Zeitenwende in der Geldpolitik EZB weicht Inflationsziel auf und wird grüner

Die Europäische Zentralbank definiert ihr Ziel der Preisstabilität neu - und stößt damit auf Kritik. Zudem wollen die Notenbanker um Christine Lagarde künftig Risiken, die sich aus dem Klimawandel ergeben, viel stärker berücksichtigen.
Zeitenwende: Die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte bereits eine neue Strategie der Notenbank in Aussicht gestellt und will diese jetzt umsetzen

Zeitenwende: Die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte bereits eine neue Strategie der Notenbank in Aussicht gestellt und will diese jetzt umsetzen

Foto: Jonathan Rebboah / imago images/PanoramiC

Die Europäische Zentralbank hat ihre geldpolitische Strategie runderneuert und will sich künftig auch stärker im Kampf gegen den Klimawandel engagieren. "Die neue Strategie ist ein starkes Fundament, das uns in der Geldpolitik in den kommenden Jahren leiten wird", sagte Notenbank-Präsidentin Christine Lagarde (65) am Donnerstag. Kern der bislang umfassendsten Überarbeitung der geldpolitischen Vorgehensweise ist ein neues Inflationsziel, das den Währungshütern etwas mehr Flexibilität erlaubt.

Sie streben nun mittelfristig einen Anstieg der Verbraucherpreise im Euroraum von 2 Prozent an. Bisher hatte das Inflationsziel auf unter, aber nahe 2 Prozent gelautet. Diese Formulierung war aber in Misskredit geraten, weil sie aus Sicht vieler Experten nahelegt, die EZB wolle eine zu hohe Inflation stärker bekämpfen als eine zu niedrige.

In den vergangenen Jahren war die Notenbank fast ausschließlich mit zu schwachem Wachstum und zu niedrigen Inflationsraten in den 19 Ländern der Eurozone konfrontiert. Erst das Abschwächen der Pandemie und der kräftige Anstieg der Preise etwa für Rohstoffe wie Öl hat die Inflationsrate im Euroraum im Juni auf 1,9 Prozent in die Höhe getrieben. Ihre bisherige Zielmarke verfehlte die EZB bereits seit Frühjahr 2013.

Neu definiertes Inflationsziel stößt auf Kritik

Die EZB erklärte, dass ihr neues Inflationsziel symmetrisch zu verstehen sei - also eine Abweichung nach oben und nach unten gleichermaßen unerwünscht sei. "Liegen die Zinsen in einer Volkswirtschaft in der Nähe ihrer effektiven Untergrenze, so sind besonders kraftvolle oder lang anhaltende geldpolitische Maßnahmen nötig, um zu verhindern, dass sich negative Abweichungen vom Inflationsziel verfestigen", erklärte die Notenbank. Gegebenenfalls sei auch eine Übergangszeit hinzunehmen, in der die Inflation leicht über dem Ziel liege.

Der EZB-Rat werde es nun noch leichter haben, in den kommenden Jahren eine Fortdauer der extrem lockeren Geldpolitik und der Anleihekäufe zu rechtfertigen, kritisierte Friedrich Heinemann vom ZEW-Institut die Ergebnisse des Strategiechecks. Aus seiner Sicht schwächt die Einräumung einer möglichen Übergangszeit die Verbindlichkeit des Ziels als Obergrenze weiter ab. "Just in dem Moment, in dem einige Eurostaaten in ihrer Finanzierung krisenbedingt vollkommen von den Anleihekäufen der EZB abhängig geworden sind, senkt der EZB-Rat seine langfristigen Ambitionen bei der Inflationsbegrenzung", kritisierte er.

EZB will grüner werden - Klimakriterien bei Anleihekäufen

Neben dem neuen Inflationsziel hat sich die EZB zudem auf die Fahnen geschrieben, "grüner" zu werden. Mit anderen Worten: Die Zentralbank will die sich aus dem Klimawandel ergebenden Risiken in ihrer Geldpolitik künftig stärker berücksichtigen und eine aktivere Rolle spielen. So soll zum Beispiel bei den Anleihekäufen auch auf Klimakriterien geachtet werden. Bei der aktuellen Strategieüberprüfung seien die Überlegungen zum Klimawandel und zur ökologischen Nachhaltigkeit "von zentraler Bedeutung" gewesen. Einen detaillierten Plan dazu wollen die Währungshüter im kommenden Jahr veröffentlichen.

Der Klimawandel und der Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft wirkten sich auf die Aussichten für die Preisstabilität aus; ebenso auf die finanzielle Stabilität, erläuterte die EZB. Darüber hinaus wirkten sich der Klimawandel und der CO2-Übergang auf den Wert und das Risikoprofil der in der Bilanz des Eurosystems gehaltenen Vermögenswerte aus - das könne möglicherweise "zu einer unerwünschten Akkumulation klimabedingter Finanzrisiken" führen.

Konkret will die EZB nun neue "experimentelle" Indikatoren für die Risikoanalyse grüner Finanzinstrumente und die CO2-Emissionen von Finanzinstituten entwickeln. Private Unternehmen sollen künftig als Voraussetzung für eine Zulassung Angaben zur ökologischen Nachhaltigkeit von Wertpapieren machen müssen.

Selbstgenutztes Wohneigentum könnte in Inflationsrate einfließen

Zudem will sich die EZB dafür einsetzen, dass künftig auch selbstgenutztes Wohneigentum in der Berechnung der Inflationsrate einbezogen wird. Im Unterschied zu anderen Währungsräumen wie den USA sind die Kosten für selbst genutztes Wohneigentum nicht im Warenkorb des Europäischen Statistikamts Eurostat enthalten. Bislang werden dort nur Mieten erfasst. Die EZB hat es allerdings nicht allein in der Hand darüber zu entscheiden, anhand welcher Faktoren Eurostat und die nationalen Statistikbehörden die Inflationszahl berechnen.

EZB-Chefin Lagarde hatte schon kurz nach ihrem Amtsantritt im November 2019 eine Überprüfung der Strategie angekündigt. Die Corona-Krise warf dann aber den Zeitplan durcheinander. Die Währungshüter hatten letztmalig im Jahr 2003 ihre geldpolitische Strategie überarbeitet. Damals hatten sie ihr mittelfristiges Preisstabilitätsziel von 1998 präzisiert. Bis dahin hatte es "unter 2 Prozent" gelautet - angepasst wurde es schließlich auf "unter, aber nahe 2 Prozent". Diese Formulierung blieb seitdem gültig. Weitergehende Themen wie der Klimawandel standen damals nicht auf der Agenda.

rei/Reuters, DPA
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