Henrik Müller

Folgen der Inflation Wenn die Einkommen nicht mehr sicher sind

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Steigende Preise schmälern schon jetzt die Kaufkraft der Bürger. Hält diese Entwicklung länger an, gerät die Demokratie in Erklärungsnot. Denn Inflation ist ungerecht, sie vertieft gesellschaftliche Gräben. Das Risiko politischer Verwerfungen ist akut.
Demonstrationen gegen rasant steigende Preise nehmen in vielen Ländern auf dem Erdball zu

Demonstrationen gegen rasant steigende Preise nehmen in vielen Ländern auf dem Erdball zu

Foto: JUAN IGNACIO RONCORONI/EPA-EFE/REX

Seit vielen Jahren geht es langsam, aber stetig voran. Die Einkommen steigen. Unter dem Strich können sich die Bürger jedes Jahr ein wenig mehr leisten. Klar, für viele waren in der Vergangenheit keine großen Sprünge drin. Doch über die Zeit kamen für viele Beschäftigte stattliche Steigerungen zusammen.

Wer Vollzeit arbeitet, verdient heute im Schnitt rund ein Viertel mehr pro Monat als 1995, und zwar real, also nach Abzug der Inflation. Die Bürger am oberen Ende der Einkommensskala verbuchten die größten Zuwächse. Aber auch die einkommensschwächsten Haushalte konnten ihre Einkommen steigern, zumal seit Einführung des gesetzlichen Mindestlohns 2015. Insgesamt ergibt sich das Bild einer relativ ruhigen Aufwärtsentwicklung, wie sie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gerade in einer Studie nachgezeichnet hat .

Doch inzwischen hat eine neue Phase begonnen. In der Mitte der Gesellschaft breitet sich ein Gefühl aus, das lange nicht so präsent war: Einkommensunsicherheit. Die überraschend starke Inflation wirft die Frage auf, ob die Lohnzuwächse mit den steigenden Lebenshaltungskosten mithalten – oder ob die mühsam erarbeiteten Wohlstandsgewinne der vergangenen Jahrzehnte binnen kurzem wegschmelzen könnten.

Weniger für mehr

Ein paar Zahlen: Im bisherigen Verlauf dieses Jahres sind die verfügbaren Einkommen in Europa und Nordamerika bereits real geschrumpft, so die OECD, die internationale Organisation der Marktdemokratien, in ihrem aktuellen Economic Outlook .

Danach haben die Bundesbürger 2022 bislang schon Kaufkraftverluste von 1,3 Prozent erlitten. In Italien liegt der reale Rückgang bei 1,6 Prozent, in Frankreich bei 0,4 Prozent. US-Amerikaner müssen sogar mit einem inflationsbereinigten Minus von 3,5 Prozent klarkommen.

Und das ist erst der Anfang. Die Inflation flaut längst noch nicht ab. Noch vollführen die Notenbanken ein, gemessen an der allgemeinen Preisentwicklung, sachtes Bremsmanöver. Mittwoch wird die US-Notenbank Fed abermals die Zinsen anheben, Donnerstag die Bank of England. Der Handlungsdruck ist inzwischen allen klar, endlich auch der Europäischen Zentralbank (EZB), die in der abgelaufenen Woche formal ihre Zinswende angekündigt – wenn auch noch nicht ins Werk gesetzt – hat.

Bis die Zinsen jedoch soweit gestiegen sein werden, dass sie tatsächlich die Preisdynamik einbremsen, wird es noch eine Weile dauern. Eine Rückkehr zum Inflationsstandard von zwei Prozent, der Zielmarke der großen westlichen Notenbanken, dürfte noch Jahre dauern.

Möglich, dass die Inflation sogar noch weiter steigt: Die derzeitige Kombination aus eskalierenden Energiesanktionen und -embargos zwischen Russland und dem Westen sowie andauernden Lieferengpässen aus dem Covid-geplagten China eröffnet jedenfalls ein erschreckend preistreibendes Szenario.

Es sind schwerwiegende Fragen, die sich derzeit stellen: Werden die Einkommen der Bürger in den kommenden Jahren mit der Geldentwertung Schritt halten können? Droht weiten Bevölkerungskreisen ein empfindlicher Wohlstandsverlust? Gefährdet die Inflation am Ende sogar die Demokratie?

Die Inflation vertieft gesellschaftliche Gräben

Bislang sind die Preissteigerungen für viele im Westen noch nicht wirklich schmerzhaft. Während der Pandemie haben sie sich angewöhnt, einen größeren Anteil ihrer Einkommen zu sparen. Nun fahren sie ihre Sparquoten wieder herunter, was aktuell die Kaufkraftverluste ausgleicht.

Aber diese Strategie, höhere Inflationsraten abzufedern, funktioniert naturgemäß nur vorübergehend. Und für ärmere Bevölkerungskreise ohnehin nicht, weil sie gar nicht über die nötigen finanziellen Puffer verfügen – wer wenig verdient, kann kaum Geld zurücklegen.

Zudem geben Geringverdiener einen größeren Teil ihrer Haushaltsbudgets für Energie und Lebensmittel aus, also just jene Produktgruppen, die in den vergangenen Monaten die stärksten Preisanstiege verzeichnet haben. Differenziert man entsprechend die Lebenshaltungskosten nach Einkommensklassen, zeigt sich, dass die Inflationsrate des ärmsten Fünftels der Bundesbürger anderthalb Prozentpunkte höher liegt als die Rate der einkommensstärksten 20 Prozent. In Großbritannien liegt die Inflation ärmerer sogar fast drei Prozentpunkte über der Rate reicherer Bevölkerungskreise, so die OECD.

Inflation ist ungerecht. Sie vertieft gesellschaftliche Gräben. Das Risiko politischer Verwerfungen ist deshalb akut: Die gestiegene Einkommensunsicherheit ist für Populisten ein Elfmeter, und den versuchen sie nun zu verwandeln.

Hauptsache gegen das Establishment

Bei den zurückliegenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich gelang es der rechtsnationalen Marine Le Pen trotz ihrer Nähe zum Ukraine-Aggressor Wladimir Putin, bis auf wenige Prozentpunkte an Amtsinhaber Emmanuel Macron heranzukommen – weil sie in der Endphase des Wahlkampfs konsequent auf das Thema Lebenshaltungskosten gesetzt hatte. (Achten Sie Sonntag auf die zweite, entscheidende Runde der Wahlen zur Nationalversammlung.)

In der warmlaufenden Kampagne zu den amerikanischen Kongresswahlen im Herbst stürzen sich die trumpianischen Republikaner auf die Inflation. Es ist eine willkommene Gelegenheit, Stimmung zu machen: gegen das Establishment, gegen die Regierung Joe Bidens und gegen die Notenbank – gegen all die staatlichen Institutionen, die sich nach querer populistischer Lesart gegen die Normalbürger verschworen haben.

Auch in Italien, wo nach mehr als zwei Jahrzehnten extrem schwacher wirtschaftlicher Entwicklung viele Bürger bereits einen sozialen Abstieg hinter sich haben, ist die Lage angespannt. Noch wird die Vielparteienregierung von der Autorität Mario Draghis – und von der Aussicht auf die vollständige Überweisung von Milliarden Euro aus dem Corona-Krisenfonds – zusammengehalten. Doch die Inflation droht die ohnehin fortgeschrittene Polarisierung der römischen Politik weiter zu befördern.

Wegbrechende Kaufkraft und schwache ökonomische Entwicklung bilden ein toxisches Gemisch – zumal, wenn sie auf eine gesellschaftliche Stimmungslage treffen, die staatlichen Institutionen ohnehin mit tiefem Misstrauen und Zynismus begegnet.

Gewerkschaften in ungewohnter Rolle

In Deutschland versucht die Regierung mit Tankrabatt, Neun-Euro-Ticket, der Drohung einer Sondersteuer für Inflationsgewinnler unter den Konzernen und allerlei mehr, eines Themas Herr zu werden, für das eigentlich die Zentralbank zuständig ist. Derweil laufen sich die Gewerkschaften warm für eine stramme Tarifrunde.

Weil die Einkommensunsicherheit zunimmt, verändert sich ihre Rolle. Über viele Jahre haben sich die deutschen Gewerkschaften eine Menge darauf zugutegehalten, nicht nur die kurzfristigen Einkommensinteressen ihrer Mitglieder im Blick zu haben, sondern auch die gesamtwirtschaftliche Stabilität. Jetzt hingegen müssen sie alles daransetzen, zumindest die Reallöhne zu sichern. Andernfalls riskieren sie ihre Glaubwürdigkeit. Bereits jetzt rechnen die Bundesbürger auf Zwölf-Monats-Sicht mit sieben Prozent, hat die Bundesbank kürzlich in einer Umfrage ermittelt. Bei weiter steigenden Inflationsraten heißt das: Tarifabschlüsse Richtung zehn Prozent.

Angesichts zuletzt hoher Unternehmensgewinne und einem weiterhin engen Arbeitsmarkt ist die Verhandlungsposition der Arbeitnehmervertreter durchaus aussichtsreich. Dass der gesetzliche Mindestlohn im Herbst auf 12 Euro pro Stunde steigen wird, hilft nicht nur Geringverdienern, sondern könnte die gesamte Lohnskala nach oben verschieben.

Allerdings: Stärker steigende Löhne werden die Preisdynamik weiter antreiben. Die Sozialpolitik wird kaum umhinkommen, auch Renten, Grundsicherung und andere Transfers rascher anzupassen, als das in der Vergangenheit der Fall war. Die Inflation droht zum Selbstläufer zu werden – ein Tom-und-Jerry-Rennen, das letztlich niemand gewinnt und das sich erfahrungsgemäß nur unter Inkaufnahme enormer sozialer und wirtschaftlicher Schäden beenden lässt.

Schon jetzt gehört die Bundesrepublik zu den Eurozonen-Ländern mit relativ hohen Preissteigerungsraten . Zuletzt lag der deutsche Wert fast drei Prozentpunkte über dem französischen. Aktuell ist das leicht zu erklären mit der stärkeren deutschen Abhängigkeit von Gasimporten, deren Preise durch die Decke gehen.

Falls die höhere Inflation sich jedoch im bundesrepublikanischen Gesamtsystem festsetzt, könnte Deutschland zum Exporteur von Preisinstabilität in der Eurozone werden – eine ungewohnte Rolle für eine Nation, die sich gern selbst als Stabilitätsweltmeister sieht.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag

Frankfurt – Hirn für die Welt – Treffen der Wissenschaftsminister der G7-Staaten (bis Dienstag) unter Vorsitz von Bundesministerin Stark-Watzinger.

Dienstag

Lübeck – Brot für die Welt – Deutscher Bauerntag (bis Mittwoch) mit Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir. In Zeiten extrem angespannter globaler Nahrungsmittelmärkte und Hungerwarnungen insbesondere für Afrika geht es im Agrarsektor nicht mehr nur um Nachhaltigkeit, also Güte, sondern auch um Effizienz, also schiere Menge.

Mittwoch

Washington – Auf die Bremse, notfalls bis zum Stillstand – Die US-Notenbank Fed entscheidet über den weiteren Kurs der Geldpolitik. Allgemeine Erwartung: 0,5 Prozentpunkte plus beim Leitzins.

Brüssel – Unter Druck – Nato-Verteidigungsministertreffen und Beratungen der Ukraine-Kontaktgruppe (bis Donnerstag). Russlands Vormarsch im Zermürbungskrieg im Donbas setzt den Westen unter Druck: mehr Waffen? Von wem? (Gar aus Deutschland?) Wie?

Kiel/München – Flatliner – Heiterer wird’s nicht: Das Institut für Weltwirtschaft und das Ifo-Institut legen jeweils neue Konjunkturprognosen vor.

Donnerstag

LuxemburgPreis-Lohn-Spirale – Die Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht Kennzahlen zum europäischen Arbeitskostenindex.

Freitag
Luxemburg – Neue Details – Eurostat legt Einzelheiten zur Preisentwicklung im Mai vor.

Sonntag

Paris – Une Nation, divisible? – Zweite Runde der Nationalratswahlen in Frankreich. Gewählt wird das Parlament, mit dem der kürzlich wiedergewählte Präsident Macron in seiner zweiten Amtszeit zusammenarbeiten wird. Wer die Mehrheit hat, stellt den Premier. Linkspopulist Mélenchon rechnet sich Chancen aus, für die neu geeinte linke Liste die nächste Regierung zu leiten. Mon dieu!

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