Energiealternativen zu Russland Wirtschaftsminister Habeck will mehr Flüssiggas aus Norwegen importieren

Norwegen soll Deutschland aus der Abhängigkeit von russischen Öl- und Gaslieferungen helfen. Dafür will Wirtschaftsminister Robert Habeck mehr verflüssigtes Gas importieren. Auch der Bau einer LNG-Pipeline wird geprüft.
Energie aus Norwegen: Gasplattform vor Stavanger

Energie aus Norwegen: Gasplattform vor Stavanger

Foto: Reuters Staff/ REUTERS

Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (52) nimmt Hilfe aus Norwegen in den Blick, um Deutschland aus der Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu lösen. Verflüssigtes Gas, sogenanntes LNG, aus dem nordischen Land soll verstärkt Gas aus Russland ersetzen. Norwegen könne mit LNG-Kapazitäten helfen, sagte der Grünen-Politiker während eines Besuchs bei dem norwegischen Regierungschef Jonas Gahr Støre (61) in Oslo.

Støre stellte mehr Flüssiggas in Aussicht. Man befinde sich jetzt zwar am Maximum, wolle aber im Sommer mithilfe eines LNG-Terminals in Nordnorwegen die Kapazitäten ausbauen. Der staatlich dominierte Versorger Equinor werde im Sommer zusätzlich 1,4 Milliarden Kubikmeter Gas nach Europa pumpen können. Zudem wolle Norwegen Deutschland mit Spezialschiffen für Flüssiggas helfen. Deutschen Regierungskreisen zufolge geht es um mehrere Schiffe, die der Bund mitfinanzieren werde. Sie können den flüssigen Brennstoff vor der Küste wieder in Gas umwandeln, sodass kein komplett neues Terminal gebraucht wird. In Wilhelmshaven ist so eine Anlage geplant, um das Gas schnell an Land bringen zu können.

Schon heute sei das skandinavische Land einer der größten Gaslieferanten für das europäische Festland, sagte Habeck, Deutschland profitiere davon bereits jetzt in hohem Maße. LNG- oder Erdgas seien jedoch "nur eine kurze Brücke oder eine Brücke, die wir möglichst kurz halten wollen". Dieser Energieträger solle möglichst schnell durch Wasserstoff ersetzt werden. Mittelfristig will Deutschland auch Wasserstoff aus Norwegen beziehen. Um Möglichkeiten auszuloten, bildeten Norwegen und Deutschland eine Arbeitsgruppe. Diese soll Habeck zufolge in etwa einem halben Jahr Ergebnisse liefern. Geprüft wird auch, ob dafür eine eigene Pipeline nach Deutschland gebaut werden muss.

Deutschland bezieht mehr als die Hälfte seines Gases aus Russland und sucht vor dem Hintergrund des Einmarsches in die Ukraine nach alternativen Lieferanten. Norwegen ist bereits mit rund 30 Prozent der zweitgrößte. Deutschland benötigt etwa 100 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr. Angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffs Russlands auf die Ukraine sei es jetzt wichtiger denn je "die Abhängigkeit Europas von russischen Importen schnell zu reduzieren", heißt es nach Ministeriumsangaben in einer gemeinsamen Erklärung. Nötig seien daher eine beschleunigte Energiewende, ein verstärkter Ausbau der erneuerbaren Energien und deutlich mehr Energieeffizienz.

Auftakt zu Reiserunde für neue Energieimporte

Habeck treibt den Bau eigener LNG-Terminals in Deutschland voran. Sein Besuch in Oslo soll den Auftakt zu einer Reihe von Auslandsreisen bilden, bei denen das Ziel ist, deutsche Energieimporte auf eine breitere Grundlage zu stellen sowie den zukünftigen Bezug von "grünem Wasserstoff" und dazugehöriger Ausgangsprodukte sicherzustellen. Habeck will dazu auch nach Katar reisen.

Norwegen ist mit dem Export von Öl und Gas zu einem der wohlhabendsten Staaten der Erde geworden. Støre hat vor und nach seiner Wahl im Spätsommer 2021 immer wieder betont, den Ölsektor nicht abbauen, sondern entwickeln zu wollen. Die Erfahrungen, Infrastruktur und Milliardeneinnahmen aus dem Geschäft mit fossilen Brennträgern sollen demnach als Fundament für die grüne Umstellung dienen, die vielen Menschen in der Öl-Nation sehr am Herzen liegt.

Støres Regierung will Norwegen unter anderem zum Vorreiter bei der technologischen Entwicklung von Wasserstoff und wasserstoffbasierten Energieträgern machen. Das soll neue Industrien aufbauen, Emissionen reduzieren und neue Jobs schaffen. Erst vergangenen Freitag hatte die Regierung verkündet, dass umgerechnet rund 31 Millionen Euro in zwei Forschungszentren in Trondheim und Bergen fließen sollen, um so die Wasserstoffforschung in den kommenden acht Jahren zu stärken.

Interesse auch an blauem Wasserstoff

Offen zeigte sich der deutsche Vizekanzler für sogenannten blauen Wasserstoff. Dabei wird Wasserstoff mit Erdgas erzeugt und das freigesetzte CO2 in Kavernen unter der Nordsee gespeichert. »Wenn das CO2 abgespeichert wird, ist es klimaneutrales Gas«, sagte Habeck. Auf längere Sicht wolle man sich aber mithilfe von mit erneuerbaren Energien erzeugten Wasserstoff versorgen. "Auf dem Weg dahin ist es besser, das CO2 abzuspeichern, als es in die Atmosphäre zu blasen." Dabei müssten aber hohe Umweltstandards greifen, heißt es in einem gemeinsamen Papier der beiden Staaten.

Besonders bei den Grünen wird blauer Wasserstoff kritisch gesehen, da Zweifel an der dauerhaften, sicheren Speicherung herrschen. Der Koalitionsvertrag der Ampelregierung hat diese Option aber geöffnet.

kig/Reuters, dpa-AFX