Digitalisierung Das europäische "Tech Valley" - nicht mehr nur ein schöner Traum

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Charles-Edouard Bouée
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Charles-Edouard Bouée ist CEO von Roland Berger. Vor seiner Wahl im Juni 2014 war er COO verantwortlich für Global Operations.

Europa kann den digitalen Wettstreit - noch - gewinnen! Immerhin 100.000 neue Arbeitsplätze und mehr als 400 Milliarden Euro Wertschöpfung pro Jahr winken uns als Siegprämie. Denn die digitale Transformation der Wirtschaft steht für neues Wachstum und für neue Chancen, statt bloßer Bedrohung: ganz besonders für Europa - den Kontinent, der in Sachen Digitalisierung als angezählt gilt.

Tatsächlich holen wir auf - gerade in den sogenannten "Deep Tech"-Bereichen: Künstliche Intelligenz, virtuelle und erweiterte Realität, Drohnen, Roboter, 3D-Printer und das Internet der Dinge. Im Jahr 2015 erreichen die Investitionen in Europas Deep Tech-Unternehmen 2,3 Mrd. Dollar. Das sind immerhin 600 Millionen Dollar mehr als die Gesamtsumme der Investitionen aus den letzten vier Jahren - und auch dieses Jahr wird wohl neue Rekorde aufstellen.

Zwei Drittel der Großunternehmen investieren in Tech-Startups

Europas Großunternehmen werden aktiv: Laut der internationalen Investmentboutique Atomico haben seit Anfang 2015 zwei Drittel der größten europäischen Unternehmen in Technologie-Startups investiert. Ein Drittel dieser Firmen hat sogar mindestens ein Start-up komplett übernommen.

Aber immer noch stehen wir uns selbst im Weg. Und viele der europäischen Probleme kennen wir schon aus der ersten Phase der Digitalisierung: Es fehlt an Kapital, gerade für die kapitalintensive Wachstumsphase von Start-ups, bürokratische Hürden behindern die schnelle Skalierung von Geschäftsideen in andere europäische Länder, der digitale Binnenmarkt lässt weiter auf sich warten. Unsere Technologie-"Hubs" sind nicht ausreichend miteinander vernetzt. Und unsere Bürger haben Angst davor, auf der Reise in die Zukunft nicht mitgenommen zu werden.

Wir brauchen länderübergreifende Dynamik

Was wir deshalb brauchen, ist eine länderübergreifende Dynamik. Deutschland und Frankreich können gemeinsam das neue digitale Europa vorantreiben und für mehr Tempo sorgen. Sie müssen den Grundstein für das europäische "Digital Valley" legen, und sich für ein neues, ebenso großartiges Projekt einsetzen, wie es im Jahr 1950 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl war.

Paris und Berlin sind bereits heute die wichtigsten Digitalisierungszentren Kontinentaleuropas. Die beiden Metropolen zeigen die wachsende Dynamik in Frankreich und Deutschland, die mit expandierenden Unternehmen wie dem Berliner AdBlock und dem französischen Sigfox, ein Unternehmen, das Lösungen zur Vernetzung von IoT-Objekten anbietet, auch schon beeindruckende Erfolge aufweisen kann.

Die Möglichkeiten für konkrete und symbolträchtige Gemeinschaftsprojekte sind vielfältig - allerdings bedarf es sowohl einer politischen als auch einer unternehmerischen Weichenstellung: Die Politik muss endlich attraktive wirtschaftliche Rahmenbedingungen und gemeinsame technische Standards sowohl für grenzüberschreitende Projekte als auch für die Finanzierung von Start-ups realisieren. Und unternehmerischer Mut - der auch das Risiko des Scheiterns beinhaltet - darf weder bestraft noch stigmatisiert werden.

Konkrete Beispiele für die bilaterale Zusammenarbeit wären ein gemeinsamer Risikokapitalfonds, der auch die in beiden Ländern existierenden nichtöffentlichen Investitionsaktivitäten koordinieren könnte. Oder eine gemeinsame Cloud-Platform, die eine eigene europäische digitale Infrastruktur schaffen könnte. Und schließlich könnte auch auf Länderebene besser agiert werden: Unter anderem durch die Schaffung von Smart-City-Initiativen in Grenzstädten wie Freiburg oder Mulhouse.

Milliarden zusätzliche Wertschöpfung

Während einerseits die Bedrohung von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung beklagt wird, sind wir uns immer noch nicht einig, wie wir die Chance auf 100.000 neue Arbeitsplätze oder 400 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung pro Jahr nutzen wollen. Dabei sollten diese beiden Zahlen an sich schon für die nötige Motivation sorgen. Zumal wir eigentlich optimistisch sein können, da für die Welt gerade eine ganz neue Ära anbricht - die der künstlichen Intelligenz und der Roboter. In naher Zukunft schon wird künstliche Intelligenz die heutigen digitalen Benutzeroberflächen verdrängen. Unser Alltag wird nicht mehr von Apps und Webseiten bestimmt werden, sondern von Netbots, die unsere Bedürfnisse und Anforderungen antizipieren und selbstständig bedienen werden.

Hier haben die Industrieländer Deutschland und Frankreich die Möglichkeit, Europa mit Hochtechnologie wieder ganz an die Spitze zu bringen. Denn: So wie derzeit noch die Programmierer und Designer des Silicon Valley den digitalen Wandel vorgeben, könnten der deutsche Ingenieur und der französische Mathematiker im Schulterschluss das Tempo der Revolution durch künstliche Intelligenz bestimmen - und über Roboter die Hardware mit der Software ganz neu verknüpfen. Das "Digital Valley" Europas muss dabei als Grundstein für ein weitaus ambitionierteres Bauwerk verstanden werden - das des "Tech Valley", das Europa zum Weltmarktführer bei der künstlichen Intelligenz werden lässt.

Diese Chance, unsere Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen und die Chance, den europäischen Gründergeist wieder aufleben zu lassen, sind uns also zum Greifen nahe. Wir brauchen einfach nur zuzupacken - und im Sinne der Zukunft Europas sind wir dazu verpflichtet.

Charles-Edouard Bouée ist CEO bei Roland Berger und schreibt als Gastkommentator für manager-magazin.de - trotzdem gibt seine Meinung nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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