Streit um Zuwanderung Wie Amazon-Chef Jeff Bezos die Flüchtlingskrise managen würde

Der Streit um die Flüchtlinge in Deutschland zeigt: Unsere Gesellschaft braucht neue Ideen und Konzepte. Von Politikern sind die nicht zu erwarten. Was wir brauchen, sind innovative Unternehmer.
Die Krise ist die beste Zeit für Innovationen

Die Krise ist die beste Zeit für Innovationen

Foto: DPA

Es ist Zeit, ungewöhnlich zu denken. Hunderttausende Flüchtlinge drängen nach Deutschland, Regierung und Behörden sind überfordert, hilflos, zerstritten. Welche Möglichkeiten haben sie denn auch? Die vorhandenen Registrierungsprozesse ein bisschen schneller machen? Wahrscheinlich wirkungslos. Der Ansturm ist zu groß. Mehr Deutschlehrer? Woher nehmen? Sie haben schon vor der Flüchtlingswelle gefehlt. Ein runder Tisch für eine gemeinsame Politik? Viel zu langsam.

Deutschland steht vor vollkommen neuen Herausforderungen. Sie lauten: Knapp einer Million Menschen in kürzester Zeit Sprach- und Fachkenntnisse vermitteln. Menschen, die arbeiten wollen, und Unternehmen, die bereit sind, in diese Menschen zu investieren, binnen kürzester Zeit zusammenbringen.

Krisen sind nicht die Zeiten von Politikern. Es sind die Zeiten von Innovatoren.

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Wie würde Amazon-Chef Jeff Bezos die Flüchtlingskrise managen? In einem seiner Videos bei YouTube erklärt er: "Erfinde! Wann immer wir ein Problem haben, akzeptieren wir kein eindimensionales Denken... Du kannst aus jeder Sackgasse ("box") herauserfinden, wenn Du daran glaubst, dass Du es kannst ."

Deutschland wird weltweit für seinen Erfindergeist gelobt. In Berlin wächst eine Startup-Szene junger Unternehmer heran, die nicht nur Geld verdienen, sondern die Gesellschaft verändern wollen. Einrichtungen und Stiftungen wie das Social Innovation Lab existieren. Deutschland hat das Potenzial, das Jeff Bezos beschreibt: Wir können uns aus der Krise herauserfinden.

  • Monatelange Wartezeiten bei der Registrierung? Sie werden eher dramatisch zu- als abnehmen. Die herkömmlichen behördlichen Verfahren sind auf diesen Ansturm nicht vorbereitet. Erfinden wir neue! Self Check-in ins deutsche Asylsystem, digitale Assistenten für die Einreichung von Unterlagen. Erstregistrierung per Smartphone.
  • Bildungsoffensive trotz Lehrermangel? Mit klassischen Rezepten nicht zu bewältigen. Was Deutschland braucht, sind innovative Lehrangebote: Massive Open Online Courses (MOOC), in der Sprachkenntnisse und praktische Berufskenntnisse vermittelt werden. Noch weiter gedacht: Die Möglichkeit, Prüfungen und Abschlüsse online zu machen.
  • Integration in die Arbeitswelt? Klassische Tarifverträge und Arbeitsmodelle sind für Herausforderungen wie die jetzige nicht gemacht. Unbeachtet von Gewerkschaften und Politik haben sich längst innovative Arbeitsformen wie Co-working Spaces und Projektbörsen entwickelt. In sozialen Netzwerken bestätigt die Crowd Kenntnisse eines Arbeitsnehmers - nicht der Vermittler auf dem Amt.

Die aktuelle Diskussion dreht sich im Kreis. Die Politik ist überfordert. Zu Recht: Politiker sind Politiker. Und keine Innovatoren.

Die Politik ist am Ende - Innovatoren fangen gerade erst an

Es ist die Grundeinstellung eines jeden Innovators, in allem, was schlecht und problematisch läuft, zunächst einmal die Chancen zu sehen. Und zwar nicht allgemein und theoretisch, sondern konkret: Wie lassen sich neue Angebote entwickeln, mit denen man die Probleme anderer Menschen in unternehmerische Innovation verwandelt? Innovationstreiber in der Wirtschaft leben davon, Probleme besser zu lösen als andere.

Was kann die Politik tun? Soziale Innovation fördern. Anreize für junge Unternehmensgründer schaffen. Co-creation- und Crowdsourcing-Initiativen starten, Businessplan-Wettbewerbe für neue Lernformen ins Leben rufen. An den Erfindergeist appellieren und darauf vertrauen, dass es genügend junge Unternehmer gibt, die diese Herausforderung annehmen werden.

Die langfristige Chance: Ein Innovationsschub für die Gesellschaft

Wie wurde das Silicon Valley zum dem, was wir heute kennen? Am Anfang standen nicht Apple, Microsoft, Facebook und Uber. Diese Unternehmen sind das Ergebnis einer langen Entwicklung. Am Anfang stand die Regierung. Um das Moffett Federal Airfield siedelten sich Unternehmen der Luftfahrtbranche an. Die Stanford-Universität gewann ihre Reputation als High-Tech Schmiede unter anderem durch staatliche Forschungsaufträge. Dieses Umfeld war der Nährboden für den Standford Industrial Park - die Keimzelle des Silicon Valley.

Schlanke Verwaltungsprozesse, die Bürokratie auf ein Minimum reduzieren. Sind innovative Lösungen dafür nicht erstrebenswert? Innovative Lern- und Ausbildungsformen, die Weiterbildung unabhängig von Zeit und Ort möglich machen. Wäre das nicht ein Weg, um dem schneller werdenden Wissensverfall zu begegnen? Innovative Arbeitsmodelle, die es möglich machen, andere Beschäftigungsmodelle außerhalb des 40-Stunden-Vollzeitjobs zu finden. Klingt das nicht reizvoll angesichts des demografischen Wandels?

Die Flüchtlingskrise als Chance, um innovative Technologien und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Innovationen, die heute vom Staat gefördert werden - und die morgen eine wichtige Grundlage für die digitale Wirtschaft bieten können. Auch dieses Konzept ist nicht neu: Die US-Raumfahrtbehörde NASA nennt solche Innovationen "Dual Use Innovation" und hat denTransfer von Raumfahrttechnologien zu einer ihrer wichtigsten Aufgaben gemacht .

Die Politik muss ihre Rolle neu definieren. Die Krise ist da. Die Probleme sind real. Aus Sicht eines Innovationsforschers und -beraters ist das die beste Zeit für Innovationen. Denn Probleme zum Lösen gibt es genug.

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