Montag, 17. Juni 2019

Draghi besorgt um Inflation EZB lässt Leitzins bis Mitte 2020 bei Null

EZB-Chef Mario Draghi: "Bereit zu handeln bei ungünstigeren Bedingungen"

Die Europäische Zentralbank (EZB) belässt den Leitzins länger als bislang geplant auf dem historischen Tiefstand von 0,0 Prozent. "Der EZB-Rat geht nun davon aus, dass die Leitzinsen der EZB mindestens bis zur ersten Jahreshälfte 2020 auf ihrem derzeitigen Niveau bleiben", sagte ein Sprecher der Zentralbank am Donnerstag nach der Sitzung der Notenbankchefs der Eurozone im litauischen Vilnius.

Die EZB hatte den zentralen Leitzins im März 2016 auf 0,0 Prozent gesenkt, um mit günstigem Kapital Konjunktur und Inflation anzukurbeln. In den vergangenen Monaten verschlechterten sich aber angesichts des Handelstreits der USA mit China, des Brexit sowie weiteren geopolitischen Risiken die Wachstumsaussichten für die Wirtschaft.

Die EZB legt zudem ein neues Kreditprogramm auf, um die Wirtschaft zu stützen. Das vorangegangene milliardenschwere Kaufprogramm für Staats- und Unternehmensanleihen war Ende vergangenen Jahres ausgelaufen. Seitdem reinvestiert die EZB nur noch die auflaufenden Zinseinnahmen.

Konditionen für neue Langfristkredite festgesetzt

Die Europäische Zentralbank (EZB) setzt die Konditionen für ihre ab Spätsommer geplanten Langfristkredite etwas weniger lukrativ fest. Der Zins könne bis auf den Einlagensatz zuzüglich eines Aufschlags von 0,1 Prozentpunkten fallen, teilte die EZB am Donnerstag mit. Bei der vorherigen Runde von Langfristkrediten lag der Minimalzins beim Einlagensatz ohne Aufschlag.

Hinzu kommt, dass der Kreditzins sich nicht mehr an dem Einlagensatz bei Zuteilung des Langfristkredits bemisst. Vielmehr errechnet er sich jetzt nach dem durchschnittlichen Einlagensatz über die Laufzeit des Langfristkredits. Leitzinsanhebungen würden also auch den Kreditzins ansteigen lassen.

Der günstigste Zins gilt, soweit die Geldhäuser ihre eigene Kreditvergabe über eine Referenzgröße hinaus ausweiten. Falls sie dies nicht tun, erhalten sie den Langfristkredit zum Hauptrefinanzierungssatz zuzüglich 0,1 Prozentpunkten. Der Hauptrefisatz beträgt gegenwärtig null Prozent. In diesem Fall kostet der EZB-Kredit also einen Zins von aktuell 0,1 Prozent.

Bei den Langfristkrediten (Targeted Longer-Term Refinancing Operations, kurz TLTRO) handelt es sich bereits um die dritte Runde. Sie sollen den Geldhäusern ausreichend Liquidität zur Verfügung stellen und darüber hinaus die Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher ankurbeln. Geplant sind ab September mehrere Kreditrunden mit Laufzeiten von jeweils zwei Jahren.

"Zinserhöhung nicht vor Mitte 2020"

"Für die Märkte dürften die Auswirkungen letztlich überschaubar bleiben, denn es war sowieso nicht mehr für das erste Halbjahr 2020 mit einer ersten Zinserhöhung gerechnet worden", sagte Uwe Burkert von der LBBW. Mit dem aktuellen Stand bleibe die EZB flexibel. "Wenn sich der Abschwung fortsetzt, kann sie die Forward Guidance nochmal anpassen. Verbessert sich die Konjunktur, wäre es für eine Zinserhöhung auch Mitte 2020 früh genug. Zunächst dürfte es aus Sicht der Notenbank darauf ankommen, für die ersten ein bis zwei gezielten Langfristtender eine hohe Nachfrage zu generieren, um die Kreditvergabe weiter anzukurbeln."

"Die EZB gerät zunehmend in eine schwierige Lage", meint Friedrich Heinemann vom ZEW-Institut. "Angesichts des eskalierenden Handelskonflikts haben die Zentralbanken von Neuseeland und Australien bereits ihre Leitzinsen gesenkt und die US-Zentralbank Fed beginnt, eine Zinssenkung verbal vorzubereiten. Hingegen verfügt die EZB mit einem Einlagenzins bei minus 0,4 Prozent über keinen nennenswerten zinspolitischen Spielraum mehr." Dass nun noch die Euro-Inflationsrate ins Rutschen gerate, erhöhe den Handlungsdruck so stark, dass Mario Draghi dies nicht einfach bis zum Ende seiner Amtszeit aussitzen könne. Der EZB-Präsident und sein neuer Chef-Ökonom Philip Lane wären gut beraten, verschärft über Alternativen zu erneuten breiten Ankäufen von Staatsanleihen nachzudenken.

la/dpa/reuters

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