Datenschutz - der D-Day ist da Drei Gründe, warum wir die DSGVO lieben sollten

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Körperscanner: Die Verbraucher können zukünftig sagen, was mit ihren Daten passieren soll

Foto: POOL/ REUTERS

Ich weiß nicht, was Sie in dieser Woche getan haben. Alle, die ich auf das Thema DSGVO anspreche, sind entweder zu Tode genervt oder kurz davor, in Panik zu verfallen. Denn jetzt ist es soweit: Die europäische Datenschutzgrundverordnung wird wirksam. Gut, sie gilt eigentlich schon seit zwei Jahren, aber so richtig bemerkt hat das niemand. Ab heute kann es richtig Geld kosten, wenn man sie nicht einhält.

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Für die meisten Unternehmen und Manager ist die DSGVO einfach nur ein Ärgernis, das es zu bewältigen gilt. Viele Digitalisierungsexperten betrachten die Vorschrift als Wachstumshindernis, manche befürchten gar eine "Datenflucht" deutscher Unternehmen . Ich sehe das anders. Wenn man sich länger mit diesem Thema auseinandersetzt (und ich habe in dieser Woche ungefähr 20 Stunden mit dem Schreiben von Datenschutzerklärungen und rechtskonformen Einwilligungserklärungen verbracht), muss man trotz aller bürokratischen Anforderungen und Ärgernisse feststellen: Die DSGVO wird den digitalen Wandel  voranbringen wie kaum eine andere Vorschrift.

Hier sind drei Gründe, das vermeintliche Bürokratiemonster zu lieben:

Liebesgrund Nr. 1: Was intim ist bleibt künftig intim

Wir werden in Zukunft immer komplexere Anwendungen und Geschäftsmodelle im Bereich der Digitalisierung sehen. Sie werden wie selbstverständlich Sensoren an ihrem Körper tragen, die ihre aktuellen Gesundheitsmesswerte in die Cloud übertragen. Algorithmen werden den psychischen Zustand von Patienten überwachen und automatisierte Empfehlungen geben. Und wenn Sie älter werden, werden Sie Bewegungssensoren und Kameras bei sich zu Hause installieren, damit Sie rund um die Uhr digital überwacht sind.

Die Daten, die Sie künftig von sich preisgeben werden, haben eine ganz andere Qualität als das, was Sie aktuell bei Facebook tun. Sie liken das Katzenfoto einer Freundin oder posten ein Bild von sich am Strand von Mallorca. So what? "Ich sehe, Du magst Katzen" - mit dieser Einstufung kann ich leben. Künftig werden Sie Ihre intimsten Gesundheitsdaten der Cloud anvertrauen. Ohne das Vertrauen darauf, dass diese Daten nicht weitergegeben werden, würden Sie sich niemals innovativen Diensten aus dem Bereich E-Health anvertrauen. Die DSGVO ist ein Innovationstreiber, kein Innovationsverhinderer.

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Liebesgrund Nr. 2: Schluss mit lustig, Mark

Gab es jemals einen Facebook-Skandal? Wer die Körpersprache des Facebook-Chefs Mark Zuckerberg im europäischen Parlament beobachtet hat, kann daraus nur eines schließen: So richtig verstanden hat Mark die ganze Aufregung nicht. Das bisschen Datendingsda. Mein Gott, man kann doch mal einen Fehler machen, oder? Mark hat offenbar mächtig Druck von seinen Investoren bekommen und beugt sich diesen merkwürdig vielsprachigen Menschen namens Europäern. Doch den Sinn von Datenschutz hat Zuckerberg nicht wirklich verinnerlicht. "Es sind meine Daten und ihr Bürokraten steht dem im Weg." Falsch: Es sind die Daten der Nutzer und die EU musste erst zur dicken Keule greifen, um das zu erklären.

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Genau dieses Unverständnis von Datenschutz macht die bisherigen Geschäftsmodelle angreifbar. Consumer Profiling war immer etwas Geheimnisvolles, etwas worüber man nicht redete. Wie ein Schlachthof, wo auf der einen Seite lebendige Schweine hineinlaufen und auf der anderen Seite Fleischstücke herauskommen. Was da drin genau geschieht, darüber spricht man nicht. So lange, bis es einen Skandal gibt. Der eigentliche Facebook-Skandal ist, dass es ihn überhaupt gegeben hat. Der Großteil der Betroffenen hat erst jetzt überhaupt realisiert, dass mit den eigenen Daten etwas geschieht. Vorher bekamen Hundebesitzer doch einfach nur Tierfutterwerbung angezeigt. Was ist schon dabei?

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Die Social-Media-Geschäftsmodelle der ersten Generation sind Auslaufmodelle. Sie leben von der Intransparenz. Es war so, als ob Sie einem Fleischliebhaber sagen, das Schwein sei lächelnd zu Tode gestreichelt worden. In Wahrheit habe es sich gefreut, endlich in der Pfanne seine Bestimmung gefunden zu haben.

Doch wie in der Lebensmittelindustrie legen Verbraucher auch bei der Nutzung des Internets mehr und mehr Wert darauf, wie mündige Menschen behandelt zu werden. Und dazu passt nicht mehr, dass Daten irgendwo in einem Big-Data-Analyse-Tool verschwinden und durch geheime Algorithmen ausgewertet werden.

Liebesgrund 3: Selbstbestimmung ist etwas Wundervolles

Was ist so schlimm an Selbstbestimmung? Die DSGVO mag kurzfristig für Unternehmen ein Horror sein. Ein bürokratisches Monster, das Ressourcen frisst. Kurzfristig werden sich unlautere Abmahnungsanwälte daran bereichern. Es wird eine Reihe von Gerichtsverfahren geben, in denen grundsätzliche Fragen geklärt werden. Ja, all das nervt. Mittel- bis langfristig wird die DSGVO jedoch zu einer neuen Kultur der digitalen Selbstbestimmung führen. Und das ist wunderbar.

Für die Internetkonzerne heißt es, Abschied zu nehmen von einigen lieb gewonnenen Grundsätzen ihrer Geschäftsmodelle, etwa vom sogenannten Lock-in-Effekt, einer raffinierten Methode, mit der Sie aus dem Ökosystem eines digitalen Anbieters nicht mehr so leicht herauskommen. Ein Beispiel: Wenn Sie die Ebay-Plattform verlassen, verlieren Sie automatisch Ihre Reputation als Käufer oder Verkäufer in Form von Bewertungen. Künftig können Sie sagen: "Bitte meine Bewertungen einmal hübsch einpacken, ich möchte sie gerne zur Konkurrenz mitnehmen." Sie lassen sich bei einem Online-Händler einen Body Scan mit Ihren Maßen anfertigen. Bislang dienten die Daten dazu, dass Sie möglichst nur bei diesem einen Händler einkaufen. Jetzt sagen Sie: "Mit diesen Maßen würde ich mir gerne von ihrer Konkurrenz einen Anzug fertigen lassen."

Endlich verständlich: Alles über den neuen, europaweiten Datenschutz

Bislang erstellte Facebook ein Profil, das mindestens so top secret war wie eine Geheimdienstakte. Künftig können Sie sagen: "Was, ich bin ein Kandidat für Abführmittel? Bitte aus meinem Profil herausnehmen, ich will nicht, dass Sie das speichern." Ohne Begründung, einfach nur so. Fantastisch! Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Ich finde, dass Selbstbestimmung etwas Wunderbares ist.

Das eigentliche Versagen von Facebook und Co. besteht darin, dass es erst eine europäische Datenschutzverordnung brauchte. Dieselben Unternehmen, die sich in der Werbung als besonders kundenfreundlich preisen, waren - sobald man hinter die Kulissen blickte - extrem kundenunfreundlich. "Was? Sie möchten wissen, welche Daten wir gespeichert haben? Was sind Sie denn für ein merkwürdiger Vogel...?" Das war die Einstellung. Künftig wird es lauten: "Einmal Datenauskunft, bitte? Kein Problem."

Fazit: Die DSGVO wird die digitale Revolution fördern

Im April war ich mit deutschen Versicherungsvorständen eine Woche im Silicon Valley unterwegs. Im Kern wird die gesamte Start-up- und Technologieszene dort von nur einer einzigen Frage beherrscht: "Wie komme ich an Kapital?" Um das zu bekommen, müssen möglichst nutzerfreundliche Anwendungen gebaut werden.

Datenschutz? Wozu eigentlich? Das europäische Verständnis von Datenschutz wird von den Akteuren des Silicon Valley vielfach als eine merkwürdige Eigenart angesehen, so ähnlich wie es früher in den Asterix-Comics hieß: "Die spinnen die Römer." So wie wir nicht verstehen, dass jemand keine Krankenversicherung haben möchte, verstehen die Amerikaner nicht, warum uns dieser Datenschutz so wichtig ist.

Ich weiß nicht, ob die Verfasser der DSGVO wirklich die Förderung von Innovation  im Sinn hatten. Dennoch werden sie mit der Verordnung einen Innovationsschub auslösen:

  • Verbraucher werden sensible Daten nur dann in die Cloud geben, wenn sie sie einfach wieder löschen können. Weg damit. Danke, DSGVO!
  • Junge Start-ups, die bislang daran scheiterten, dass ihre Kunden in bestehenden digitalen Ökosystemen gefangen waren, können ihre Kundendaten einfacher transferieren. Danke, DSGVO!
  • Kunden werden künftig neue Erwartungen haben. "Was?? Die sagen mir nicht, was mit meinen Daten geschieht? Das ist komisch." Vertrauen wird ein echter Wettbewerbsvorteil. Danke, DSGVO!

Wenn Sie also hoffentlich bald mit dem ganzen bürokratischen Kleinkram durch sind, sollten Sie auf die DSGVO anstoßen. Auf eine Verordnung, die Europa stolz machen sollte. Und auf die vielen Chancen, die sich daraus für Ihr Unternehmen ergeben.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.