Negativzins abgeschafft Rekordinflation zwingt EZB zu großem Zinsschritt

Die Europäische Zentralbank um Chefin Christine Lagarde hat zum ersten Mal seit elf Jahren die Zinsen in der Eurozone wieder erhöht. Der Leitzins steigt von 0 auf 0,50 Prozent. Zudem soll ein neues Kriseninstrument stark verschuldete Staaten wie Italien vor möglichen Turbulenzen am Anleihenmarkt schützen.

Historischer Schritt: EZB-Chefin Christine Lagarde und der EZB-Rat haben am Donnerstag den Leitzins in der Eurozone erhöht

Historischer Schritt: EZB-Chefin Christine Lagarde und der EZB-Rat haben am Donnerstag den Leitzins in der Eurozone erhöht

Foto: STEPHANIE LECOCQ / EPA

Die Europäische Zentralbank (EZB) erhöht angesichts der Rekordinflation erstmals seit elf Jahren die Zinsen im Euroraum. Der Leitzins steigt unerwartet kräftig von null auf 0,50 Prozent, der Negativzins von minus 0,50 Prozent für geparkte Gelder von Geschäftsbanken entfällt, wie die EZB am Donnerstag in Frankfurt mitteilte. Banken müssen somit nicht mehr draufzahlen, wenn sie überschüssiges Geld bei der EZB parken. Mit dem Schritt leitet die Euro-Notenbank eine umfassende Wende in ihrer Geldpolitik ein. Letztmalig hatten die Euro-Wächter im Juli 2011 die Zinsen angehoben.

Eine Anhebung um 0,25 Prozentpunkte galt angesichts starker EZB-Signale als ausgemachte Sache. Allerdings hatten viele Beobachter auch einen deutlicheren Schritt um einen halben Prozentpunkt nicht ausgeschlossen, da die Inflationsrate mit 8,6 Prozent in der Eurozone so hoch liegt wie noch nie seit Einführung des Euro um die Jahrtausendwende herum.

"Der EZB-Rat hielt es für angemessen, einen größeren ersten Schritt auf dem Weg zur Normalisierung der Leitzinsen zu tun, als er auf seiner letzten Sitzung angekündigt hatte", teilte die Notenbank nun mit. Diese Entscheidung beruhe auf der aktualisierten Einschätzung der Inflationsrisiken durch den EZB-Rat. Die EZB stellte weitere Zinsschritte in Aussicht: Auf den nächsten Zinssitzungen werde eine weitere Normalisierung der Geldpolitik angemessen sein, erklärte sie.

EZB-Chefin Christine Lagarde erklärte auch auf Twitter noch einmal die Entscheidung der Notenbank und versuchte ihre Entschlossenheit deutlich zu machen:

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"Es ist gut, dass sich die EZB heute zu einem großen Zinsschritt von einem halben Prozentpunkt durchgerungen hat", kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Aber das kann nur ein Anfang sein." Der Euro-Raum mit seinem tiefgreifenden Inflationsproblem brauche eine Serie großer Schritte. Nach Einschätzung des Chefvolkswirts der DekaBank, Ulrich Kater, ist mit diesem Einstieg in eine straffere Geldpolitik das Zeitalter der Null- und Negativzinsen vorbei: "Das monetäre Schlaraffenland hat geschlossen." DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben mahnte die Notenbanker zu "wohldosierten" Schritten. Die Inflation sei zum großen Teil importiert. "Daher muss nicht nur die EZB reagieren."

"Das kann nur ein Anfang sein"

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer

Kritiker werfen der EZB vor, die Zinswende viel zu spät einzuleiten. Die Teuerung im Euroraum zieht seit Monaten auf Rekordniveau an. Zugleich haben sich die Wirtschaftsaussichten wegen des Krieges in der Ukraine verschlechtert. Hebt die EZB die Zinsen in diesem Umfeld zu rasch an, könnte das vor allem für hoch verschuldete Staaten in Südeuropa zur Belastung werden.

Dax

Der Dax baute unmittelbar nach der Zinserhöhung der EZB seine Verluste aus und fiel zunächst auf 13.160 Punkte um sich dann wieder zu fangen. Letztlich schloss der deutsche Leitindex nach einem volatilen Handel mit leichten Verlusten.

Anti-Krisen-Programm soll hoch verschuldete Länder schützen

Um sicherzustellen, dass Zinserhöhungen Länder wie zum Beispiel Italien nicht über Gebühr belasten und um eine Fragmentierung des Währungsraums zu verhindern, legt die EZB ein neues Anti-Krisen-Programm auf, das sogenannte Transmission Protection Instrument (TPI). "Das TPI wird das Instrumentarium des EZB-Rats ergänzen und kann aktiviert werden, um ungerechtfertigten, ungeordneten Marktdynamiken entgegenzuwirken, die eine ernsthafte Bedrohung für die Transmission der Geldpolitik im Euroraum darstellen", erklärte die Notenbank. "Der Umfang von Ankäufen im Rahmen des TPI hängt von der Schwere der Risiken für die geldpolitische Transmission ab. Die Ankäufe sind nicht von vornherein beschränkt."

"Eine selbstverursachte politische Krise in Italien ist der Lehrbuch-Fall einer Situation, in der die EZB nicht intervenieren sollte"

Frederik Ducrozet, Chefkonjunkturanalyst beim Schweizer Vermögensverwalter Pictet

Aus Sicht der Kritiker sind Käufe italienischer Staatsanleihen allerdings nichts anderes als eine Staatsfinanzierung durch die EZB – selbst dann, wenn die EZB offiziell nur aus dem Grund am Anleihemarkt eingreift, um die Renditeabstände zwischen den Anleihen der einzelnen Mitgliedstaaten zu verhindern. Für Frederik Ducrozet, Chefkonjunkturanalyst beim Schweizer Vermögensverwalter Pictet, ist klar: "Eine selbstverursachte politische Krise in Italien ist der Lehrbuch-Fall einer Situation, in der die EZB nicht intervenieren sollte."

Die Arbeiten an diesem neuen Anti-Krisen-Instrument hatte die EZB nach Unruhen an den Finanzmärkten Mitte Juni forciert. Der Renditeabstand – der Spread – zwischen Staatsanleihen aus Deutschland und denen höher verschuldeter Euroländer, insbesondere Italiens, hatte sich nach der EZB-Ankündigung einer ersten Zinserhöhung im Sommer ausgeweitet. Heißt: Für Länder wie Italien wird es teurer, sich frisches Geld zu besorgen. Das könnte für solche Staaten angesichts schon gewaltiger Schuldenberge zum Problem werden.

Doch die hartnäckig hohe Inflation zwingt die EZB zum Handeln. Der Prozess der Normalisierung der Geldpolitik werde "entschlossen und nachhaltig fortgesetzt werden", hatte EZB-Präsidentin Lagarde Ende Juni gesagt. Andere Notenbanken wie die US-Fed und die Bank of England haben ihre Zinssätze bereits mehrfach angehoben.

Euro hebt ab, Bundesanleihe erholt sich

Dem Euro verlieh die Entscheidung Flügel. Er stieg zwischenzeitlich auf 1,0273 Dollar von zuvor knapp unter 1,02 Dollar. Am frühen Abend kostete der Euro 1,0188 US-Dollar. Die EZB setzte den Referenzkurs auf 1,0199 Dollar fest und damit auf dem Niveau vom Mittwoch. Der Dollar kostete damit 0,9805 Euro.

Deutsche Bundesanleihen erholten sich zwischenzeitlich deutlichen Verlusten nach der EZB-Entscheidung. Der richtungsweisende Terminkontrakt Euro-Bund-Future gab bis zum Abend nur noch um 0,05 Prozent auf 151,81 Punkte nach. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen betrug zuletzt 1,21 Prozent. In Italien stiegen die Renditen spürbar, die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone steuert auf Neuwahlen zu.

Hierzulande hatte die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen zunächst mit einem Sprung nach oben darauf reagiert, weil die Rekordinflation die Euro-Währungshüter zu einem unerwartet hohen Tempo bei ihrer ersten Zinserhöhung seit elf Jahren zwingt.

Die Rendite kam aber schnell wieder unter Druck. Nach Ansicht von Händlern wuchsen die Zweifel bezüglich des am Donnerstag vorgestellten neuen Anti-Krisen-Programms.

rei/dpa-afx/Reuters
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