Kampf gegen die Inflation EZB erwägt offenbar großen Zinsschritt

Wie weit wird die Europäische Zentralbank gehen, um die grassierende Inflation zu bekämpfen? Bisher wollte der Rat um EZB-Chefin Lagarde den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte anheben, doch offenbar erwägt er nun einen größeren Zinsschritt.
Auf in die Diskussion: EZB-Chefin Christine Lagarde berät am Donnerstag mit ihren Kolleginnen und Kollegen über die Höhe des ersten Zinsschritts seit 2016

Auf in die Diskussion: EZB-Chefin Christine Lagarde berät am Donnerstag mit ihren Kolleginnen und Kollegen über die Höhe des ersten Zinsschritts seit 2016

Foto: OLIVIER HOSLET / EPA

In der Europäischen Zentralbank (EZB) gibt es offenbar Überlegungen zu einer stärkeren Zinsanhebung. Anstatt wie bisher signalisiert, die Leitzinsen am Donnerstag erstmals seit elf Jahren um 0,25 Prozentpunkte anzuheben, könnte man sich auch zu einer stärkeren Anhebung um 0,5 Punkte entschließen, berichteten die Nachrichtenagentur Bloomberg und Reuters am Dienstag unter Berufung auf informierte Personen. Hintergrund sei die hohe Inflation im Währungsraum, die sich gegenwärtig auf Rekordniveau von deutlich mehr als 8 Prozent bewegt.

Die EZB wollte sich auf Anfrage nicht zu den Informationen äußern. Der Euro  stieg nach den Signalen für eine womöglich kräftigere Zinserhöhung auf 1,0230 Dollar – der höchste Stand seit fast zwei Wochen.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde (66) hatte bisher nur einen Schritt um einen Viertelprozentpunkt in Aussicht gestellt und erst für September eine womöglich kräftigere Anhebung. Vor wenigen Wochen hatte sie allerdings auch die Möglichkeit eines deutlicheren Zinsschritts angesprochen. Dies könnte beispielsweise dann erforderlich sein, falls sich die Inflationserwartungen beschleunigten. Die Steuerung der erwarteten Inflation spielt in der modernen Geldpolitik eine entscheidende, wenn nicht sogar die wichtigste Rolle.

Ifo-Chef plädiert ebenfalls für größeren Zinsschritt

In den vergangenen Wochen haben sich bereits einige hochrangige EZB-Notenbanker dafür ausgesprochen, einen stärkeren Zinsschritt nicht auszuschließen. Dazu zählen etwa die Zentralbankchefs aus den Niederlanden und Österreich, Klaas Knot und Robert Holzmann (73).

Auch der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, Clemens Fuest (53), hält die in Aussicht gestellte Zinserhöhung der EZB für nicht ausreichend. Statt der geplanten Erhöhung des Leitzinses um 0,25 Prozentpunkte wäre eine Erhöhung um mindestens 0,50 Punkte angemessen, sagte Fuest dem "Münchner Merkur".

Die EZB müsse konsequenter gegen die Teuerung vorgehen, damit diese sich nicht festsetze. "Es geht jetzt vor allem darum, zu verhindern, dass private Haushalte und Unternehmen sich auf dauerhaft höhere Inflationsraten einstellen und Löhne sowie andere Preise entsprechend anheben", sagte Fuest der Zeitung. Noch sei es nicht zu spät, eine Lohn-Preis-Spirale zu verhindern.

Balanceakt zwischen Inflation und Verschuldung

Die Europäische Zentralbank befindet sich vor ihrer Zinssitzung am Donnerstag in einer schwierigen Situation. Einerseits muss sie gegen die hohe Teuerung vorgehen, die zuletzt auf einen Rekordwert von 8,6 Prozent gestiegen ist. Andererseits könnte die Anhebung der Zinsen vor allem für hoch verschuldete Staaten wie Italien zur Belastung werden. Die Notenbank hat daher bereits angekündigt, sie arbeite an einem neuen Anti-Kriseninstrument.

Unter den führenden Notenbanken ist die EZB in puncto Zinswende ein Nachzügler. In den USA hat die Federal Reserve schon viel früher auf den anhaltenden Inflationsschub mit Zinserhöhungen reagiert. Die Fed hob im Juni ihre Leitzinsen sogar um 0,75 Prozent an, was der größte Zinsschritt seit 1994 war.

Die EZB hält dagegen ihren Schlüsselsatz noch auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent, auf dem er bereits seit März 2016 liegt. Seit 2014 liegt zudem der Einlagensatz im Minusbereich, was für Banken Strafzinsen bedeutet, wenn sie bei der Notenbank überschüssige Liquidität parken. Seit Herbst 2019 steht der Satz bei minus 0,5 Prozent.

mg/dpa-afx, Reuters
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