Präsidentschaftswahlen in Frankreich Marine Le Pen – Zwischen Nationalismus und Mütterlichkeit

Kann man gleichzeitig die Diskriminierung von Ausländern fordern und sich als gemäßigte Präsidentin für alle gerieren? Die Polit-Veteranin Le Pen fährt vor dem Duell mit Amtsinhaber Macron um den Élyséepalast eine ungewöhnliche Sympathiekampagne.
Gibt sich volksnah: Die rechte Politikerin Marine Le Pen nimmt zum dritten Mal Anlauf auf Frankreichs höchstes Staatsamt

Gibt sich volksnah: Die rechte Politikerin Marine Le Pen nimmt zum dritten Mal Anlauf auf Frankreichs höchstes Staatsamt

Foto: STEPHANIE LECOCQ / EPA

Lächeln, lächeln, lächeln: Ob im TV-Duell mit Emmanuel Macron (44), bei der Pressekonferenz mit kritischen Journalisten oder beim Kraulen eines kleinen Hunds auf dem Marktplatz – Marine Le Pen (53) fährt im Wahlkampf-Endspurt eine Charme-Offensive. Zum dritten Mal nimmt die rechte Politikerin Anlauf auf Frankreichs höchstes Staatsamt. Und während sie früher eher mit Provokationen punkten wollte, scheint es, als werde sie von Wahlkampf zu Wahlkampf glatter.

Auf der Suche nach neuen Wählern, die sie endlich in den Élysée-Palast bringen könnten, versucht die gewiefte Polit-Veteranin, die radikal rechte Vergangenheit ihrer Partei in Vergessenheit geraten zu lassen. Mäßigung scheint das Motto der neuen Le Pen, die am Sonntag erneut bei der entscheidenden zweiten Runde der Präsidentschaftswahl auf Emmanuel Macron trifft. Und: Freundlichkeit.

Die studierte Juristin übernahm 2011 die Partei Front National von ihrem Vater Jean-Marie und begann mit deren "Entteufelung". Das alte rassistische Vokabular verbannte sie, den Vater ließ sie ausschließen, als der die Gaskammern der Nazis erneut als "Detail der Geschichte" bezeichnet hatte. Mittlerweile gilt die in Rassemblement National umbenannte Partei bis in Teile der bürgerlichen Rechten hinein als wählbar – eine Errungenschaft, die viele Le Pen anrechnen.

Le Pen geht auf Distanz zu Deutschland

Doch für einen Wahlerfolg braucht die scharfzüngige Rednerin noch mehr Rückhalt. Den will sie offenbar statt wie früher mit dem Schüren von Angst auch über Sympathiepunkte gewinnen: Munter mischt sie sich auf ihren Städtetouren unter die Menge, schüttelt Hände, schießt Selfies, umarmt ihre Fans und hat dabei immer ihr betont großes Lächeln auf den Lippen. Mehrfach versprach sie gar, Frankreich wie eine Mutter führen zu wollen.

Doch während einige extreme Forderungen mittlerweile aus Le Pens Programm verschwunden sind – wie der Austritt Frankreichs aus EU und Euro – bleiben Le Pens Vorstellungen für Frankreich deutlich rechts und nationalistisch. So will sie eine bevorzugte Behandlung von Franzosen gegenüber Ausländern in der Verfassung festschreiben lassen, etwa bei Sozialleistungen und dem Zugriff auf Wohnraum.

Der Einwanderung soll ein Riegel vorgeschoben werden. Flüchtlinge sollen nur noch in ihren Herkunftsländern Asyl für Frankreich beantragen dürfen. Bürgerreferenden sollen die Politik prägen. Nationales Recht soll über internationalem stehen. Und außenpolitisch geht die Politikerin auf Distanz zur Nato und zu Deutschland.

"Ich habe Lärm und Wut satt"

Im Wahlkampf gab Le Pen auch persönliche Einblicke, bekannte sich als Katzen-Fan und beschrieb ihr Leben in einer WG mit ihrer Jugendfreundin. Vorbei scheinen die Zeiten der permanenten verbalen Frontalangriffe und der gezielten Polemik. "Ich habe Lärm und Wut satt", sagte sie vor Kurzem. "Ich habe Lust auf Effizienz und Ausgeglichenheit." Der Soziologe Stéphane Wahnich beschrieb all das jüngst als einen "offensichtlichen Bruch mit der traditionellen Kommunikation dieser Bewegung, die auf dem Bild eines starken Anführers gründet, hinter dem das Volk sich versammeln kann".

Marine Le Pen kam 1968 nahe Paris als jüngste Tochter Jean-Marie Le Pens zur Welt. Mit acht Jahren wurde sie von einer Bombenexplosion aus dem Schlaf gerissen – ein Anschlag auf ihren Vater. Die Mutter dreier Kinder arbeitete als Anwältin und führte die Rechtsabteilung der Front National. Ihre zwei Ehen gingen auseinander.

Umfragen sahen Le Pen kurz vor der Wahl deutlich hinter Emmanuel Macron. Bleibt für die Politikerin zu hoffen, dass doch noch mehr Wähler als prognostiziert ihr ihren Glättungskurs abnehmen und sie als seriöse Alternative zum staatsmännisch auftretenden Macron sehen.

Violetta Heise, dpa