Montag, 26. August 2019

Spieltheorie Wie die irre Strategie von Varoufakis aufgehen könnte

Souveränes Verhandeln ist, wenn man trotzdem lacht: Griechenlands Finanzminister Varoufakis (r.) mit IWF-Chefin Christine Lagarde und Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem auf der Finanzministersitzung am Mittwoch

2. Teil: Nukleare Abschreckung: Der Schwächere gewinnt

Das klingt ein wenig naiv, und sein tatsächliches Verhalten scheint dem auch zu widersprechen. Der wohl meinende Ökonom Anatole Kaletsky schimpft im "Guardian", "Varoufakis' Verhandlungstaktik, ein unberechenbares Schwanken zwischen Aggressivität und Schwäche, ist das Gegenteil von dem, was Spieltheorie vorschreiben würde".

Er wirft dem Griechen vor, zu früh auf die für die deutsche Regierung toxische und für Griechenland gar nicht so wichtige Forderung nach einem Schuldenschnitt verzichtet zu haben, die noch den Wahlkampf dominierte. Die offensichtliche Kompromisslinie mit einer für Berlin letztlich unschädlichen Lockerung der Kreditauflagen, die eine echte Entlastung für Griechenland brächte, hätte erst am Ende des Pokers kommen sollen.

Nun stehe Varoufakis mit leeren Händen da, den Schaden hätten die Demokratie und Europas Wirtschaft. "Varoufakis' Idee einer Strategie ist, sich eine Waffe an den eigenen Kopf zu halten und eine Gegenleistung zu fordern, um nicht abzudrücken", ärgert sich Kaletsky.

Doch genau darin könnte tatsächlich die Strategie bestehen. Griechenland habe "klar" den vom Spieltheoretiker (und Begründer der nuklearen Abschreckung) Thomas Schelling beschriebenen Weg der "Coercive Deficiency" gewählt, meint der französische Ökonom Jacques Sapir. Für einen Akteur, der von vornherein aus einer Position der Schwäche agiert, sei es rational, diese Schwäche im Lauf der Verhandlung noch zu steigern, um dem starken Gegner Zugeständnisse aus moralischen Motiven aufzuzwingen.

Schwach ist die Position der Griechen zweifellos. Sie sind auf Hilfe der Euro-Partner angewiesen, wenn sie nicht entweder einseitig die Verträge oder ihre zentralen Wahlversprechen brechen wollen. Umgekehrt erscheinen die Planspiele aus Berlin durchaus glaubwürdig, man könne auch einen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro verkraften, damit einen Großteil der rund 60 Milliarden Euro an Forderungen abschreiben, nur um keine Nachahmer in Europa zu ermutigen. Die Angst würde den Rest der Euro-Zone zusammenhalten.

Zusätzlich geschwächt haben die Griechen ihre Position, indem sie mit dem Rauswurf der Troika auf die ausstehende Kredittranche von sieben Milliarden Euro verzichteten.

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