die Arbeitsmarktreform, jetzt auch noch eine Flutkatastrophe - das ist Frankreich im Frühsommer 2016.

Die Beliebtheitswerte von Präsident François Hollande nähern sich der Arbeitslosenquote an, nach jahrelanger Stagnation leicht über 10 Prozent. Undynamisch, industriell entleert, dauer-deprimiert: Wir kennen die Diagnose.

Doch es gibt auch Gründe für Optimismus. "Was Frankreich quält, ist Hypochondrie", meint US-Ökonom Paul Krugman. Eigentlich sei die Volkswirtschaft voller Kraft, sie müsse sie nur nutzen. Hier die wichtigsten Argumente für die These vom eingebildeten Kranken:

Der demografische Vorteil

Junges Volk: Spielende Kinder in Nizza - Im Gegensatz zu den Nachbarländern hat Frankreich kein Demografieproblem

Junges Volk: Spielende Kinder in Nizza - Im Gegensatz zu den Nachbarländern hat Frankreich kein Demografieproblem

Foto: REUTERS

"In der Wirtschaft ist Deutschland der starke Mann Europas, aber wenn es um Demografie geht, ist Frankreich unsere fruchtbare Frau", zitiert der "Guardian"  den belgischen Bevölkerungsforscher Ron Lesthaeghe.

Neuerdings machen sich die Franzosen zwar auch Sorgen um ihre sinkende Geburtenrate, die liegt aber immer noch nah bei zwei Kindern pro Frau - in Westeuropa nur übertroffen von Irland, und genug für eine einigermaßen stabile Bevölkerung. In der Altersgruppe der unter 15-Jährigen sind die Franzosen zahlreicher als die Deutschen, die Jahrgänge der kleinen Kinder sind sogar um bis zu ein Viertel stärker.

Demografie und Wirtschaft lassen sich aber nicht so leicht trennen. Ohne einen dauerhaften Zustrom von Migranten sind die Deutschen zum Schrumpfen verurteilt - bei allem technischen Fortschritt hält die EU rechts des Rheins langfristig nur noch Null-Komma-Wachstumsraten für möglich. In Frankreich hingegen dürfte das Wachstumspotenzial schon 2020 doppelt so groß sein, bloß aufgrund der Zahl der möglichen Arbeitskräfte und Verbraucher.

Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts erscheint demnach wahrscheinlich, dass die französische Volkswirtschaft die deutsche als größte auf dem Kontinent überholt. "Auch die Staatsverschuldung ist nachhaltiger", triumphiert Gérard Cornilleau  vom Wirtschaftsforschungsinstitut OFCE.

Die verdeckte Stärke am Arbeitsmarkt

Protestierende Jugendliche in Paris: So schlecht sind die Jobchancen gar nicht

Protestierende Jugendliche in Paris: So schlecht sind die Jobchancen gar nicht

Foto: ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/ AFP

Der Einwand liegt nahe: Potenzielle Arbeitskräfte sind nicht gleich tatsächliche Arbeitskräfte. Eine Jugendarbeitslosenquote von immer noch deutlich über 20 Prozent spricht dafür, dass die vielen jungen Franzosen eher ein volkswirtschaftliches Problem darstellen.

Tatsächlich ist die französische Jobbilanz aber gar nicht so schlecht. Ebenso wie die deutsche, verzeichnet die französische Statistik einen Rekordstand der Beschäftigung. Im ersten Quartal 2016 wurden 27,6 Millionen Jobs gezählt, Tendenz klar steigend.

Dass es trotzdem so viele Arbeitslose gibt, liegt schlicht daran, dass der französische Arbeitsmarkt immer noch mehr Menschen anzieht. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen (zumal in Vollzeitstellen) ist höher als anderswo, die von älteren Menschen zieht von sehr niedrigem Niveau an - auch eine Folge früherer Rentenreformen. Um ihr Potenzial zu nutzen, braucht die französische Wirtschaft also mehr Dynamik, aber das Potenzial ist da. Und seit einigen Monaten nimmt auch die Jugendarbeitslosigkeit spürbar ab.

Der Stabilitätsanker Europas

Binnennachfrage als stabile Stütze: Einkaufsstraße in Bordeaux

Binnennachfrage als stabile Stütze: Einkaufsstraße in Bordeaux

Foto: DPA

Die Triebkraft der Euro-Krise ist das Ungleichgewicht zwischen der Industrienation Deutschland, die permanent hohe Handelsüberschüsse einfährt, und den Defiziten der Peripherie. Beide Wachstumsmodelle stehen in der Kritik, und beide sind nicht nachhaltig, weil von der Gegenfinanzierung der anderen Seite abhängig.

Frankreich hingegen ist zwar seit Beginn der Währungsunion von leichten Überschüssen in ein leichtes Defizit abgeglitten, aber weit entfernt vom anderswo erlebten krassen Auf und Ab. Exporte und Importe halten sich annähernd die Waage - fast der Idealzustand.

Die französische Wirtschaft läuft auch, wenn es im Außenhandel einmal stockt, vor allem dank der vergleichsweise stabilen Konsumnachfrage in der Binnenwirtschaft - eine tragende Kraft, der sich Deutschland erst allmählich wieder zuwendet.

Weniger arbeiten, mehr leisten

Gelernt, mit wenig Arbeitszeit auszukommen: Übergabe von Flugzeugtriebwerk an Airbus

Gelernt, mit wenig Arbeitszeit auszukommen: Übergabe von Flugzeugtriebwerk an Airbus

Foto: REMY GABALDA/ AFP

Die gesetzliche 35-Stunden-Woche, der frühe Renteneintritt, die vielen Urlaubstage und die langen Mittagspausen werden gern als Symbol für ein eher distanziertes Verhältnis zur Leistung genommen.

Aber die verhältnismäßig geringe Arbeitszeit pro Beschäftigtem (wegen Teilzeit und weniger verbreiteten Überstunden allerdings noch unterboten von den Deutschen) könnte die Leistung der Franzosen paradoxerweise anfachen: In der Arbeitsproduktivität pro Stunde stehen sie international mit an der Spitze. Die OECD kommt auf einen Wert von 59,88 Dollar, nur knapp hinter den USA, leicht vor Deutschland und deutlich vor Großbritannien.

Die französischen Unternehmen und ihre Beschäftigten haben sich darauf eingerichtet, in wenig Zeit viel zu erreichen. Die 35-Stunden-Woche gilt in arbeitspsychologischen Studien auch als optimaler Wert, um die dauerhafte Leistung zu maximieren.

Digitaler Aufbruch auch ohne Mittelstand

Drohne als Symbol: Frankreichs Regierungsspitze sammelt Ideen für mehr Wachstum

Drohne als Symbol: Frankreichs Regierungsspitze sammelt Ideen für mehr Wachstum

Foto: AP/dpa

Was Frankreich fehlt, ist ein starker industrieller Mittelstand. Aber an international erfolgreichen Großkonzernen mangelt es nicht. Von 50 Unternehmen im Aktienindex EuroStoxx  stellt das Land 20, aus dem größeren Deutschland kommen nur 14.

Die Multis wie Sanofi , Airbus  oder Schneider Electric  bringen die Finanzkraft für große Investitionen, für Forschung und Entwicklung auf. Selbst die französischen Autokonzerne schicken sich jetzt nach jahrelanger Krise wieder an, eine Führungsrolle zu übernehmen.

Zugleich ist inzwischen kein Land außer den USA mit mehr Startups auf digitalen Leitmessen wie der CES vertreten. Französische Neugründungen wie der Drohnenhersteller Parrot, der Online-Händler Vente-Privée oder die Mitfahrgesellschaft Blablacar werden zu Milliardenwerten gehandelt. Und disruptiv gesinnte Telekom-Milliardäre wie Patrick Drahi oder Xavier Niel helfen mit, ständig neue Experimente zu fördern, nachdem sie ihre eigene Branche bereits umgestülpt haben.

Der Staatskapitalismus erfindet sich neu

Aktive Rolle: Wirtschaftsminister Emmanuel Macron

Aktive Rolle: Wirtschaftsminister Emmanuel Macron

Foto: © Stephane Mahe / Reuters/ REUTERS

Und was macht der Staat? Die öffentliche Ausgabenquote von 56,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zählt zu den höchsten in der EU, auf einem Niveau mit Finnland und Dänemark, die ebenso für schwache Innovation bekannt sind. Oder nicht?

Tatsächlich wirkt die aktive Industriepolitik in Paris aus deutscher oder angelsächsischer Sicht oft unkonventionell - und steht unter Druck, sich dem Leitbild des Laissez-faire anzupassen, ohne es jedoch ganz zu übernehmen.

Die Regierung bekennt sich dazu, ihre Firmenbeteiligungen so zu steuern, dass im Zusammenspiel mit dem privaten Unternehmertum Innovation und Wachstum zu fördern - ein Modell, das praktisch die ganze Nachkriegsgeschichte hindurch verfolgt wurde und Airbus oder TGV hervorgebracht hat. Inzwischen gibt es dafür auch Anerkennung von Ökonomen. Der französische Staatskapitalismus erfindet sich zwar wieder neu. Am Ende scheint er aber eher nicht.


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