Teuerung im Euroraum EZB vor erster Zinsanhebung seit einem Jahrzehnt

Angesichts der grassierenden Inflation will die Europäische Zentralbank heute zum ersten Mal seit 2011 die Zinsen wieder erhöhen. Zudem wird EZB-Chefin Christine Lagarde wohl auch ein neues Instrument vorstellen, um hoch verschuldete Euroländer wie Italien zu stützen.
Rauf damit: EZB-Chefin Christine Lagarde wird heute die Zinsen anheben

Rauf damit: EZB-Chefin Christine Lagarde wird heute die Zinsen anheben

Foto: DANIEL ROLAND / AFP

Die Europäische Zentralbank (EZB) steuert auf ihre erste Zinsanhebung seit mehr als einer Dekade zu. Am heutigen Donnerstag dürfte der EZB-Rat den Einstieg in die geldpolitische Straffung beschließen. Fraglich ist allerdings, wie stark die Anhebung ausfällt. Eine Anhebung um 0,25 Prozentpunkte gilt angesichts starker EZB-Signale als ausgemachte Sache. Allerdings ist auch ein deutlicherer Schritt um einen halben Prozentpunkt nicht ausgeschlossen. Die Zinsanhebung wäre die erste seit elf Jahren.

Mit dem erwarteten Einstieg in die geldpolitische Straffung kämpft die EZB gegen die hohe Inflation an, die mit deutlich mehr als 8 Prozent in der Eurozone gegenwärtig so hoch liegt wie noch nie seit Einführung des Euro um die Jahrtausendwende herum.

Angesichts der hohen Inflation hat inzwischen selbst EZB-Präsidentin Christine Lagarde (66) die Möglichkeit eines höheren Zinsschritts angesprochen, etwa falls sich die Inflationserwartungen aus ihrer Verankerung lösten. Die Steuerung der erwarteten Inflation spielt in der modernen Geldpolitik eine entscheidende Rolle.

Ob sich im EZB-Rat allerdings eine Mehrheit für einen großen Zinsschritt findet, ist unklar. Bisher haben sich dafür nur solche Notenbanker ausgesprochen, die für eine besonders straffe geldpolitische Haltung bekannt sind. Dazu zählen die Zentralbankchefs aus den Niederlanden und Österreich, Klass Knot und Robert Holzmann. Ein Argument für einen vorsichtigen Einstieg lautet dagegen, dass man erst die Reaktion der Finanzmärkte abwarten wolle, bevor man auf der nächsten Sitzung im September entschiedener vorgehen könne.

Ukraine-Krieg und Italiens Staatsschulden belasten Europa

Ein weiterer Punkt, der für ein vorsichtiges Vorgehen spricht: Nach Ansicht vieler Ökonomen sind Europa und der Währungsraum wesentlich stärker durch den Ukraine-Krieg betroffen als andere große Wirtschaftsräume wie etwa die USA. Als entscheidender Grund gilt die hohe Abhängigkeit Europas von Energielieferungen aus Russland, die möglicherweise bald komplett wegfallen könnten. Kritisch ist vor allem der hohe Anteil russischer Erdgaslieferungen, da ein Ersatz – soweit kurzfristig überhaupt möglich – teuer ist und daher die hohe Inflation weiter anheizen würde.

Darüber hinaus argumentieren vor allem EZB-Kritiker, dass die Zentralbank Rücksicht auf schwächere Euroraum-Mitglieder wie Italien nehmen müsse. Hier steht die Regierung des weithin angesehenen Ministerpräsidenten Mario Draghi (74) wahrscheinlich vor dem Aus. Zwar haben die Finanzmärkte bisher eher besonnen auf das politische Risiko in Rom reagiert. Das dürfte aber auch daran liegen, dass die EZB Abhilfe im Fall von Turbulenzen in Aussicht gestellt hat.

Denn die Notenbank arbeitet an einem neuen Instrument, mit dem "ungerechtfertigte" Zinsanstiege im Euroraum verhindert werden sollen. Mit einer ähnlichen Argumentation hatte der damalige EZB-Chef Draghi im Jahr 2012 seine legendäre Euro-Garantie "Whatever it takes" abgegeben. Ganz so geschichtsträchtig dürfte es dieses Mal wohl nicht werden. Zumal sich Experten unsicher sind, wie weit die Arbeiten an dem "Antifragmentierungstool" überhaupt gediehen sind. Sie erhoffen sich aber zumindest einige Neuigkeiten, wie die EZB gegen das Auseinanderdriften der Kapitalmarktzinsen vorgehen will.

Obwohl das mittelfristige Inflationsziel der EZB seit Langem überschritten wird, handeln die europäischen Währungshüter vergleichsweise spät. Andere große Zentralbanken wie die US-Notenbank Fed oder die britische Notenbank haben ihre Leitzinsen schon wesentlich früher angehoben.

mg/dpa-afx
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